Von André Naumann
Ein breites Lächeln schiebt Arnes Mundwinkel zur Seite. Arne Addicks, 15, besucht den wöchentlichen Sanitäts-Gruppenabend im Vereinsgebäude der Johanniter Jugend. Er ist dort Ersthelfer. "Die anderen spielen Basketball oder Fußball, ich finde es toll, Menschen zu helfen", sagt der Schüler selbstbewusst, "das ist irgendwie mein Ding." Zuhören und lernen sind heute seine Aufgaben, "Septischer Schock" steht auf dem Lernplan.
Seit knapp zwei Jahren engagiert sich Arne bei der Johanniter Jugend Bremerhaven. Er ist ein Exot - der einzige Nachwuchshelfer, der sich ehrenamtlich an Sanitäts- und Jugendarbeit beteiligt. Vor Einsätzen scheut er sich nicht. "Wenn was ist, helfe ich", sagt Arne. Am liebsten ist er immer vorn mit dabei. Doch sein Alter setzt ihm Grenzen. "Schwere Unfälle" und "große Sachen", wie er selbst sagt, sind für Arne tabu: "Ich bin doch erst 15."
Woran liegt es, dass sich nur ein Jugendlicher für das Ehrenamt entscheidet? Vor fünf Jahren wimmelte es an Sanitätsabenden nur so von begeisterten Teenagern. Gruppen von 20 Leuten seines Alters waren nicht selten. Heute heißt es: "Null Bock", "keine Zeit", "hab schon was vor" - Ausreden gibt's immer.
Immer mehr Kommunen klagen über das Aussterben ehrenamtlicher Strukturen. So gaben in Hessen bei einer Umfrage 80 Prozent der Schüler an, dass sie Ehrenämter wichtig finden - aber nur ein knappes Drittel ist tatsächlich aktiv. Alarmiert wandte sich im September eine Ehrenamt-Agentur im nordrhein-westfälischen Essen an die Öffentlichkeit, weil ihr mehr als 300 freiwillige Helfer fehlen.
Thomas Richter, Bürgermeister der sächsischen Kleinstadt Rathen, befürchtet, dass "die Vereine irgendwann sterben". Die Jugend plane lieber spontan und scheue feste Riten. Achim Rothe, Chef der örtlichen Freiwilligen Feuerwehr, bekam das kürzlich hautnah zu spüren. Für die geplante Gründung einer Jugendfeuerwehr schrieb er 38 Jugendliche an. "Zugesagt haben drei, zum Termin kam einer", erzählt Rothe. "Wenn das so weitergeht, gibt es hier in zehn bis 15 Jahren keine Feuerwehr mehr."
Solche Beispiele sind zahlreich. Streits schlichten an Schulen, Essen ausgeben an Obdachlose, örtliche Kulturveranstaltungen betreuen, Hausaufgabenhilfe für Lernschwache – alle finden das wichtig. Aber keiner will's machen.
Schmeißt einer hin, gehen alle
Lediglich in Baden-Württemberg wird das Ehrenamt noch vergleichsweise ernst genommen. Besonders erfreulich dort: Die Jugendlichen holen auf. Eine Untersuchung im Auftrag Kultusministeriums ergab, dass in der Altersgruppe von 14 bis 30 Jahren inzwischen 46 Prozent ehrenamtlich tätig sind. Der Vorwurf, die Jugend sei desinteressiert und lasse nur den Spaßfaktor gelten, werde durch die Untersuchung widerlegt, sagt Staatssekretär Georg Wacker: "Vom oft beschworenen Kollaps ehrenamtlicher Strukturen in den Zentren kann keine Rede sein."
In Bremerhaven dagegen haben Playstation, Bars, Diskotheken und kommerzielle Freizeitmöglichkeiten die ehrenamtliche Mitgliedschaft beim Sanitätsdienst abgelöst - das gilt als "uncool". Außer ein "gutes Gefühl und Spaß" kriege man nichts mehr, sagt Thomas Unruh, 36. Der Johanniter-Einsatzleiter für Sanitätsdienste hat in seiner zwölfjährigen Laufbahn so manches miterlebt: "Gruppen von sechs Jugendlichen waren mit einem Mal verschwunden", berichtet er, "wenn einer geht, dann gehen gleich mehrere."
Unruh ist froh, dass wenigstens Arne geblieben ist. Zwei Stunden lang, von 19 Uhr bis 21 Uhr, zeigt der Schüler, was er bereits gelernt hat. Die Gruppe sitzt im Halbkreis, in der Mitte ein Rettungskoffer und eine gelbe Plane. Szenarien für den Ernstfall werden durchgespielt, man weiß ja nie. Arne beobachtet aufmerksam das Geschehen: "Ich lerne ständig neue Dinge dazu."
Unruh ist überzeugt, dass die größte Sorge bei Jugendlichen, als Außenseiter in der Clique abgestempelt zu werden, die meisten auch am Beitritt in seinen Verein hindert. "Sportvereine sind heutzutage Trend", sagt der gelernte Elektriker, "der übliche Sanitätsdienst ist es nicht."
Mitmachen hat etwas mit dem Freundeskreis zu tun. Daran scheitern viele. In den letzten fünf Jahren ging die Mitgliederzahl der Johanniter in Bremerhaven ständig bergab. "Nach und nach waren alle weg", sagt der Einsatzleiter. Arne opfert für Abende wie diesen gern seine Freizeit. Mehrmals versuchte er, seine Freunde für den Sanitätsdienst zu begeistern - vergeblich. "Die hatten einfach keine Lust."
Auch Jörg Beumelburg-Nordbrock hat da Verständnisprobleme. Er ist Fachbereichsleiter für Jugend und Ehrenamt, seit 25 Jahren für die gesamte Johanniter-Jugendarbeit in Niedersachsen und Bremen zuständig und spricht von einem Wertewandel: Das Gemeinschaftsgefühl junger Menschen habe sich in den letzten zehn Jahren gravierend verändert. Die Jugend sei keinesfalls "schlechter geworden", sie sei "offener und kritischer", sagt der Familienvater. Sie gestalte ihre Freizeit aufwendig und plane die Karriere immer früher.
Als Gutmenschen belächelt
Doch für die Karriere braucht man auch soziale Kompetenzen. Der Staat ist seit einiger Zeit bemüht, ehrenamtliches Engagement von Jugendlichen zu zertifizieren, um bei Bewerbungsverfahren ihre Chancen zu verbessern. Unter anderem auf Bestreben der früheren Bundesfamilienministerin Renate Schmidt (SPD) hat die EU-Kommission Anfang 2004 beschlossen, so genannte weiche Standards zur Zertifizierung genau zu definieren.
Wirtschaftsverbände begrüßen den Vorstoß. Auch sie haben erkannt, dass engagierte junge Menschen oft über Schlüsselkompetenzen verfügen, die der Einzelne allein in einem Wirtschaftsstudium oder einer Bank-Ausbildung nicht so leicht erwerben würde.
Viele Jugendliche beschränken sich auf ökonomisch messbare Aktivitäten. "Wir leben in einer Ellenbogengesellschaft", bedauert Beumelburg-Nordbrock. Von Nächstenliebe sei da keine Spur: "Jeder ist sich der Nächste, die Gemeinschaft spielt eine untergeordnete Rolle."
Ehrenamtlich Engagierte gelten schnell als Außenseiter, als Gutmenschen, die man eher belächelt, als sich an ihnen ein Beispiel zu nehmen. Dass Schüler solche Tätigkeiten als langweilig empfinden, könnte auch daran liegen, dass das Konzept ehrenamtlicher Jugendarbeit tatsächlich veraltet ist und Veränderungen nötig sind.
Jörg Beumelburg-Nordbrock ist sich sicher, dass man noch einiges tun muss, um das Ehrenamt für junge Menschen wieder attraktiver zu machen. Verstaubte Angebote sollen neuen "Kulturprogrammen" weichen, außerschulische Seminare übersichtlicher werden. Auch Thomas Unruh ist bereit, neue Wege zu gehen. Er wünscht sich vor allem mehr öffentliche Aufmerksamkeit, mehr Beachtung für Projekte und Aktionen.
Für Arne geht der heutige Gruppenabend langsam zu Ende. Seine Karriere als Ersthelfer noch lange nicht. "Ich mache das, solange ich kann", sagt er. Arne weiß, dass er als ehrenamtlicher Ersthelfer größere Chancen auf einen Job im medizinischen Bereich hat. Krankenpfleger will er werden. Sein Motto: "Hände, die helfen, schlagen nicht!"
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