Von Matthias Eberspächer
"Es ging ja auch um mein Abitur", sagt er heute. Das Gespräch mit Marinus Bester am Vormittag hat gut geklappt, jetzt entspannt er sich auf dem Sonnendeck einer Fähre im Hamburger Hafen.
Arne denkt zurück: Bis zum Abitur an der Barat-Schule hätte es "keinen Frieden mehr gegeben". Obwohl er ging, hat er den Knatsch am Ende gewonnen: Die letzte Ausgabe von "Sophies Unterwelt" wurde ein Jahr später beim SPIEGEL-Schülerzeitungswettbewerb zur zweitbesten Schülerzeitung Deutschlands gekürt. Sein Bruder gewann ein Praktikum an der Berliner Schaubühne - und schilderte danach auf SPIEGEL ONLINE seine Erfahrungen.
Der Zwist mit der Schulleitung hatte die rebellischen Jungjournalisten in der ganzen Stadt bekannt gemacht, und darüber hinaus. An öffentlichen Schulen verbietet das Schulgesetz die Zensur von Schülerzeitungen. Privatschulen legen selbst fest, wie sie mit Zeitungen umgehen. Das Sophie-Barat-Gymnasium wollte "Sophies Unterwelt" nicht. Auch nicht mit Preisen.
"Durch 'Sophies Unterwelt' habe ich gemerkt, dass man etwas bewegen kann. Und dass Engagement Spaß macht", sagt Arne heute. An seiner neuen Schule wurde für ihn vieles besser. Widerstand und Misstrauen gab es auch hier, aber die Schulleitung ließ ihn gewähren: keine Unterstützung, aber auch keine Unterdrückung. "Das ist ja eigentlich auch, was ich will", sagt er.
"Jugendliche können mehr, als sie sich selbst zutrauen"
Genug entspannt. Aus dem Rucksack kramt Arne einen Berg von Abstimmungszetteln. Sie flattern im Fahrtwind. Die Schüler sollten sich zwischen 40 Projekten entscheiden, die an zwei Projekttagen gegen Rechts angeboten werden. Dann, wenn auch Fußballer Atouba in die Schule kommt. Zum Beispiel: "Wie tritt man rechten Sprücheklopfern entgegen?" Oder: "Ein Aussteiger aus der rechten Szene berichtet." Arne liest einige Bögen und schüttelt den Kopf. "Manchmal verstehe ich die Schüler nicht. Es gibt so viele Möglichkeiten. Und was wählen sie? Den Kochkurs."
Er steckt die Zettel in den Rucksack zurück, schlägt sein Notizbuch auf, notiert in der Spalte "Schule ohne Rassismus": Pressematerial für den HSV zusammenstellen. Daneben gibt es die Spalten "Frei und Willig" und "Atheist". Atheist heißt die Schülerzeitung, die er vor zwei Jahren neu gegründet hat, Frei und Willig eine Organisation, die er nebenbei auch noch macht: Mit seinen Kollegen unterstützt er Hamburger Jugendliche bei selbst gemachten Projekten.
"Jugendliche können mehr machen, als man ihnen zutraut. Und mehr, als sie sich selbst zutrauen. Man muss sie nur machen lassen", sagt er. Seit einem halben Jahr betreut Arne zusammen mit Nico Jugendliche, die gute Ideen haben, aber nicht genau wissen, wie sie sie umsetzen sollen.
17 Projekte sind seitdem Realität geworden: ein Theaterfestival, ein Fußballturnier, ein Benefizkonzert. Bei Frei und Willig schiebt den Jugendlichen keiner einen Riegel vor, hier gibt es kein "toll, ...aber" zu hören.
Seine Motivation war Verzweiflung, und das meint er ernst
Nach dem Abitur will Arne für ein Jahr in Rumänien Obdachlose betreuen. "Tolle Idee", haben einige gesagt - "aber..." Kakerlaken seien da keine Seltenheit. "Genau das Richtige", sagt Arne. Nach 19 Jahren in einer Doppelhaushälfte in einem Hamburger Backsteinhaus will er "mal raus". Gerade, weil er hier alles hat. Über den Tellerrand blicken. Wie gut ihm das gelingt, weiß er selbst noch nicht.
Am Abend spricht Arnes Bruder Nico bei einer Podiumsdiskussion über Jugend-Engagement. Die Diskussion plätschert dahin, Stargast Monika Lierhaus prangert den Werteverfall in der Gesellschaft an, der Moderator redet über freie Marktwirtschaft und ehrenamtliches Engagement. Nicos Statements kommen am Besten an. Seine Motivation will der Moderator wissen - seine Motivation, da spricht Nico auch für Arne, war die Verzweiflung. Lacher im Publikum, kurzer Applaus. "Wie niedlich", flüstert eine Zuschauerin. Er meinte das eigentlich ernst.
Nach der Diskussion stellt sich ein älterer Herr zu Arne und Nico. Er fragt: "Ihr müsst doch bestimmt in der Schülerzeitung einen Lehrer beleidigt haben, dass die Zeitschrift verboten wurde, oder?"
Hatten sie nicht.
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