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Wir Provinzkinder Generation Golf aus dem Westerwald

2. Teil: Unabhängigkeit, Abenteuer, weite Welt

Lukas trägt seinen grauen Arbeitsanzug. Aus dem "Lucas" auf seiner rechten Brusttasche hat er mit einem Filzstift ein "Lukas" gemacht. An seinen Fingern und unter den Nägeln klebt noch das Öl und der Dreck vom Vortag. "Vielleicht werden die Finger ja mal im Urlaub richtig sauber", sagt er.

Jetzt muss erst der Opel fertig werden, ein graphitfarbener Astra 1,8 i. Routinekontrolle: Gestern hat Lukas einen Liter Frostschutz aufgefüllt und das Scheibenwischwasser. Er hat die Ventildichtung ausgewechselt und das Öl abgelassen, die Bremsscheiben ausgetauscht und den Ölfilter.

Jetzt putzt er den Kolben aus, drückt aus einer Tube eine wächserne Paste auf seinen Zeigefinger und reibt den Zylinder ein. Hannes Deller ist derweil wieder im Büro verschwunden und telefoniert. "Jetzt weiß ich immer noch nicht, wie’s geht", stöhnt Lukas entnervt. "Mike!"

"Heut' machst du aber auch alles falsch"

Auch Geselle Mike Müller trägt einen grauen Arbeitsanzug. Sein linkes Ohr ist gepierct. "Was ist denn los", fragt er. "Ich bekomm den Zylinder nicht in den Kolben", sagt Lukas. Mike nimmt Augenmaß: "Halt mal die Dichtung auseinander!" Er justiert den Kolben, schiebt ihn vorsichtig nach unten. "So geht das!" - triumphierend schaut er Lukas an und zieht die Augenbraue nach oben: "Warum hast du den überhaupt ausgebaut?"

Zur Serie
Zwei Drittel der Deutschen leben in der Provinz, in Städten mit weniger als 100.000 Einwohnern. Zwei Drittel der Jugendlichen wachsen in der Provinz auf – und viele auf dem Land, in Dörfern und Kleinstädten wie Ducherow, Rennerod, Oberkümmering. Wie lebt es sich dort? Und was bedeutet es, auf dem Land groß zu werden? SPIEGEL ONLINE hat vier "Provinzkinder" zu Hause besucht.
Tatsächlich hatte Lukas bis vor kurzem nichts mit Autos am Hut. Sicher, seine Herkules Prima 5S hat er schon vor zwei Jahren bekommen, und er hat auch gern mal am Mofa gebastelt. Aber Kfz-Mechatroniker? Naja, irgendwann war die Schule vorbei, es musste ein Ausbildungsplatz her. Und dann ist er über die Stadtkapelle in der Werkstatt gelandet.

Die Bremsanlage des Opel Astra braucht neue Dichtungen an den Schläuchen. "Chef, da sind keine mehr auf Lager", sagt Lukas. "Hier, hast du zehn Euro", sagt Hannes Deller, "damit gehst du zum Karl-Heinz und holst sie dir!"

In der Mittagspause geht Lukas nach Hause. Bruder Nils hat Ferien und ist eben erst aufgestanden. "Bei dem Wetter kannst du ja am Wochenende mal wieder Skaten gehen", sagt Mutter Christiane zu ihm. Es gibt Gulasch, Salat und Knödel. "Und, war der Hannes heut’ morgen pünktlich?" fragt sein Vater, 43. Er arbeitet als Landschaftsgärtner für die Bundeswehr. "Naja, Lukas, noch einen halben Tag", sagt die Mutter, "dann hast du erstmal frei. Der Papa hat's schon geschafft: drei Wochen Ferien." "Drei Wochen?", fragt Lukas ungläubig. Dann gibt es zum Nachtisch Erdbeermilch.

Am Nachmittag tauscht Lukas den Verteilerkasten für die Zündkerzen an einem Seat aus. Aber irgendetwas funktioniert wieder nicht. "Heut' machst du aber auch alles falsch, was du falsch machen kannst", sagt Geselle Mike. Böse klingt er nicht, ein bisschen hämisch vielleicht.

Notfalls auch weg aus Rennerod - aber nicht für immer

Vor dem Abendessen zieht sich Lukas zurück auf den Dachboden. Den hat der Vater ausgebaut, nun ist es das kleine Reich von Nils und Lukas. Die Simpsons laufen gleich. "Hoffentlich keine neue Folge", sagt Lukas. "Die alten sind noch immer die besten."

Von der Terrasse der Familie Bruch sieht man die einfache Landschaft des Westerwaldes: idyllische Wiesen und Wälder, abgeerntete Felder. Es weht ein kalter Wind. Im Norden, wo die Hügel fast Berge werden, hängen die Wolken fest. Häuser, umgeben von Hecken wie Festungsmauern, reihen sich entlang der Straße hinab in den Ortskern. Im Süden hat die Sonne die Wolken verscheucht. In der Ferne leuchtet ein Tal. Dort irgendwo liegt Limburg: Autobahnanschluss, ICE-Halt und ein Karstadt.

"Ich würde schon gerne mein Fachabitur machen", sagt Lukas. "Immer will ich nicht in der Werkstatt bleiben." Und dann schaut er aus dem Fenster.

Ob er dafür auch weggehen würde aus Rennerod? "Notfalls wohl schon", sagt er. "Aber nicht für immer. Hier in Rennerod habe ich alles, was ich brauche: Freunde, Arbeit und meine Familie." Und bald auch ein Auto.

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insgesamt 453 Beiträge
Askan 10.08.2007
Ich bin auf in einem kleineren Ort (immerhin doch 3000 Einwohner) groß geworden, ich habe in mehreren Städten und Großstädten gelebt. Mein Fazit: in kleineren Orten ist die Lebensqualität höher. Die Natur ringsrum wiegt sehr [...]
Zitat von sysopLeben in der Stadt oder auf dem Land: ein lang andauernder Streit. Was ist Ihre Meinung, wo lebt sich's besser? Oder sollte man beides verbinden?
Ich bin auf in einem kleineren Ort (immerhin doch 3000 Einwohner) groß geworden, ich habe in mehreren Städten und Großstädten gelebt. Mein Fazit: in kleineren Orten ist die Lebensqualität höher. Die Natur ringsrum wiegt sehr viel auf. Natürlich ist es für zugezogene in einem größeren Ort einfacher. Die ländlichen Struturen machen es nicht immer einfach, Fuß zu fassn.
DJ Doena 10.08.2007
Stadt, definitv. Zumindest für mich als Single. In der Stadt hab ich Einkaufsmöglichkeiten, Kino und einen Arbeitsplatz. Die meisten Dörfer sind doch nur noch Schlafgelegenheiten für Familien, die ein bisschen grün haben [...]
Stadt, definitv. Zumindest für mich als Single. In der Stadt hab ich Einkaufsmöglichkeiten, Kino und einen Arbeitsplatz. Die meisten Dörfer sind doch nur noch Schlafgelegenheiten für Familien, die ein bisschen grün haben wollen. Aber zu allem relevanten - Einkaufsmöglichkeiten, Kino und einen Arbeitsplatz - kommen sie dann doch frühmorgens in der Blechlawine hereingerollt. Das ist nämlich das bigotte an den Ländlern. Für sich selber saubere Luft und Natur einfordern, aber den Städtern morgens und abends die Luft im Stau verpesten. PS: Derzeit wohne ich auch in einem 9000-Seelen-Kaff. Die Entscheidung die dazu führte, bereue ich noch heute. Wird mir auch nie wieder passieren.
Matt_999 10.08.2007
Am besten lebt sich's immer da, wo man selbst gern ist. Und das kann für den einen ein 70-Seelen-Dorf sein, für den anderen ist die 10.000-Einwohner-"Stadt" das Richtige. Das Gefühl "Stadt" fängt für mich aber [...]
Am besten lebt sich's immer da, wo man selbst gern ist. Und das kann für den einen ein 70-Seelen-Dorf sein, für den anderen ist die 10.000-Einwohner-"Stadt" das Richtige. Das Gefühl "Stadt" fängt für mich aber eigentlich erst bei 1 Million Einwohner an. Ich komme aus Frankfurt – und das ist gefühlt eher 'ne Kleinstadt. Irre hab ich hier in Hamburg auch schon mal getroffen, allerdings durchschnittlich nicht mehr Irre als in Bayern (was man so für "irre" hält, kommt ja oft auf die Betrachtungsweise an). Und Gangs, die sich abschlachten, kenne ich auch nur aus dem Fernsehen. Wilhelmsburg – wo sowas schon mal passieren könnte – ist für den Hamburger ungefähr so weit weg wie für die Oberkümmeringer der Hauzenberger Busbahnhof. Ja, das Mini-Dorf ist ein behüteter Traum. Wollen mal hoffen, dass der Gasthof Ritzer grad im rechten Moment einen Koch sucht – sonst müsste der Kinateder Alex ja womöglich in ein anderes Dorf gehen, um Koch zu werden. Und was ist, wenn man Träume hat, die sich auch im Nachbardorf nicht erfüllen lassen? Autodesigner? Journalist? Tiefseetaucher? Oder verkneift man sich solche Träume und wird dann eben Busfahrer?
Jörn 10.08.2007
ich bin sogar am überlegen in eine größere zu ziehen (220k -> 1000k Einwohner)
ich bin sogar am überlegen in eine größere zu ziehen (220k -> 1000k Einwohner)
Mike_D 10.08.2007
Kann ich so unterschreiben, nur dass mein derzeitiger Wohnort 15.000 EW hat (ein kleines Städtchen solzusagen) und ich erst in einer Grossstadt lebte. Der einzig wirkliche Nachteil des 'Landlebens' ist der nur sehr [...]
Zitat von AskanIch bin auf in einem kleineren Ort (immerhin doch 3000 Einwohner) groß geworden, ich habe in mehreren Städten und Großstädten gelebt. Mein Fazit: in kleineren Orten ist die Lebensqualität höher. Die Natur ringsrum wiegt sehr viel auf. Natürlich ist es für zugezogene in einem größeren Ort einfacher. Die ländlichen Struturen machen es nicht immer einfach, Fuß zu fassn.
Kann ich so unterschreiben, nur dass mein derzeitiger Wohnort 15.000 EW hat (ein kleines Städtchen solzusagen) und ich erst in einer Grossstadt lebte. Der einzig wirkliche Nachteil des 'Landlebens' ist der nur sehr eingeschränkte öffentliche Nah- bzw. Fernverkehr, hier bei uns ist man ohne Auto aufgeschmissen während man in Städten eigentlich keins braucht.
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