Konflikttraining in der Schule: Was bedeutet für dich Gewalt?

Von Hendrik Steinkuhl

Eine Troisdorfer Realschule setzt auf Konflikttrainer gegen Mobbing. Das gelingt nur halb: Nicht aggressive Schüler, sondern desinteressierte Lehrer und Eltern durchkreuzen die Kurse zur Selbstbehauptung und Gewaltvermeidung.

Kein Wort wird Inken Benthien an diesem Dienstag so oft sagen, hören und lesen wie das Wort Gewalt. "Jewalt" in rheinischem Dialekt, Gewalt mit türkischem Akzent, "Gewald" mit d und "Gehwalt" mit h buchstabiert. Inken Benthien studiert Politikwissenschaften in Münster und schreibt ihre Magisterarbeit in einer Forschungsgruppe, die den Umgang mit Gewalt in fünf mittelgroßen Städten untersucht. Das Thema "Konstruktive Konflikt- und Gewaltprävention in Schulen" hat sie sich schon vor fünf Monaten ausgesucht, als man bei Rütli noch an den gleichnamigen Schwur aus Schillers "Wilhelm Tell" dachte.

Heute will Inken Benthien an der Heimbach-Realschule in Troisdorf Schüler befragen. Die 26-jährige kommt in Begleitung von drei Herren: Jürgen Ringhausen ist Kriminalkommissar aus Siegburg, Martin Albers und Ulrich Koj aus Köln arbeiten als Konflikttrainer. Gemeinsam veranstalten sie an diesem Tag Selbstbehauptungs-Trainings – erst für die Lehrer, dann für die Eltern.

Doch zuerst ist Inken Benthien dran, Schülerbefragung in der 6b. Sie schreibt ihren Namen an die Tafel, erklärt das Projekt, und die Schüler folgen stumm ihren Ausführungen. Dann verteilt die Studentin die Fragebögen. In der Klasse ist es sehr still. Es gibt einige Verständnisfragen, aber jeder hebt vorher den Arm. Inken Benthien wundert sich: "Wahnsinn, wie ruhig die sind."

Nach 20 Minuten geben die Schüler der 6b ihre Fragebögen ab, nehmen ein Stück Schokolade und bedanken sich. Dass die Schüler so brav sind, mag an Klassenlehrerin Ruth Mühlenmeister liegen. Sie betont, dass sie Kinder aus schwierigen Verhältnissen nicht vorschnell verurteilen will. Als es in der Klasse doch für einen Moment laut wird, erhebt Mühlenmeister ihre sanfte Stimme zu einem deutlichen "Ruhe!". Sofort legt sich der Lärm.

Zur Abschreckung von der Polizei abgeführt

In der nächsten Klasse zeigt sich ein anderes Bild. Auf dem Boden liegt Müll, die Kinder kreischen, der Physiklehrer kann die Frage, welche Klasse er gerade unterrichte, nicht beantworten. Während der Befragung springen Kinder auf und schreien, der Lehrer schreit zurück. Einen Begriff lassen sich besonders viele Kinder erklären: "Was heißt 'jemanden ermutigen'?"

"Vor zwei Jahren ging es noch schlimmer zu", kommentiert Konrektorin Irmgard Mittelbach das Chaos an ihrer Schule. "Da war uns alles aus den Fingern geglitten." Sie erzählt von ständigen Schlägereien, Diebstählen, Mobbing und von der türkischen und der russischen Gang, die den Schulhof unter sich aufgeteilt hatten. Als die Schulleitung nicht mehr weiter wusste, empfahl die Kriminalpolizei, die eigenen Schüler anzuzeigen. Als das auch nicht half, führte die Polizei einen Schüler aus dem Unterricht ab, der drei Flaschen Saft geklaut hatte. "Das war wichtig. Nur so konnten wir den anderen klarmachen, dass die Polizei auch etwas tut", so Mittelbach.

Mittlerweile habe sich die Lage deutlich gebessert, nur Mobbing sei noch ein Problem, sagt Mittelbach. Konflikttrainer Martin Albers winkt ab: Häufig riefen Lehrer ihn zu Hilfe, weil sie in ihrer Klasse Mobbing vermuteten. "Dabei gibt es oft gar kein Opfer. Manche Schüler wollen etwa von sich aus nichts mit der Klasse zu tun haben." Oft seien es die Lehrer, nicht die Schüler, die ihren Job schwer machen würden. "Sie fordern von den Schülern Sozialkompetenzen, die sie selber nicht haben", sagt Albers Kollege Ulrich Koj. Reine Einzelkämpfer seien die meisten Lehrer, analysiert er, unfähig und gar nicht willens, im Team zu arbeiten.

Im Konflikttraining für die Lehrer scheint sich dieser Eindruck zu bestätigen. Es dauert lange, bis sie sich widerwillig in der Aula zusammengefunden haben. Auf einem kleinen Fernseher sehen sie, wie eine Streberin mit geflochtenen Zöpfen gemobbt wird. Polizist Jürgen Ringhausen bittet die Lehrer, die Szene zu analysieren, doch nur einer ist engagiert und meldet sich immer wieder, die anderen halten sich zurück. Nur drei haben Zettel und Stift mitgebracht.

Körpersprache ist entscheidend

"Wie wichtig ist Körpersprache?", fragen die Dozenten und stehen mit ausgebreiteten Armen vor den Lehrern. Eine junge Pädagogin meldet sich, tippt auf 40 Prozent. Konflikttrainer Albers, ehemaliger Kickbox-Weltmeister, geht stramm auf sie zu, beugt sich herunter, berührt mit seiner Nase beinahe ihre. "Ach ja?", ruft er. Die Lehrerin zuckt zusammen. "Für so unwichtig halten sie also Körpersprache?" – "80 Prozent“, erhöht mutig ein älterer Kollege. Albers nickt zufrieden.

Danach folgen Rollenspiele. Die Konflikttrainer und der Polizist geben aggressive Jugendliche, die Lehrer sich selbst. Was hätte albern werden können, gelingt, weil die Dozenten gute Schauspieler sind. Die Stimmung hellt sich auf, zwischendurch streuen Koj und Albers einige Witze ein.

Inken Benthien vertreibt sich die Zeit, indem sie die ausgefüllten Fragebögen durchblättert. "Was bedeutet für dich Gewalt?", lautet eine ihrer Fragen. "Mit Prügeln drohen" kreuzen die meisten Kinder an, "jemanden anspucken" nur ganz wenige. Auf den sechs Seiten gibt es lediglich zwei Fragen, die nicht durch Ankreuzen beantwortet werden müssen. "Wie verhältst du dich, wenn dir Gewalt angetan wird?", lautet eine der beiden. "Dann schlage ich ihn zusammen mit fünf anderen Freunden damit er es nicht wieder macht", schreibt ein griechischer Junge.

Die Antwort ist untypisch: Nur wenige Kinder geben an, sie würden mit Gegengewalt reagieren. Nur ganz wenige aber schaffen es auch, einen Satz ohne Fehler zu schreiben. "Ich währe mich", ist da zu lesen, "bei gewald zuhelfen", und "ürgend eine falsche Antwort".

"Man könnte darüber lachen, wenn das alles nicht so schlimm wäre", sagt Irmgard Mittelbach, die auch einige Bögen durchgesehen hat. Das stimmte, hätte man nicht noch Ruth Mühlenmeister im Ohr: "Man darf die Verhältnisse nicht vergessen, aus denen die Kindern kommen."

Und die Verhältnisse sehen so aus: Zum Elternabend mit Konflikttraining haben sich zehn Mütter und ein Vater angemeldet. Eingeladen waren die Erziehungsberechtigten von rund 60 Kindern.

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