Von Sebastian Wieschowski
Lehrerin Heidi Fruth steht vor der Tafel und fährt sich durch die roten Locken. Sie säuselt zu ihren Schülerinnen: "Schließ deine Augen, entspann dich." Die Schulwoche endet für sie und ihre Gruppe pubertierender Mädchen am Freitagnachmittag mit dem Fach "Erwachsenwerden".
Heidi Fruths Stimme klingt nach Yoga-Guru, sie haucht die Worte mehr, als dass sie spricht. "Ich lese dir vier Situationen vor. Ein Stück fehlt jeweils, das denkst du dir dann." Pause. "Auf dem Weg zur Schule beachtet dich ein guter Freund nicht. Du fühlst dich..." Noch eine Pause.
Die neun Mädchen schauen nachdenklich drein. Sie sind genau in dem Alter, in dem sie sich durch die Wirren der ersten Liebe kämpfen. Und ihre Hosengröße so aussuchen, dass der rote Rüschentanga beim Sitzen hervorschaut. Sie drücken sich ratlos auf den Fingern herum. Die ersten fangen an zu schreiben, ihre Filzstifte quietschen. Eben ging es noch um Kommaregeln und Prozentrechnung. Jetzt sollen sie ihre Gefühle zu Papier bringen. Sie besuchen die neunte Klasse an der "Hauptschule Weinbergerstraße" in Neumarkt in der Oberpfalz.
Auf dem Schulhof patroulliert der Schüler-Ordnungsdienst
Neumarkt ist so eine Stadt, von der man sagt, dass sie ein "Musterbeispiel" sei. 40.000 Menschen leben hier, im Stadtsäckel haben sich dank Strukturförderung aus Berlin und hartem Sparkurs in den letzten Jahren Rücklagen in Millionenhöhe angesammelt. Sie werden ausgegeben, um die Stadt schöner zu machen, die Lebensqualität zu erhöhen. Es gibt wenige trostlose Ecken - aber die Weinbergerstraße, in der die Schule steht, gehört dazu. Reihenhäuser drängen sich aneinander, dazwischen verstaubte Lädchen, ein paar Kneipen.
Mittendrin: die Hauptschule, ein länglicher weißer Kasten mit schräger Seitenfront. 593 Schüler arbeiten hier auf den Hauptschulabschluss hin, sie nennen ihn "Quali". Jeder dritte "Weinberger" wird erfolgreich in den Arbeitsmarkt vermittelt, die Hälfte der Absolventen besucht danach eine weiterführende Schule. Auf dem Schulhof geht ein "Schülerordnungsdienst" umher und versucht, für Sicherheit und Sauberkeit in den Pausen zu sorgen.
Wer im Unterricht ausflippt, wird zur Abkühlung in den "Trainingsraum" geschickt. Dort sprechen die Pädagogen mit dem Störer über die Gründe für den Ausraster, schließen einen Vertrag und erstellen einen Rückkehr-Plan. Bei der Klassenaufteilung am Schuljahresbeginn besprechen die Lehrer, wer mit welchen Schülern besser klar kommt und wer welche Klasse unterrichten soll.
"Die Schüler öffnen endlich den Mund"
Das Fach "Erwachsenwerden" gehört zum regulären Stundenplan. Der private Lions Club gibt der Schule Geld, damit das zusätzliche Fach angeboten werden kann. Wo die Planstellen trotzdem nicht ausreichen, wird "Erwachsenwerden" in den bestehenden Unterricht eingebaut. Pubertätsprobleme in Biologie, Ethikfragen in Religion. Der Lehrplan: Die Schüler besprechen, was für sie Freundschaft bedeutet, Familie, was Erfolg ausmacht. Um Sucht geht es auch, oder um Liebe - und um Sex.
"Manche Schüler, die bisher zurückhaltend waren, öffnen plötzlich den Mund", sagt Heidi Fruth. Eltern rufen an und bedanken sich, weil ihre Kinder am Mittagstisch nicht mehr pöbeln. Seit die Schüler durch "Erwachsenwerden" besser auf ihre Zukunft vorbereitet werden, habe sich das Klima auch auf dem Schulhof entspannt: "Die Schüler gehen rücksichtsvoller mit sich und den Lehrern um."
Am Freitagnachmittag wird einem Mädchen in der Klasse von Heidi Fruth das "Erwachsenwerden" dann aber doch zu persönlich - sie packt ihre Sachen und geht. "Danke für deine Mitarbeit", sagt die Lehrerin. Die anderen bleiben. Sie sprechen darüber, wie sich in dem, was man tut, das ausdrückt, was man fühlt: "Frust-Shoppen" sagt eine, "Weinen" sagt eine andere.
Gefühle haben sie massenweise auf Lager: wie es ist, nervös vor dem ersten Date zu sein oder aufgeregt auf die Deutschprüfung zu warten. Wie man die Wut auf sich selbst aushält, wenn einem der erste Seitensprung passiert ist, oder der Partner "fremd geht". Heidi Fruth bringt ihnen neue Vokabeln bei, um treffender zu sagen, was in ihnen vorgeht. Sie erprobt mit ihnen die Gesichtsmuskeln, um Gefühle ohne Worte darzustellen.
Nach 45 Minuten schrillt die Glocke. Für die neun Schülerinnen war es das letzte Mal "Erwachsenwerden" mit Heidi Fruth. Nächste Woche bekommen sie ihren "Quali", dann geht es raus aus der Schule, hinaus auf die Weinbergerstraße, hinein ins richtige Leben.
Und das richtige Erwachsenwerden - das geht dann erst los.
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