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"Abi-Krieg" in Köln: Eltern werfen Polizei zu spätes Eingreifen vor

Polizei vor dem Humboldt-Gymnasium in Köln Zur Großansicht
DPA

Polizei vor dem Humboldt-Gymnasium in Köln

Nach den schweren Auseinandersetzungen zwischen Kölner Abiturienten machen Eltern der Polizei schwere Vorwürfe. Die Beamten hätten erst eingegriffen, als der erste Schüler blutend am Boden gelegen habe.

Sie haben mit Wasser- und Mehlbomben geworfen, mit Eiern, Stöcken und vereinzelt auch mit Glasflaschen: Mehr als 200 Abiturienten sind in der späten Montagnacht in Köln aufeinander losgegangen.

Bei den Ausschreitungen wurden drei Schüler verletzt, zwei davon so schwer, dass sie ins Krankenhaus gebracht werden mussten. Ein 18-Jähriger habe eine Schädelfraktur erlitten, ein anderer eine knöcherne Gesichtsverletzung, so die Kölner Polizei. Sie ermittelt seit Dienstag in drei Fällen gegen unbekannt wegen gefährlicher Körperverletzung.

Die Polizisten waren nach eigenen Angaben um 22 Uhr vor Ort und beendeten die Auseinandersetzungen gegen 23 Uhr. Nun haben sich Eltern zu Wort gemeldet, die den Beamten schwere Vorwürfe machen: Die Polizisten hätten zu spät eingegriffen und die Jugendlichen nicht voreinander geschützt.

"Weinend und völlig aufgelöst"

SPIEGEL ONLINE liegen mehrere E-Mails betroffener Eltern vor. Die Mutter eines Schülers, der bei der Randale schwer verletzt wurde, schreibt: "Die Polizei griff erst ein, NACHDEM er und der andere junge Mann schwer verletzt waren. Vorher standen die Einsatzkräfte der Polizei daneben, schauten zu und sprachen über das Megaphon. Ihre Präsenz alleine war nicht ausreichend, denn sie hielt die jungen Menschen NICHT davon ab, aufeinander loszugehen!"

"Die Polizei schritt erst ein, als der erste Schüler blutend auf dem Boden lag", heißt es auch in einer anderen E-Mail. Der Sohn sei noch immer völlig geschockt.

"Die Situation eskalierte, mehrere SchülerInnen wurden schwer verletzt, Polizeiwagen waren vor Ort, aber meine Tochter hat keine Polizisten gesehen, die eingriffen oder geholfen hätten", schrieben andere Eltern an die Polizei Köln. Ihre Tochter sei gegen 24 Uhr "weinend und völlig aufgelöst" nach Hause gekommen. Sie habe die Polizisten gefragt, warum sie nicht früher eingegriffen hätten und die Beamten hätten geantwortet: "Die Masse - es war zu viel."

Mehrere Kriminalpolizisten ermitteln

Auch die an der Aktion beteiligte Schülergruppe "Schweinerei 2016" schrieb noch in der Tatnacht auf ihrer Facebookseite: "Eine große Enttäuschung ist die Polizei. Als wir euch um einen Krankenwagen und Hilfeleistung baten, habt ihr lediglich gesagt: 'Wir müssen zunächst die Situation einschätzen.' Dabei war jedem Anwesenden klar, dass vor dem Humboldt Gymnasium die bloße Anarchie herrschte."

Polizeisprecher Thomas Held sagte SPIEGEL ONLINE: "Die Kollegen haben sich um Verletzte gekümmert, rivalisierende Gruppen voneinander getrennt und Platzverweise ausgesprochen." Man werde nun aufklären, ob ein Eingreifen zu spät erfolgt sei. Mehrere Kriminalpolizisten seien für eine Ermittlungsgruppe freigestellt worden, die die Vorfälle untersuchen solle. Es werde einige Tage dauern, bis ein Ergebnis vorliege. "Dem möchte ich nicht vorgreifen."

Die Aktion von Montagabend war Teil des "Abi-Kriegs", den sich Kölner Abiturienten seit ein paar Jahren in der letzten Woche vor den Osterfesten liefern: Sie versuchten, Schmähplakate an anderen Gymnasien aufzuhängen - und die eigene Schule so gut es geht zu schützen.

Bereits in den vergangenen Tagen musste die Polizei ausrücken, um die Auseinandersetzungen zwischen Kölner Schülern zu beenden. In der Nacht zum Montag hatten Jugendliche Feuerwerkskörper gezündet und Schulen mit Eiern und Toilettenpapier beworfen. Es gab Anzeigen wegen teils gefährlicher Körperverletzung und Verstößen gegen das Waffen- und Betäubungsmittelgesetz. Am Freitag waren Polizisten von Schülern mit Gegenständen beworfen, bedroht und beleidigt worden. In den nächsten Tagen, so kündigte die Polizei an, sollen weitere Ausschreitungen verhindert werden.

kha

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