Von Anna Reimann
Der Ort, an dem Detlev B. vor zwei Wochen krankenhausreif geprügelt wurde, liegt still und grün in einer Nebenstraße. Ein unauffälliges Tor neben einer gutbürgerlichen Kneipe, der Schulhof erstreckt sich weit vor den hellen Gebäuden. Vor dem Tor in einem Hauseingang sitzen zwei Schüler herum. Ein Junge und ein Mädchen. Sie sagen: Es passiere öfter, dass von außen Jugendliche kommen und Unruhe stiften. Mehr nicht. An der Schule selbst sei eigentlich alles friedlich.
Anders als bei Eckart Bruhns kam der Täter, der Detlev B. zusammenschlug, nicht von der Schule. Wie geht ein Kollegium mit so einem Vorfall um?
Im ersten Stock in einem Besprechungsraum der Röntgen-Realschule sitzt Rektorin Marlis Meinicke, kurze blonde Haare, türkiser Blazer. Zuletzt waren viele Reporter bei ihr an der Schule, der verprügelte und verletzte Lehrer wurde von einer Boulevardzeitung fotografiert. Die Schule wollte offen umgehen mit dem Vorfall. Meinicke sagt: "Die Hemmschwelle ist in den letzten Jahren bei Jugendlichen ganz sicher gesunken." Es gehe schneller, bis die Stimmung kippe. Ein großes Problem - aber ein "Hort der Gewalt", das sei ihre Schule ganz sicher nicht.
"Sehnsucht danach, irgendwo dazuzugehören"
Ein physischer Angriff auf einen Lehrer sei an ihrer Schule vorher noch nie passiert. Dass sie von Jugendlichen, die auf die Schulhöfe gelangen, angepöbelt werden, dagegen schon öfter, so Meinicke. Wenn Eltern schon bei kleinen Kindern versäumten, Regeln zu setzen, gehe es eben schnell, dass Lehrer, die genau diese Regeln einfordern, ins Visier von Gewalttätern gerieten.
Im Viertel habe sich eine richtige "Versagergruppe" herausgebildet, Jugendliche, die gesellschaftlich kaum Chancen haben. "Eine unheilige Allianz, aber oft der einzige Ort, an dem Jugendliche ein Heimatgefühl vermittelt bekämen", sagt die Rektorin. So wie der Jugendliche, der ihren Kollegen verprügelte - er hat 40 Straftaten begangen und läuft immer noch frei herum. Wahrscheinlich spiele bei den Tätern, die von außen auf die Schulhöfe dringen, auch die "Sehnsucht, wenigstens irgendwo dazuzugehören, eine Rolle", vermutet Meinicke.
Ihren Schülern will sie den Rücken stärken: "Wir müssen den Schülern Erfolgserlebnisse vermitteln, dann sind sie auch auf der Straße stärker und lassen sich nicht in gewalttätige Gruppen hineinziehen. Die Medien bieten nur zwei Wege an - die Soap-Lösung und die Gewalt-Lösung."
Thomas Busch, der genau wie die anderen Lehrer der Röntgen-Oberschule schockiert ist von dem Vorfall, hat noch eine andere Erklärung: "In dem Maße, wie Lehrer gesellschaftlich an Ansehen verlieren, wirkt sich das auch auf Respekt und Umgang aus. Wir dürfen aber nicht das Vertrauen in den Jugendlichen, in den Menschen verlieren." Das käme einer Kapitulation gleich.
Detlev B. von der Röntgen-Schule kam sofort an die Schule zurück. Eckart Bruhns ist nach einem dreiviertel Jahr Pause seit Beginn des letzten Schuljahres wieder im Dienst. Lange, sagt er, habe er Probleme gehabt mit "Schülern mit schwarzen Haaren und weißer Kleidung". Weil der Täter so aussah. "Aber ich wollte nicht, dass der Schüler Recht behält mit seinem Satz: 'Du wirst nie wieder an dieser Schule unterrichten.'"
*Namen und Personenangaben geändert
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