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02.07.2007
 

Gewalt an Schulen

"Wenn du auf Streber machst, bist du tot"

Von Maximilian Popp

Seine "Gang" könnte die Schule besetzen, sagt Yusuf, 17. Der Hamburger Hauptschüler verprügelt Lehrer, kifft im Unterricht und schmuggelt Waffen in die Schule - jedenfalls behauptet er das. "Die Jungs machen nur auf dicke Hose", sagt dagegen sein Direktor.

Yusuf* gibt sich cool. "Ey Digger, normal", sagt er und fasst sich in den Schritt. Natürlich habe er sich schon mal mit einem Lehrer geprügelt. "Der hat meine Mutter beleidigt, Digger, da habe ich ihm ordentlich auf die Fresse gehauen." Der Direktor habe ihn daraufhin von der Schule verwiesen. "Ein verdammter Hurensohn war das, Digger."

Fäuste hoch: "Wir sind die härteste Gang der Stadt"
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DPA

Fäuste hoch: "Wir sind die härteste Gang der Stadt"

Yusuf sagt, schon drei Mal habe er die Schule gewechselt, immer wieder habe es Stress gegeben. Jetzt geht er auf eine Hauptschule im Hamburger Osten; auch dort gebe es Stress. "Schule ist einfach Scheiße, Digger", sagt Yusuf.

Der 17-Jährige sitzt in der Wohnung seiner Eltern in einem Plattenbau im Hamburger Stadtteil Mümmelmannsberg. Wind peitscht Regen gegen das Fenster. Von den Wänden bröckelt der Putz. Es riecht nach altem Fett. Yusuf wärmt eine Tiefkühlpizza auf. Seine Eltern, sagt Yusuf, sehe er nur selten, die Mutter arbeite den ganzen Tag, der Vater hocke in der Kneipe. Er selbst verbringe die meiste Zeit auf der Straße. Nur zum Reden gehe man besser in die Wohnung, Cafés seien zu gefährlich, sagt Yusuf. "Da sitzen die dicken Fische."

Der junge Marokkaner zieht eine Tüte mit Marihuana aus der Hosentasche. Die "dicken Fische" seien die Drogendealer. Yusuf sagt, er arbeite manchmal für sie. "Wenn die sehen, dass ich mit einem Fremden schnacke, brechen sie mir die Knochen."

Mümmelmannsberg ist in den vergangenen Jahren zum Synonym geworden für Verwahrlosung und Gewalt. Grau sind die Wohnhäuser aus Beton, grau die Straßen, die für den Verkehr gemacht sind und nicht für die Menschen, so dreckig sind sie, so kalt, so laut. Jugendarbeiter klagen, die Kids aus dem Viertel bekämen von Geburt an nur ein Gefühl vermittelt: Loser zu sein.

"Sie geben sich als Gangster, weil sie sonst nichts haben"

Yusuf ist Teil dieser Welt, die ihren Bewohnern nicht viel mehr zu bieten hat als Hoffnungslosigkeit. Später möchte er einmal "was mit Autos machen". Er trägt eine Goldkette, seine Baseballkappe sitzt schräg auf dem Kopf, seine Jeans hat er fast bis zu den Knien gezogen – so wie die anderen Jungs aus seiner "Hood". "Ghetto" nennen sie ihr Viertel. "Mümmel-Mafia" steht mit schwarzem Edding auf ihren grauen Kapuzenpullovern. "Ich bin der Player hier im Ghetto", sagt Yusuf. Er hat vor allem eine große Klappe, sagen seine Freunde.

Die Pose der Kids ist geliehen aus Musik-Videos. Ihre Vorbilder sind die Gangster-Rapper aus dem Fernsehen: 50 Cent, Snoop Dogg, Jay-Z – schwere Jungs mit schweren Ringen an den Fingern, vielen Frauen und am besten einer Kugel im Körper.

Die Jugendlichen aus Mümmelmannsberg tun so, als wären sie Gangster aus der Bronx. Yusuf hat auf seinem Handy ein Video gespeichert, das ihn und seine Freunde zeigt, wie sie Gleichaltrige verprügeln. "Wir sind die härteste Gang der Stadt", sagt er. "Wenn wir wollten, könnten wir sofort die Schule besetzen."

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Der Teenager zieht den Rotz hoch und lässt die Fingergelenke knacken. "Lehrer sind Schwuchteln, sie haben Angst vor uns, wir haben sie in der Hand", sagt Yusuf. Im Unterricht schlafe er oder kiffe oder fehle – "hat eh keinen Zweck, Digger. Auf der Hauptschule hast du sowieso verkackt." Yusuf sagt, irgendjemand mache immer Terror. Schüler beschimpften Lehrer, Lehrer beschimpften Schüler. Manchmal flögen Stühle. "Wenn du hier einen auf Streber machst, bist du tot", sagt Yusuf.

"An unserer Schule gibt es keine Gewalt", sagt dagegen sein Direktor. "Bei uns muss kein Lehrer Angst vor Schülern haben." Er leite die Schule im Hamburger Osten, die nicht im Stadtteil Mümmelmannsberg liegt, seit vielen Jahren. Vorfälle, wie Yusuf sie schildert, seien ihm nie zu Ohren gekommen.

Der Direktor, ein schmächtiger Mittfünfziger mit Schnauzbart, zeigt in einen engen Raum. In der Mitte stehen zwei Stühle und ein Tisch im kalten, weißen Neonlicht. "Auszeitraum" nennt der Direktor das Zimmer. Schüler, die den Unterricht stören, müssen hier eine Viertelstunde Platz nehmen. "Sie sollen durchschnaufen, runterkommen, das wirkt deeskalierend", sagt der Direktor.

"Die Lehrer wollen nur den Tag überstehen"

Seine Schule beteiligt sich auch an der "HipHop Academy", einem Hamburger Musikprojekt. Schüler aus der ganzen Stadt tragen Reime und Lieder vor, die Besten werden zu einem Workshop eingeladen. "Wir wollen den Jugendlichen etwas bieten", sagt der Schulleiter. Kaum zu glauben, dass er und Yusuf von derselben Schule sprechen.

"Die Lehrer und der Direx wissen doch gar nicht, was wirklich abgeht, Digger", sagt Yusuf. Er spuckt auf den Boden. "Die interessiert es einen Dreck." Yusuf sagt, er schmuggle regelmäßig Waffen in die Schule, Messer und Elektroschocker, die er unter seiner Bomberjacke verstecke. "Den Lehrern ist das scheißegal, die wollen nur den Tag überstehen." In der Pause gehe er auf den Sportplatz, um andere zu verprügeln. "Normal, Digger", sagt Yussuf. Vor zwei Monaten filmten er und seine Freunde einen Mitschüler auf der Schultoilette und stellten das Video auf YouTube. Als der Junge es merkte, sei er völlig ausgerastet. Daraufhin hätten sie ihm eine "aufs Maul gegeben", erzählt Yusuf.

Sein Direktor sagt, die Jungs würden nur "auf dicke Hose machen". Zwei Drittel der Schüler sind ausländischer Herkunft, viele der Eltern leben von Hartz IV. "Sie geben sich als Gangster, weil sie sonst nichts haben. Ihre Prahlerei darf man nicht ernst nehmen", sagt der Direktor. Natürlich sei an seiner Schule nicht alles rosarot. "Einige der Schüler stellen ihr Desinteresse am Unterricht offen zur Schau. Aber gewalttätig sind sie nicht."

Der Direktor rückt seine Brille zurecht. "Wir müssen es schaffen, dass sich diese Schüler auch für Deutsch und Mathe begeistern und nicht nur für 50 Cent."

*Name von der Redaktion geändert

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