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Flüchtlinge retten Grundschule: Syrische Kinder für Golzow

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Syrische Flüchtlinge: Neustart in der Provinz Fotos
Dawin Meckel

Die Grundschule im brandenburgischen Golzow wäre langsam ausgestorben, hätte der Bürgermeister nicht zwei syrische Familien in das Dorf geholt. Nun gibt es doch eine erste Klasse - und der kleine Ort macht vor, wie Integration gelingen kann.

Abends um halb neun am Bahnhof von Golzow, Märkisch-Oderland: Im Maisfeld rauscht der Wind, ein Hund kläfft in der Dunkelheit, es riecht nach Heu und vergorenen Pflaumen. Um diese Uhrzeit ist es einsam in dem Dorf an der Grenze zu Polen.

Hier draußen gibt es keinen Supermarkt, kein Kino und kaum Arbeit. 850 Menschen leben noch in Golzow, jedes Jahr werden es ein paar weniger. Viele junge Leute ziehen weg, nach Berlin oder woandershin. Das kleine Dorf in Brandenburg, mit seinen Lindenalleen entlang breiter, leerer Straßen, ist kein Ort der großen Hoffnungen.

Halima Taha, 29, sieht das anders. "Hier haben meine Kinder eine Zukunft", sagt die Syrerin. Seit gut drei Monaten lebt die große Frau mit den dunkelbraunen Augen in Golzow. Genau wie ihr Mann Fadi, ihre drei Kinder und das Ehepaar Mervat und Mahmoud Hamaash mit drei Kindern.

Vielleicht haben die Syrer, die vor dem Krieg quer durch Europa flohen, die Zukunft mitgebracht ins Dorf.

Ohne sie hätte die Grundschule dieses Jahr keine erste Klasse zustande gebracht. Zum Stichtag im Mai hatten sich nur 14 Kinder angemeldet, sagt das Bildungsministerium. Ein Kind zu wenig, um eine Genehmigung zu bekommen. Es passiert oft, dass Schulen im Osten zumachen. In Brandenburg hat sich die Schülerzahl seit 1995 beinahe halbiert, im Jahr 2013 waren es noch rund 220.000 im ganzen Bundesland.

Beinahe hätte es auch Golzow getroffen, die berühmte Grundschule, über deren erste Klasse von 1961 die längste Dokumentation der Filmgeschichte gedreht wurde. 46 Jahre lang begleitet der Film "Die Kinder von Golzow" die Lebenswege von 18 Menschen. Doch nicht nur deswegen engagiert sich Bürgermeister Frank Schütz, 45, so für die Schule. Er weiß: keine Schule, keine Zukunft für sein Dorf. Es dauerte fünf Tage, bis er mithilfe des Landrats und der Ausländerbehörde die beiden syrischen Familien aus dem Erstaufnahmelager in Eisenhüttenstadt nach Golzow geholt hatte.

Drei der sechs syrischen Kinder gehen jetzt in die erste Klasse: die neunjährige Nour, die achtjährige Kamala und Bourhan, sieben Jahre alt. Am Montag hatten sie ihren ersten Unterrichtstag:

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Die Schule hilft den Kindern, endlich anzukommen und die Tage auf dem Meer zu vergessen. Kamala und ihr Bruder Bourhan saßen auf der ersten Überfahrt fünf Tage in einem Schlepperboot, seekrank von den Wellen, hungrig, als die Brote und der Käse ausgingen, dehydriert, weil das Trinkwasser nicht reichte. "Es war so heiß", sagt Bourhan.

Das erste Schiff hatte seine Familie in der Türkei bestiegen, mit 350 anderen Flüchtlingen. Der alte Kutter schaffte es nicht nach Italien. Halima, ihr Mann und die Kinder kamen nur bis Zypern. Dort hausten sie zwei Monate in einem Zelt an der Straße. Fadi klapperte alle Botschaften ab, nur die brasilianische gab ihnen ein Visum. Also zwei Monate São Paulo. Dann lief das Visum ab, sie flogen zurück in die Türkei.

Das zweite Schiff lief voll Wasser. "Ich dachte die ganze Zeit, dass wir sterben müssen", sagt Halima und ihre dunklen Augen füllen sich mit Tränen, als sie davon erzählt. Die Kinder wickelte sie nachts in Plastiktüten, gegen die Gischt und die Kälte. Nach fünf Tagen kamen sie in Sizilien an, nahmen einen Zug nach Mailand, ein Taxi nach München, einen Zug nach Hamburg. Ihre Flucht nach Europa dauerte mehr als ein Jahr und fraß all ihr Erspartes auf, mehrere Zehntausend Euro. Jetzt möchten sie sich ein neues Leben aufbauen:

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Die syrischen Kinder können erst ein bisschen Deutsch. Deswegen hat die Schule alle drei in die erste Klasse eingestuft, weil sie keinen zusätzlichen Sprachunterricht ermöglichen kann. Doch Schulleiterin Thomas zweifelt nicht daran, dass die Kinder ihren Weg machen:

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In den Wohnzimmern der Familien Ahmed und Hamaash stehen altmodische Polstersofas, wuchtige Schränke, je ein runder Tisch. Die Möbel, das Spielzeug, das Geschirr haben Golzower Bürger gespendet, auch den kleinen Kater Fino. "Den hat uns eine Nachbarin geschenkt, damit wir ankommen", sagt Halima und strahlt. "Die Menschen sind hier so gut." Wenn ihre Kinder spielen, hört sie schon die ersten deutschen Wörter:

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Es gibt auch die Nörgler, die Neider. Und einen Mann, dessen Sohn auch in die erste Klasse geht, der Vater hat sich "Blut und Ehre" auf den Arm tätowieren lassen. Es mag helfen, dass man sich kennt im Dorf. "Der war früher auch schon mein Schüler, der sieht gefährlicher aus, als er ist", sagt Schulleiterin Thomas.

In der Gegend erinnern sich viele Menschen an ihre eigenen Fluchtgeschichten: Im Zweiten Weltkrieg flohen sie vor der Roten Armee, die in der Gegend die deutsche Ostfront durchbrach - oder sie zogen nach dem Krieg hierher, vertrieben aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten.

Doch trotz der großen Hilfsbereitschaft, mit der Golzow die syrischen Familien empfangen hat: Was würde passieren, wenn noch mehr Flüchtlinge kämen? Könnte die Stimmung dann auch hier umschlagen, wie in Heidenau oder in Salzhemmendorf? "Das kann man nicht sagen. Man kann nur mit positiven Beispielen dagegenarbeiten", sagt Bürgermeister Schütz:

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Die neunjährige Nour möchte Kinderärztin werden, Kamala vielleicht Lehrerin und Bourhan würde später gern als Ingenieur arbeiten.

Ihre Väter beschäftigen sich gerade mit ehrenamtlichen Jobs: Sie gießen die Blumen auf dem Schulhof, mähen den Rasen auf dem Fußballplatz, jäten Unkraut auf dem Volleyballfeld. In Syrien hatte Fadi Sayed Ahmad ein Immobilienbüro. Mahmoud Hamaash verkaufte Fliesen und Keramik.

Die Familien leben derzeit von dem Geld, mit dem der deutsche Staat Asylbewerber unterstützt. Es ist ungewiss, ob Fadi und Mahmoud in Golzow eine bezahlte Arbeit finden werden. Es steht nicht einmal fest, ob ihre Asylanträge angenommen werden. Eigentlich hätten sie sich in Italien um Asyl bewerben müssen, so fordert es das EU-Gesetz.

"Wir treffen uns am Donnerstag um 8 Uhr an der Schule, um alles fürs Dorffest zu besprechen", sagt Bürgermeister Schütz, bevor er sich verabschiedet. Halima und Mervat wollen Kuchen backen. Die Männer wollen aufbauen helfen. Das jährliche "Sonnenblumenfest" beginnt am Samstag um 13 Uhr. Vielleicht ist Golzow doch ein Ort der großen Hoffnungen.

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