Von Maximilian Popp
Der Hauzenberger Busbahnhof ist eine Bushaltestelle, die Bahnhof heißt, weil sie überdacht ist. Eine Gruppe Teenager trifft sich hier jeden Nachmittag, am Wochenende schon mittags. Wer es sich leisten kann, fährt mit dem eigenen Auto vor – oder zumindest mit dem der Eltern. Am Boden liegen zertretene Dosen und Zigarettenkippen, es riecht nach Bier.
Robert, ein Junge mit Baseball-Cap und Baggy-Jeans, sitzt auf der Motorhaube seines VW Golfs und schaut dem Rauch der Marlboro nach. "Hab jetzt mal wieder fett aufgerüstet", sagt er und zeigt mit der Zigarette auf sein Auto. Die Fensterscheiben sind getönt, die Türgriffe verchromt, der Wagen ist tiefergelegt, der Unterboden beleuchtet. Robert arbeitet als Zivi bei den Maltesern und steckt viel Geld in seinen Golf. Die anderen Jungs nicken anerkennend. "Hol uns doch noch nen Sixpack", sagt Robert zu einem der Jüngeren und dirigiert ihn mit seiner Zigarette zur Shell-Tankstelle gegenüber. "Wir wollen schließlich nicht im Trockenen hocken."
Bastian "meidet" den Busbahnhof: "Da treffen sich ganz andere Typen. Nichts für mich." Am Schreibtisch in seinem Zimmer, mit Postern von Lukas Podolski und Che Guevara, tippt er Mails. Wenn er sich mit Freunden unterhalten will, ruft er nicht mehr an, er schaltet seinen Computer ein. Alle haben ICQ, ein Chatprogramm. Bastian sagt, der Chat helfe, mit den anderen in Kontakt zu bleiben. "Einfach mal so an die Tür klopfen geht ja nicht, wenn sie teilweise entfernt wohnen."
Vor der offenen Balkontür quaken die Frösche und zirpen die Grillen. Bastian blickt auf die grünen Hügel des Bayerischen Waldes, es riecht nach nassem Gras. "Schön hier, nicht wahr?", sagt er. Später will er als Koch arbeiten. Er könne sich auch vorstellen, eine Weile in einer Stadt zu leben. Aber irgendwann möchte er nach Oberkümmering zurückkehren. "Auf Dauer in der Stadt zu wohnen, das wär' mir zu anstrengend", sagt Bastian.
"Gangs schlachten sich ab"
Die Stadt ist Hauzenberg; Passau, das 50.000 Einwohner zählt, liegt eine Halbestunde mit dem Auto entfernt. Nur ein paar Mal im Jahr nimmt Bastian den Bus nach Passau, um Klamotten zu kaufen oder ins Kino zu gehen. Zu laut ist es ihm dort, zu hektisch - und die Menschen seien hochnäsig. "Die glauben, sie wären was Besseres und wir alle Landeier."
Manchmal beneide er die Jugendlichen in der Stadt schon um die Möglichkeiten, die sie hätten. "Einfach mal mit Leuten ins Café gehen oder auf ein Konzert, das fehlt mir." Auf dem Land könne es doch sehr schnell langweilig werden.
Bastian und einige Freunde haben deshalb vor einem Jahr mit dem Bürgermeister gesprochen und ihm gesagt, dass Oberdiendorf Jugendlichen zu wenig biete. Der Bürgermeister schickte sie daraufhin zum Pfarrer, der Pfarrer riet ihnen, eine kirchliche Jugendgruppe zu gründen.
Jeden Dienstag trifft sich die Gruppe nun im alten Geräteschuppen des Kindergartens. Ein abgewetztes Sofa haben sie dort aufgestellt, eine Musikanlage und einen Fernseher. Zu sechst sind sie meist, manchmal zu siebt. Sie spielen Karten und reden über Frauen und Fußball, wenn Mädchen dabei sind, nur über Fußball. Manchmal bringt der Manni eine DVD mit. Bevor es die Gruppe gab, trafen sich die Kids an der großen Kreuzung in Oberdiendorf. "Ungemütlich" sei das gewesen, sagt Bastian.
Er tippt fahrig auf den Tasten seines Computers. Gleich muss er los, zur Grillfeier des FC-Bayern-Fanclubs im Gasthof Ritzer.
"Na Buam, wie habt's gspuit?", grüßt der Wirt. Er hat auf der Terrasse ein großes Zelt aufgestellt. In der Luft klebt der Geruch von gegrilltem Fleisch. In der Ecke neben dem Bierfass sitzen der Stefan, der Michael, die Sandra und die Christine und kauen an Bratwürsten. "Am Land gibt’s noch Zusammenhalt", sagen sie.
Würde keiner von ihnen lieber in der Stadt wohnen?
"Niemals, da wohnen doch nur Irre!", ruft die Christine und lacht. "Am Land", sagt Bastian, "da hat man wenigstens seine Ruhe."
(*Name geändert)
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