Von Alexander Linden
Ein Dienstag im August in der brandenburgischen Einöde. Fabian Hambüchen dreht seine Runden am Reck. Das Örtchen Kienbaum liegt leergefegt da, es weht kein Lüftchen, kein Geräusch stört die Stille, 30 Grad. Gebe es die ehemalige DDR-Kaderschmiede für Turner nicht, es würde wohl kaum ein Fremder je hierher kommen.
Für Fabian Hambüchen und die anderen Jungs der Turner-Nationalmannschaft ist die ruhige, schläfrige Atmosphäre perfekt. Sie trainieren fleißig für die Weltmeisterschaft im September in Stuttgart, niemand stört sie hier.
Gerade lassen sie es langsam angehen: springen, lockern, ein wenig turnen, wieder lockern. Zwischendurch eine Massage. Aus dem Ghetto-Blaster dröhnt Heavy-Metal-Musik. Die Jungs tragen lässige weite T-Shirts oder Unterhemden, kurze Hosen, Sportzeug halt. Es riecht wie in einem Klassenzimmer, in dem pubertierende Jungs zu lange eingeschlossen waren.
Fabian, der Turnfloh? Fabian, das Kraftpaket!
Fabian hält in der linken Hand eine Wasserflasche, er macht gerade Pause. Ist er so klein, wie man ihn sich vorstellt? Er ist kleiner. Dafür sind seine Schultern noch breiter, als sie im Fernsehen immer aussehen: Fabian, das Kraftpaket. Fabian, der Turnerfloh? Nein, der Spitzname passt nicht.
Fabian ist 19, sein Gesicht hat noch keine einzige Falte. Er trägt leichten Oberlippenflaum, kein Pickel weit und breit, keine Spuren von durchzechten Nächten, wie man das bei Gleichaltrigen oft sieht. Seit Jahren gibt es hauptsächlich eins für Fabian: Turnen. Mit zwölf stand er schon im U-16-Nationalteam beim Länderkampf. Das war 1999.
Vier Jahre später wurde er am Barren Junioren-Europameister, weitere Titel folgten. 2003 nahm er erstmals an der Weltmeisterschaft der Erwachsenen teil, unter dem vorgeschriebenen Alter - er war 15. Im Juni 2005 wurde er Europameister am Hochreck, sein erster großer internationaler Erfolg. So holte er Titel um Titel, mal allein, mal mit der Mannschaft. Seine Spezialität: das Reck.
Bei der Stuttgarter WM ist die Reck-Einzelkonkurrenz erst am Sonntag dran. Fabian Hambüchen ist der Favorit, zumal er in der Qualifikation des Mannschaftswettbewerbs am Reck einen sehr starken, mit 16,025 Punkten belohnten Auftritt hatte. Überraschend gelang den deutschen Turnern auch im Finale der dritte Platz - heute Nachmittag starteten sie eine furiose Aufholjagd, die mit der Bronzemedaille belohnt wurde: Das "Wunder von Stuttgart" ist perfekt.
"Mit der Zeit merkst du, wer zu dir hält und wer nicht"
Das Fundament für Hambüchens Erfolge, für die runden, scheinbar mühelosen Schwünge an den Turngeräten sind seine bärenstarke Arme. Und die wollen gepflegt werden.
"Sooo, wie viel ist da drauf?", fragt Fabian. Er sitzt im Kraftraum, stemmt ein Gewicht, beginnt kräftig zu pumpen. 50 Kilogramm schafft er locker zwölfmal. Dann tauscht er: 20 Kilogramm bleiben. Er presst die Lippen zusammen, kleine Schweißperlen rinnen über die Stirn, die Wangen entlang. "So, jetzt wird druffjepackt, was?", ruft er seinem Kumpel Philipp zu und grinst. Philipp Boy, ebenfalls im WM-Kader, flachst ein wenig herum, Kampfeslust ist auch bei ihm an diesem Morgen nicht zu spüren.
Danach geht's aufs Trampolin. Fabians Vater Wolfgang, auch Trainer der Nationalmannschaft, kommt dazu, einen giftgrünen Gymnastikball in der Hand, auf den er sich dann setzt. "Der Fabi ist immer schon so gewesen", sagt er, "wir haben ihn als Dreijährigen mit zu Turnieren genommen, mein anderer Sohn Christian hat geturnt, und Fabi als kleiner Bruder wollte auch."
Wolfgang und Mutter Beate haben die Fäden in der Hand. Er macht das Sportliche, sie plant den Kalender des berühmten Sohnes: Jeden öffentlichen Termin muss sie absegnen. Fabian fühlt sich wohl damit, die Familie sei sein Rückgrat, sagt er.
Die Turn-Familie Hambüchen wohnt gemeinsam in der Kreisstadt Wetzlar, an den Talhängen der Lahn in Mittelhessen. Dort wuchs Fabian Hambüchen auf, besuchte die Goethe-Schule. Im Elternhaus hat er sein Zimmer im oberen Stock. Aber trainiert wird für die WM hier im brandenburgischen Kienbaum.
"Ich mache jetzt einen Rückwärtssalto mit Dreifachschraube", ruft Fabian vom Trampolin seinem Vater zu und wirbelt durch die Luft. Der Ehrgeiz spricht bei jeder Bewegung, bei jedem Stöhnen aus dem Körper, dem Gesicht von Fabian.
Niemals trainingsmüde? "Nein. Ich mache das jetzt noch ein Jahr bis zu den Olympischen Spielen in Peking." Bei der Bundeswehr sei er ausgemustert worden, die Schule hat er gerade mit dem Abitur abgeschlossen. Note: 3,1. Nicht überragend, aber er ist zufrieden.
"Eine Zeitung hat sich darüber lustig gemacht, dass ich im Abi in Sport nur eine 2 hatte, das hat gesessen." An seine Schulzeit denkt er überhaupt mit gemischten Gefühlen zurück: je größer der Ruhm, umso härter die Sprüche der Mitschüler. "Ich bin dann immer weggegangen, wenn wieder was kam - mit der Zeit merkst du, wer zu dir hält und wer nicht."
Nicht qualifiziert? - "Da habe ich gebrüllt"
Fabian sitzt auf einer Holzbank, mitten in der Turnhalle, es ist leer geworden, Mittagspause, aus dem Ghetto-Blaster kommt jetzt House-Musik. Er massiert seine rechte Kniescheibe, trinkt aus einer Wasserflasche.
"Ich weiß auch nicht, warum manche in der Schule so bescheuert wurden. Ich habe nie geprotzt, ich meine, ich wohne noch zuhause in Wetzlar, ich kaufe mein Zeug bei H&M, ich fahre keinen Porsche." Und die Gagen, das Geld? "Ja, es ist da. Angelegt. Okay, wenn ich was Schönes sehe, dann kaufe ich es mir. Schlimm?"
Dann atmet Fabian tief durch. Sein Körper wird ruhiger, der Atem kehrt zurück. Ob ihm sein Berühmtsein bewusst ist? Muss man sich anders verhalten, wenn die Medien einen beobachten? Fabian schaut zu seinem Vater, als wolle er fragen, ob das wohl eine Falle ist. "2006, bei der WM, da habe ich mich für das Reck nicht qualifizieren können, ja, da hab ich gebrüllt, das hat weh getan. Nach ein paar Tagen war es vorbei für mich. Die Medien haben trotzdem draufgehauen."
Fabian Hambüchen bleibt trotz des Leistungsdrucks erstaunlich ruhig, er wirkt bodenständig, innerhalb des Turner-Teams gilt er als Autorität. Auch ältere Kollegen fragen ihn um Rat. Seine Teamkameraden haben ihm verschiedene Spitznamen verpasst, "Harry Potter" zum Beispiel. Und vor allem: "Turn-Professor".
Es lag wohl an der Brille, die er vor zwei, drei Jahren noch trug, auch beim Turnen. Die ihn aussehen ließ wie ein naseweises Wunderkind mit den Armen eines Diskus-Werfers. Mittlerweile ist er auf Kontaktlinsen umgestiegen - weil das praktischer ist, wenn er ums Reck wirbelt.
Fabians Wasserflasche ist leer. Der Trainer ruft - der Schneider will die Anzüge für die WM abstecken. Fabian steht auf und sprintet los. Dann dreht er sich noch einmal um: "Ich will nicht nur Freunde haben, die aus dem Sport kommen, das wäre ätzend. Meine Freundin hat auch keine Ahnung vom Turnen, aber sie versteht mich. Am coolsten ist es, wenn es meinen Freunden nicht wichtig ist, was ich mache, sie aber trotzdem Verständnis dafür haben."
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