"Als uns die Chart-Prognose einen der ersten drei Plätze voraussagte, haben wir fast geheult. Uns wurden so viele Steine in den Weg gelegt, weil wir so jung sind. Für jeden Vertrag mussten wir zum Vormundschaftsgericht, alles sollte doppelt und dreifach geprüft werden, jedermann wollte uns reinreden, immer wieder kam etwas dazwischen. Schon als endlich die Single herauskam, waren wir unglaublich glücklich. Jetzt begrüßen wir vor der ersten Stunde unsere Fans, und die Mädchen schreiben uns Liebesbriefe. Unglaublich.
Wir haben schon lange davon geträumt, berühmt zu werden. Schon früher waren wir uns für keinen Auftritt zu schade. Seit mein Zwillingsbruder Tom und ich neun Jahre alt waren, spielten wir auf Dorffesten, Wettbewerben und allen kleinen Clubs, die eine offene Bühne anboten. Bis heute kann ich kein Instrument spielen oder Noten lesen, deshalb ließen wir damals auf einem Keyboard Schlagzeug-Loops abspielen - das reichte, um auf Schülerwettbewerben aufzutreten. Überall schickten wir unsere Demo-Tapes hin. Unsere Eltern mussten uns fast jedes Wochenende irgendwohin fahren.
Die alten Songs waren teilweise echt schlecht
Unser Programm bestand aus ein paar Liedern mit deutschen Texten - wir konnten ja noch kein Englisch. Die Songs waren teilweise echt schlecht. Wenn man sich das heute anhört, erkennt man uns kaum wieder. Neulich hat mir mein Vater ein Video von einem unserer ersten Auftritte gezeigt: Sehr lustig, wie schüchtern wir da noch waren. Peinlich ist mir das trotzdem nicht. Jeder fängt ja mal an.
Vor zweieinhalb Jahren war dann dieser Abend, an dem wir wie fast jedes Wochenende in unserem Magdeburger Stammclub auftraten. Mittlerweile waren wir zu viert und nannten uns nicht mehr "Devilish", sondern "Tokio Hotel", weil wir gern einmal in Tokio spielen würden. Zufällig trank an diesem Abend ein Produzent aus Hamburg in dieser Kneipe ein Bier und sprach uns nach dem Konzert an. Das war unglaubliches Glück. Nie hätten wir gedacht, in so einer kleinen Stadt wie Magdeburg von dem Richtigen herausgefischt zu werden. Wir waren fassungslos und völlig ratlos, was denn jetzt als nächstes zu tun sei.
Schon eine Woche später standen wir zum ersten Mal in einem professionellen Studio, umringt von vier Produzenten. Vor Aufregung bekamen wir kein Wort heraus. Doch dann lud uns der Produzent erst einmal in sein Haus zum Essen mit seinen Kindern ein, und wir haben uns entspannt. Danach konnten wir extrem cool arbeiten, wir hatten viel Platz zum Kreativsein. Zusammen mit den Produzenten habe ich auch einen großen Teil der Texte geschrieben. Jeder steuerte etwas bei, mal fiel einem eine gute Strophe ein, dem anderen ein Refrain.
Der Video-Dreh war eklig
Es gab zwei Studios, in denen wir in den letzten zwei Jahren jede Ferien verbrachten: Im Aufnahmesaal haben wir herumprobiert, wie sich die Instrumente in den Songs am besten anhören. Ich habe dazu ins Mikrofon gesungen, damit die Musiker ein Gefühl für die Songs bekommen. Als Schlagzeug und Gitarren aufgenommen waren, habe ich im zweiten Studio, einer Gesangskabine, über Kopfhörer die Musik gehört und habe dazu meine Texte gesungen. Dazu habe ich ewig gebraucht. Allein einen Song einzusingen dauert manchmal einen ganzen Tag. Ich musste mich ständig wiederholen, wenn ich mal einen Ton nicht getroffen hatte. Teilweise habe ich auch den Chor selbst gesungen. Die ganzen Sommerferien haben wir in diesen Studios verbracht.
Mit der Schule klappt es momentan noch ziemlich gut, auch wenn ich meine Hausaufgaben manchmal im Tourbus erledigen muss. Meine Mitschüler wundern sich, dass unsere Musik jetzt so erfolgreich ist. Viele Jungs reagieren neidisch, manche freuen sich aber auch für einen. Jetzt stellt sich wohl heraus, wer wirklich mein Freund ist. Aber Missgunst gab's schon immer: Seit mein Bruder und ich Musik machen, waren andere neidisch auf uns.
Aufgezeichnet von Carola Padtberg
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