Von Timo Nowack und Markus Flohr
Rechte Gruppen wollen an diesem Tag in Seelow gefallener Wehrmachts-Soldaten gedenken, mit einem Schweigemarsch und Kränzen. Wer es nicht besser weiß, hält die drei Jungs für einen Teil der Gegendemo. Selbst der Polizist mit seiner Kamera weiß für einen Moment nicht, wen er filmen soll: Die hier? Oder doch die da hinten, wo der Lärm herkommt, wo die anderen stehen? Die radikalen Rechten kopieren alles, was dem Schwarzen Block mal hoch und heilig war. Sie waschen die linken Kleidungsstücke so lange auf rechts, bis es ihre sind.
Dass es zwischen Linken und Rechten einige inhaltliche Parallelen gibt, erleichtert den Autonomen Nationalisten ihr Versteckspiel. Kapitalismuskritik, die Ablehnung der israelischen Politik, Revolutionsrhetorik, Anti-Globalisierungs-Parolen: Bei Aufrufen wie "Kapitalismus zerschlagen, autonomen Widerstand organisieren!" sind Verwechslungen leicht möglich. "Auch die "Autonomen Nationalisten" lehnen diesen Staat ab - aber sie sind in ihrer Ablehnung viel radikaler als die 'Alt-Nazis' und halten an Rassismus, Antisemitismus und Nationalismus fest", sagt Ralf Beltermann vom Arbeitskreis "Dortmund gegen Rechtsextremismus".
So schätzt es auch das Bundesamt für Verfassungsschutz ein. "Im Gegensatz zum weit überwiegenden Teil der klassischen Neonazi-Szene, die derzeit auf Militanz verzichtet, akzeptieren sie das Gewaltmonopol des Staates nicht", sagt eine Sprecherin der Behörde. "Bei ihnen herrscht eine hohe Bereitschaft zur situativen Gewaltanwendung und zu offensiven Aktionen gegen Polizei und politische Gegner" - und für die Polizei sei es "oft schwierig, zwischen links- und rechtsextremistischen Autonomen zu unterscheiden".
Wie groß ist die Szene wirklich?
Der Verfassungsschutz bewertet die "Autonomen Nationalisten" in einem neuen Bericht allerdings als "militante Randgruppe". Sie seien "im Gesamtgefüge weitgehend isoliert, abgesehen von einigen Führungsfiguren mit Kontakten in die klassische Neonaziszene". Die rechtsextreme Szene diskutiere dieses Konzept seit zwei, drei Jahren "eher ablehnend", eine breite Umsetzung sei auch nicht zu erwarten, so die Sprecherin. Das Bundesamt schätze die Anhänger der Szene auf lediglich "etwa 150 bis 200 Personen in Deutschland".
"Das halte ich für arg untertrieben", kontert Ralf Beltermann. "Die Szene dürfte erheblich größer sein. Man sieht hier vor Ort die Aktivitäten und das Potential bei überregionalen Demonstrationen." Die Aktivisten der neuen Generation seien meist Anfang bis Mitte 20, würden sich hervorragend im Einsatz von neuen Medien auskennen und auch vor Gewalttaten gegen bekannte Antifaschisten nicht zurückschrecken, bis hin zu Überfällen. Für Jugendliche sei nur schwer zu erkennen, mit wem sie es zu tun haben. So seien die "Autonomen Nationalisten" in Sachen Musik offen und könnten Jugendliche in Discos oder Konzerten leichter ansprechen, da sie erst einmal unerkannt blieben.
Zum 1. Mai planen Neonazis aus ganz Deutschland eine Großdemonstration in Dortmund. Die Polizei rechnet mit rund 1000 Teilnehmern. Die gesamte rechte Szene wird vertreten sein, mit Rednern der NPD-Spitze. Die Aufkleber und Flugblätter ähneln der Werbung für ein alternatives Rockkonzert: "Komm zur Demo", lädt ein lächelndes Pärchen im Stile der sechziger Jahre ein - und darüber der Slogan: "Gemeinsam gegen den Kapitalismus."
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