Von Matthias Thiele
Lukas trägt seinen grauen Arbeitsanzug. Aus dem "Lucas" auf seiner rechten Brusttasche hat er mit einem Filzstift ein "Lukas" gemacht. An seinen Fingern und unter den Nägeln klebt noch das Öl und der Dreck vom Vortag. "Vielleicht werden die Finger ja mal im Urlaub richtig sauber", sagt er.
Jetzt muss erst der Opel fertig werden, ein graphitfarbener Astra 1,8 i. Routinekontrolle: Gestern hat Lukas einen Liter Frostschutz aufgefüllt und das Scheibenwischwasser. Er hat die Ventildichtung ausgewechselt und das Öl abgelassen, die Bremsscheiben ausgetauscht und den Ölfilter.
Jetzt putzt er den Kolben aus, drückt aus einer Tube eine wächserne Paste auf seinen Zeigefinger und reibt den Zylinder ein. Hannes Deller ist derweil wieder im Büro verschwunden und telefoniert. "Jetzt weiß ich immer noch nicht, wie’s geht", stöhnt Lukas entnervt. "Mike!"
"Heut' machst du aber auch alles falsch"
Auch Geselle Mike Müller trägt einen grauen Arbeitsanzug. Sein linkes Ohr ist gepierct. "Was ist denn los", fragt er. "Ich bekomm den Zylinder nicht in den Kolben", sagt Lukas. Mike nimmt Augenmaß: "Halt mal die Dichtung auseinander!" Er justiert den Kolben, schiebt ihn vorsichtig nach unten. "So geht das!" - triumphierend schaut er Lukas an und zieht die Augenbraue nach oben: "Warum hast du den überhaupt ausgebaut?"
Die Bremsanlage des Opel Astra braucht neue Dichtungen an den Schläuchen. "Chef, da sind keine mehr auf Lager", sagt Lukas. "Hier, hast du zehn Euro", sagt Hannes Deller, "damit gehst du zum Karl-Heinz und holst sie dir!"
In der Mittagspause geht Lukas nach Hause. Bruder Nils hat Ferien und ist eben erst aufgestanden. "Bei dem Wetter kannst du ja am Wochenende mal wieder Skaten gehen", sagt Mutter Christiane zu ihm. Es gibt Gulasch, Salat und Knödel. "Und, war der Hannes heut’ morgen pünktlich?" fragt sein Vater, 43. Er arbeitet als Landschaftsgärtner für die Bundeswehr. "Naja, Lukas, noch einen halben Tag", sagt die Mutter, "dann hast du erstmal frei. Der Papa hat's schon geschafft: drei Wochen Ferien." "Drei Wochen?", fragt Lukas ungläubig. Dann gibt es zum Nachtisch Erdbeermilch.
Am Nachmittag tauscht Lukas den Verteilerkasten für die Zündkerzen an einem Seat aus. Aber irgendetwas funktioniert wieder nicht. "Heut' machst du aber auch alles falsch, was du falsch machen kannst", sagt Geselle Mike. Böse klingt er nicht, ein bisschen hämisch vielleicht.
Notfalls auch weg aus Rennerod - aber nicht für immer
Vor dem Abendessen zieht sich Lukas zurück auf den Dachboden. Den hat der Vater ausgebaut, nun ist es das kleine Reich von Nils und Lukas. Die Simpsons laufen gleich. "Hoffentlich keine neue Folge", sagt Lukas. "Die alten sind noch immer die besten."
Von der Terrasse der Familie Bruch sieht man die einfache Landschaft des Westerwaldes: idyllische Wiesen und Wälder, abgeerntete Felder. Es weht ein kalter Wind. Im Norden, wo die Hügel fast Berge werden, hängen die Wolken fest. Häuser, umgeben von Hecken wie Festungsmauern, reihen sich entlang der Straße hinab in den Ortskern. Im Süden hat die Sonne die Wolken verscheucht. In der Ferne leuchtet ein Tal. Dort irgendwo liegt Limburg: Autobahnanschluss, ICE-Halt und ein Karstadt.
"Ich würde schon gerne mein Fachabitur machen", sagt Lukas. "Immer will ich nicht in der Werkstatt bleiben." Und dann schaut er aus dem Fenster.
Ob er dafür auch weggehen würde aus Rennerod? "Notfalls wohl schon", sagt er. "Aber nicht für immer. Hier in Rennerod habe ich alles, was ich brauche: Freunde, Arbeit und meine Familie." Und bald auch ein Auto.
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