Sonntag, 22. November 2009

SchulSPIEGEL



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29.08.2007
 

Wir Provinzkinder

Generation Golf aus dem Westerwald

Von Matthias Thiele

In Rennerod sind Autos wichtiger als eine Freundin: Sie werden gepflegt, gehütet, getunt. Jobs und Kumpels findet man über den Musikverein. Kfz-Lehrling Lukas Bruch, 17, lebt in dem Nest im Westerwald - und will am liebsten nie mehr weg.

Noch will Lukas nicht damit rausrücken. Es geht ums Auto. Der 17-Jährige steht in der Ecke des Vereinsheims der Stadtkapelle Rennerod und nippt an einem Bier. "Rentnerfläschchen" nennen sie hier die kleinen Flaschen.

Tuba-Spieler Lukas Bruch trägt graue Laufschuhe, Jeans, ein kurzärmliges Hemd. Die ersten Bartstoppeln sind zu einem kleinen Kinnbärtchen herangewachsen. Zwei Freunde stehen neben ihm, sie reden über Frauen - und Autos.

"Das mit dem Golf geht übrigens klar. Wahrscheinlich kann ich die Karre in zwei Wochen abholen", sagt Lukas, fast beiläufig. "Das ist ja toll", kreischt Cousine Anne. Jetzt ist es raus. Die Clique ist ganz aus dem Häuschen. "Und wer bezahlt?" – "Die Oma gibt mir 500 Euro", antwortet der Lukas stoisch, "als Belohnung, weil ich mit dem Rauchen aufgehört habe".

Lukas Bruch lebt in Rennerod. Die Autobahnauffahrt Haiger/Burbach in Würgendorf liegt 23 Kilometer entfernt, Frankfurt mehr als eine Stunde.

ZUR SERIE

Zwei Drittel der Deutschen leben in der Provinz, in Städten mit weniger als 100.000 Einwohnern. Zwei Drittel der Jugendlichen wachsen in der Provinz auf – und viele auf dem Land, in Dörfern und Kleinstädten wie Ducherow, Rennerod, Oberkümmering. Wie lebt es sich dort? Und was bedeutet es, auf dem Land groß zu werden? SPIEGEL ONLINE hat vier "Provinzkinder" zu Hause besucht.
Ein eigenes Auto, danach sehnen sich viele Jugendliche – ganz besonders hier in Rennerod, auf dem Land, wo ein Auto Unabhängigkeit verspricht, Abenteuer, die weite Welt.

"Obwohl mir eigentlich nichts fehlt." Sicher, ein Kino, das wäre "nicht schlecht", aber sonst – nein, sonst ist Lukas glücklich in Rennerod. Für ihn ist die Kleinstadt im Westerwald Heimat, genau wie für Anne, für Jenny, Stefan und 3952 andere Menschen. 31 Pferde leben hier, 843 Kühe und die 187 übernachtenden Wehrpflichtigen in der Alsberg-Kaserne.

Seine Lehrstelle hat Lukas Bruch im Musikverein gefunden: bei den Posaunen. Autohändler und KfZ-Meister Johannes Deller ist nicht nur Blechbläserkollege, sondern seit gut einem Jahr auch sein Chef im Betrieb. Mit ihm repariert er am Tag den Mercedes-Sprinter in der Halle, und abends spielen sie zusammen Lieder der Band Truck Stop.

Deller ist ein kräftiger Mann mit Stiernacken. Es ist 8 Uhr morgens, der Meister raucht die erste Lucky Strike. 70 Weizen hätten sie neulich am Stammtisch getrunken, mit 13 Mann. Hannes, wie ihn fast alle nennen, gehört die Autowerkstatt. Ihm und seinem Bruder, der heute im Urlaub ist.

Samstag wird am Kadett geschraubt

Zwei Gesellen beschäftigen die Deller-Brüder, drei Lehrlinge und einen Praktikanten. Wenn sie unter sich sind, darf Lukas den Hannes duzen. Wenn Kunden da sind, heißt Hannes für Lukas "Herr Deller" oder einfach "der Chef".

In der Werkstatt riecht es nach Motoröl und Autoabgasen. Trübes Gitterglas durchbricht die Wände, die sechs Dachluken sind mit vergilbtem Wellpolyester abgedeckt. Drei Reihen mit Neonlampen erhellen den Raum.

Am Wochenende basteln sie hier manchmal an ihren Autos: Geselle Mike, der einen C-Klasse-Mercedes Sportsline mit Flüssiggasantrieb fährt, und Lehrling Jacek – der mit dem getunten Kadett GTS. Bald wird auch Lukas an seinem Zweiergolf schrauben und am VW Käfer von Kumpel Pascal – mit Porschemotor!

"Ohne Karre geht hier gar nichts", heißt es in Rennerod. Die Bahnstrecke von hier nach Montabaur ist seit Mai 1981 stillgelegt. Also pflegt man seinen Wagen, hütet und tunt ihn.

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