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04.07.2007
 

Krach in der Schule

Schmoren auf der roten Strafbank

Von Katrin Schmiedekampf

An der Reeperbahn, morgens um zehn: Die Kinder der Ganztagsschule St. Pauli haben große Pause. Wachleute braucht die Schule nicht, obwohl sie mitten im Problemkiez liegt. Die Lehrer haben bessere Ideen, wie sie ihre Schüler im Zaum halten können.

Heute muss niemand auf die rote Bank. Ausnahmsweise. Denn es regnet, die Bänke auf dem Schulhof der Ganztagsschule St. Pauli sind nass. "Du begleitest mich stattdessen ein Stück", sagt die Pausenaufsicht zu dem Jungen im gelben Pullover. Er hatte gerade Streit mit einem schwarzhaarigen Mädchen. "Du kannst mich mal!", "Hau ab!" - es ging hin und her, bis das Mädchen plötzlich ganz laut "Stopp" gerufen hat.

Stopp - an der Ganztagsschule in St. Pauli bedeutet das so viel wie: Mir reicht's, hau ab. Stopp rufen darf jeder, der das Gefühl hat, ihm rückt jemand zu sehr auf die Pelle. Wer dann nicht sofort aufhört, zu schreien, zu schlagen und zu toben, landet auf der roten Bank- und muss dort drei bis fünf Minuten schmoren. "Das hilft meistens, die Gemüter beruhigen sich", sagt Axel Wiest, seit zwölf Jahren Sozialarbeiter an der Ganztagsschule.

Im Berliner Stadtteil Neukölln sollen ab dem nächsten Schuljahr Sicherheitsleute die Schulhöfe überwachen. Die Lehrer dort wissen sich nicht mehr anders zu helfen - zu oft war es in den letzten Monaten zu gewalttätigen Übergriffen gekommen. Auch Hamburg St. Pauli ist ein Problemviertel, in der Nähe der Reeperbahn leben viele Arbeitslose und Alkoholiker. Doch die Lehrer und Sozialarbeiter der St.-Pauli-Ganztagsschule haben sich Konzepte überlegt, mit denen sie ihre Schüler in Schach halten können. Die roten Bänke und der Stopp-Trick gehören dazu.

Bänke wie beim Eishockey

"Vor den Ferien ist die Stimmung aggressiver. Die Schüler haben einfach keine Lust mehr", erzählt die Lehrerin, die nun mit dem Jungen im gelben Pulli über den Pausenhof schlendert. Gemeinsam drehen sie eine Runde, vorbei an Schülern in schwarzen Jacken, die sich Lieder auf ihren Handys anhören, an kleinen Mädchen unter einem rosafarbenen Schirm und Jungen, die eng zusammen stehen und Karten mit Drachenmotiven tauschen. Nach fünf Minuten ist der Störenfried wieder frei und rennt in Richtung Fußballfeld.

Die Ganztagsschule St. Pauli ist für viele eine Durchgangsstation. Ein Teil der Schüler bricht die Schule wieder ab. Sie schaffen es nicht, regelmäßig hinzugehen. Es gibt zwar auch überbesorgte Mütter und Väter, die die ganze Pause über ihre Kinder wachen. Aber ein Großteil der Eltern kümmert sich kaum um den Nachwuchs. Die Erwachsenen haben andere Sorgen: Arbeitslosigkeit, Streit, Alkohol. Schüler, die zu Hause Schwierigkeiten haben, bringen die Probleme mit in die Schule. Auf dem Schulhof gibt's darum immer wieder Stress.

"Jeder Eklat beginnt im Kleinen. Wenn man nichts macht, wird es immer schlimmer", sagt Wiest. Darum wurden im letzten Winter die roten Bänke eingeführt. Die Idee stammt aus dem Eishockey - auch dort gibt es Strafbänke. Wiest: "Seit wir die Bänke haben, ist es in der Schule deutlich ruhiger geworden."

"Ich stehe einfach auf und gehe"

Als er über den Schulhof geht, rennen sofort fünf Kinder auf ihn zu. "Herr Wiest, wieso hast Du rote Schuhe an, Hallo Herr Wiest, Herr Wiiiiiest!", rufen sie. Jeder möchte von dem grauhaarigen Mann mit dem roten Pullover und dem Polohemd beachtet werden. Macht jemand Blödsinn, reicht es oft auch aus, wenn Wiest ihm signalisiert: Ich hab's gesehen. Manche Jungs fragen ihn: "Herr Wiest, was muss ich tun, um gut zu sein?" "Die wissen, dass sie in der Arbeitswelt nicht klarkommen werden, wenn sie sich nicht ändern. Aber sie haben keine Ahnung, wie sie sich ändern sollen", sagt Wiest.

Die beiden Achtklässler Abdssamad, 16, und Ljubisa, 15, mussten schon oft die rote Bank drücken. Mal haben sie den Jüngeren den Ball geklaut, mal das Schulgelände verlassen. Doch so richtig ernst nehmen die beiden das Banksitzen nicht - jedenfalls behaupten sie das. "Ich stehe einfach auf und gehe", sagt Ljubisa, der das gleiche Käppi wie sein Freund trägt. "Wenn man sich da kurz hinsetzt, um sich auszuruhen, fragen die anderen, was man angestellt hat. Das nervt voll", sagt Janni, 14, der sich gerade zu Abdsammad und Ljubisa gestellt hat.

Folgenlos bleibt es nicht, wenn ein Schüler einfach aufspringt und wegläuft. Es gibt eine Meldung an den Klassenlehrer. "Der denkt sich dann Dinge aus, die der Störenfried machen muss. Stühle hochstellen, die Tafel wischen, aufräumen - irgendwas fällt ihm bestimmt ein", sagt Wiest. Außerdem gibt es einmal in der Woche die Möglichkeit, im Klassenrat über Probleme zu reden. "Wenn einer den anderen 'Arsch' genannt hat, kommt das auf den Tisch", sagt Wiest. Der Störenfried muss dem anderen die Hand geben, sich entschuldigen - und ihm dabei in die Augen schauen. Der Betroffene wird gefragt: "Nimmst du das an?"

Keine Sprechstunde im Büro

Nicht nur Schulhof-Streit wird im Klassenrat besprochen - auch Persönliches. "Manchmal kommen richtig dramatische Geschichten hoch", sagt Wiest. Zum Beispiel, dass Eltern sich gestritten haben oder jemand geschlagen wurde. "Die anderen Kinder geben dann Tipps, wie sich der Betroffene am besten verhalten soll. Außerdem nehmen sie Rücksicht." Sprechstunden anzubieten, in denen Kinder ihn in seinem Büro besuchen können - davon hält der Sozialarbeiter nichts. "Da erzählt doch eh keiner was."

Wenn ein Störenfried weder durch den Klassenrat noch durch ein Gespräch mit den Eltern zur Vernunft gebracht werden kann, gibt es eine Klassenkonferenz. Die Teilnehmer: Schulleiter, Klassenlehrer, Eltern, Klassensprecher, Elternvertreter - und natürlich der Schüler selbst. Der Störer darf sich verteidigen, das Urteil aber fällen am Ende sein Klassenlehrer und der Schulleiter, ob Sozialauflage oder Ausschluss vom Unterricht.

Zweite große Pause, es hat aufgehört zu regnen. Fünf Schüler sitzen auf der roten Bank. Ob sie alle zusammen etwas angestellt haben? "Nein, wir sitzen hier nur, weil die Bank als einzige trocken ist", sagt ein türkisches Mädchen.

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