Pro Ehrenrunde: Schüler mögen Sitzenbleiben

Hart, aber fair? Deutsche Schüler halten das Sitzenbleiben für richtig Zur Großansicht
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Hart, aber fair? Deutsche Schüler halten das Sitzenbleiben für richtig

Sitzenbleiben ist ein gute Sache, finden eine große Mehrheit der Deutschen - und sogar die Schüler selbst. Pläne, die sogenannte Ehrenrunde zu streichen, lehnen sie ab. Gelassener zeigt sich ausgerechnet die Großelterngeneration.

Die Mehrheit der Schüler spricht sich für das Sitzenbleiben bei schlechten schulischen Leistungen aus. Das ergab eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa, die der Deutsche Philologenverband in Auftrag gegeben hat. Überraschend dabei: Unter den jüngeren Befragten zwischen 14 und 30 Jahren halten es 89 Prozent für falsch, das Sitzenbleiben abzuschaffen. Unter Schülern der Mittel- und Oberstufe und Studenten lehnen 85 einen Abschied von der sogenannten Ehrenrunde ab.

Das Votum der Schüler kommt zu einer Zeit, in der die Debatte über Sinn und Unsinn des Sitzenbleibens gerade neu entbrannt ist: Zuletzt hatte die rot-grüne Koalition in Niedersachsen im Koalitionsvertrag festgeschrieben, das Sitzenbleiben stufenweise abzuschaffen. In Hamburg ist das unfreiwillige Wiederholen bereits weitgehend Geschichte, in Rheinland-Pfalz beginnt bald ein Modellversuch, der in die gleiche Richtung weist.

Auftraggeber der aktuellen Befragung war mit dem Deutsche Philologenverband die Berufsvertretung der deutschen Gymnasiallehrer. Der Verband hatte die niedersächsischen Pläne, das Sitzenblieben abzuschaffen, zuletzt Ende Februar als "puren Unsinn" kritisiert. Zum Befragungsergebnis sagte Philologenverband-Chef Heinz-Peter Meidinger, Schülern widerstrebe es offenbar, "dass derjenige, der sich nicht anstrengt, einfach weiterkommt". Das liege am großen Gerechtigkeitsempfinden der Jugendlichen, so Meidinger.

Die Meinungsforscher befragten nicht nur Jugendliche, sondern 1500 Menschen aus allen Altersgruppen. Insgesamt halten es demnach 73 Prozent der Deutschen für falsch, das Sitzenbleiben abzuschaffen. Nur jeder Fünfte findet die Pläne einiger Bundesländer zum Ende der sogenannten Ehrenrunde gut. Die über 60-Jährigen urteilen milder als die unter 30-Jährigen: Unter ihnen sagten immerhin 29 Prozent, es sei richtig auf das Sitzenbleiben zu verzichten.

Auch Anhänger der SPD fürs Sitzenbleiben

Das Sitzenbleiben abzuschaffen, ist auch über Parteigrenzen hinweg unbeliebt: Laut Forsa halten selbst unter SPD-Anhängern nur 24 Prozent den Verzicht aufs Sitzenbleiben für richtig. 72 Prozent sind dagegen. Bei den Wählern der Grünen gaben 60 Prozent an, sie fänden es falsch, wenn das Sitzenbleiben wegfällt.

Gegner des Sitzenbleibens argumentieren mit den Kosten, die es verursacht, wenn aktuell zwei Prozent der deutschen Schüler eine Jahrgangsstufe noch einmal besuchen. Eine Bildungsstudie der Bertelsmann-Stiftung hatte im Jahr 2009 ergeben, dass Schüler, die eine Klasse wiederholen müssen, die Länder pro Jahr rund eine Milliarde Euro pro Jahr kosten, und das ohne allzu großen pädagogischen Erfolg. Außerdem finden Bildungsforscher und Schulpolitiker von SPD und Grünen seit jeher, das Sitzenbleiben sei keine sinnvolle Lernmotivation für die Schüler. In der aufgeheizten Debatte der vergangenen Wochen sprach Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) für die Fans des Sitzenbleibens: Die Rückstufung abzuschaffen, nannte Spaenle analog zum Philologenverband und zum Deutschen Lehrerverband "blanken Unsinn" und bildungspolitischen und pädagogischen Populismus.

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Prominente Sitzenbleiber: "Jahre der Unlust, der Einförmigkeit"
Meidinger nannte die Debatte ums Sitzenbleiben "in hohem Maße unehrlich". Die Pläne zur Abschaffung seien "in erster Linie eine Sparmaßnahme von Bundesländern, um Schüler schneller an den Arbeitsmarkt loszuwerden". Keine Landesregierung setzte sich bislang für effektive individuelle Förderung in nennenswertem Umfang und zusätzliche Lehrkräfte ein. Der These des Philologenverbands, dass die Abschaffung des Sitzenbleibens vor allem auf Kosten der Qualität der Leistungsergebnisse bei mittlerer Reife und Abitur gehen wird, stimmten 73 Prozent der Befragten zu.

jon

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1.
bourne 06.03.2013
Zitat von sysopCorbisSitzenbleiben ist ein gute Sache, finden eine große Mehrheit der Deutschen - und sogar die Schüler selbst. Pläne, die sogenannte Ehrenrunde zu streichen, lehnen sie ab. Gelassener zeigt sich ausgerechnet die Großelterngeneration. http://www.spiegel.de/schulspiegel/laut-umfrage-halten-deutsche-schueler-das-sitzenbleiben-fuer-richtig-a-887150.html
Meiner Erfahrung nach hilft das Wiederholen sehr wohl. Ich selbst musste zwar keine Klassenstufe wiederholen, und ich hoffe das ändert sich auf den letzten Metern auch nicht mehr, aber in den letzten 13 Jahren habe ich einige "Sitzenbleiber" getroffen und der Großteil von ihnen verbesserte sich im Wiederholungsjahr deutlich. In den höheren Klassen halte ich das Sitzebleiben für sinnvoll, weil es den Betroffenden gewissermaßen wachrüttelt. Ein Warnschuss, den die meisten sehr ernst nehmen und entsprechend an sich arbeiten. In den niedrigeren Klassen, gerade in der Übergangsphase zwischen Grundschule und weiterführender Schule, ist das Sitzenbleiben meiner Meinung nach sinnvoll, weil viele Kinder sich wohl noch in einer Phase befinden, in der das Treffen mit Freunden nun einmal wichtiger als die Schule ist, und das ist auch gut so für einen 10-Jährigen. Eine Klasse zu wiederholen bietet diesen Schülern eine Chance, sich in ihrem Tempo zu entwickeln. Das Bewusstsein darüber, wie wichtig die Schule ist, setzt bei einigen Kindern früher, bei anderen später ein. Das Kinder das Sitzenbleiben als Demütigung verstehen mag sein, aber die Sorge, dass sie längerfristig darunter leiden halte ich für unbegründet. Wie bereits erwähnt: In meiner schulischen Karriere traf ich auf drei verschiedenen Schule (Grundschule, Realschule, Berufliches Gymnasium) einige Sitzenbleiber und keiner von ihnen war schlecht integriert. Am Ende meiner Realschulzeit wusste ich nicht mal mehr, wer von Anfang an dabei war, und wer erst später durch sitzenbleiben etc. hinzu kam.
2. Abschaffen schont auch privaten Geldbeutel
hanseat52 06.03.2013
In der Mittelstufe greift ja auch bei bürgerlichen Zöglingen oft Pubertät und Bocklosigkeit um sich. Eltern versuchen mit Nachhilfeunterricht die Gefahr des Sitzenbleibens zu umschiffen, bis der Motor dann in der 10. Klasse wieder zum Laufen kommt. Wenn Sitzenbleiben abgeschafft und der Staat mit individueller Förderung die Lücken schließt, ist dies ganz hervorragend. Nachhilfeunterricht wird sozialisiert. Wen es nicht wie gewünscht klappt, kann man mit anderen bürgerlichen Eltern dann ja in der Schule permanent auf der Matte stehen. Wünschenswert?
3. Bildungspolitik von SPD/Grünen
dasGyros 06.03.2013
Das Thema fällt für mich wieder unter das Thema 'Gutmenschen-Kuschel-Politik' von SPD und Grünen. Die Politiker dieses Lagers übersehen dabei völlig, dass bei einem Großteil der Schüler durchaus eine gewisse Leistungsbereitschaft und ein Gerechtigkeitssinn vorhanden ist. Wenn sich Leistung nicht mehr lohnt oder umgekehrt Nicht-Leistung nicht bestraft wird wirkt sich dies negativ auf die Motivation vieler Schüler aus. Ich selbst weiß nicht, ob ich mich während meiner Pubertät dazu hätte durchringen können mich für Mathe auf meinen Allerwertesten zu setzen, wenn ich mit der Beton-Fünf auch weitergekommen wäre... Bezeichnender Weise wird das Sitzenbleiben in den Ländern abgeschafft, die bei den ganzen PISA und co. Tests eh schon am schlechtesten abgeschnitten haben, das spricht dann wohl eh für sich.
4. ... im Koalitionsvertrag vereinbart... ??
rolf1951 06.03.2013
Ich bin für eine Wiederholung einer Klasse, wenn die Leistungsanforderungen nicht erbracht wurden. Den Kommentar von "bourne" finde ich sehr gut. Sehr schlecht finde ich allerdings, daß die Abschaffung in eine Koalitionsvereinbarung aufgenommen wurde. Eine Idee die nur von Politikern kommen kann, weil ein normaler Arbeitnehmer, der die geforderten Leistungen nicht erbringt entlassen wird, ein deutscher Politiker, der die geforderten Leistungen nicht erbringt aber in eine EU-Kommission ausgelobt wird. So in etwa wäre es für mich nachvollziehbar. Die Idee unserer Politiker geht wie so oft am realen Leben daneben.
5.
biobanane 06.03.2013
Der Philologenverband ist nicht "der" Berufsverband der Gymnasiallehrer, sondern ein Lehrer-Verband, der sich unter dem deutschen Beamtenbund organisiert hat. Daneben gibt es nürlich noch eine Gewerkschaft, wie für jeden Arbeitnehmer. Im Zweifelsfall hat der Philologenverband immer ein sehr konservative Auffassung von Bildungspolitik. Das Abschaffen des Sitzenbleibens ist schon über 10 Jahre in der Diskussion, es gab auch schon die Überlegung, wie in Amerika Sommerkurse für gefährdete Schüler einzuführen. Aber woran sind die wohl gescheitert?
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