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27.10.2007
 

Jugendgewalt

"Gott wird euch sagen: Das Beten war umsonst!"

Von Anna Reimann

Er fuchtelt mit den Armen, faucht ins Publikum: Murat Topal war mal Polizist, jetzt versucht er in Berlins Ghetto-Schulen mit einer ungewöhnlichen Show die Kinder vom Rauben und Prügeln abzuhalten. Mit seinen Sprüchen packt er selbst die härtesten Machos bei der Ehre.

Der Mann, in den die Polizei große Hoffnungen setzt, trägt ein helles Sweatshirt, eine glitzernde Uhr, Turnschuhe, Jeans. Er hat die Ärmel hochgekrempelt. "Sieht aus wie ein Kampfsportler", ruft ein Schüler aus der ersten Reihe.

Murat Topal: Packt Jugendliche an ihrer empfindlichsten Stelle - an der Ehre
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Murat Topal: Packt Jugendliche an ihrer empfindlichsten Stelle - an der Ehre

Es ist später Vormittag, als Murat Topal die Aula der Friedrich-Ludwig-Jahn-Oberschule in Berlin-Kreuzberg betritt. Früher war er Polizist, jetzt arbeitet er als Comedian. Und heute ist er irgendetwas dazwischen.

Er stellt die Beine weit auseinander, fuchtelt mit den Armen. Topal ist bekannt für seine Schoten über die sozialen Brennpunkte, über die Migrantenszene: In Berlin-Neukölln gebe es ja viele "soziale Minderheiten", sagt er. Zum Beispiel "Leute mit Schulabschluss". Der saß. Außerdem spiele man in Neukölln nicht Räuber und Gendarm, sondern Räuber und psychopathischer Massenmörder - "und der Räuber ist dabei der Gute". Gejohle bei den Schülern.

Für Topal ist die Comedy der Einstieg in einen ernsten Dialog. Er bringt die coolen Jungs zum Lachen, öffnet ihnen das Herz - und dann sagt er ihnen kräftig die Meinung: "Dass ihr in einem Ghetto wohnt, zieht nicht als Ausrede für Gewalt, für Abziehen." Er selbst sei auch aus dem Ghetto, ihnen ähnlich. Na und? Er habe etwas aus sich gemacht.

Es ist der Beginn einer engagierten Erziehungsstunde in einer Schule, in der 96 Prozent aller Schüler aus Einwandererfamilien stammen.

"Noch nicht mal ein Job als Kloputzer"

Murat Topal, 32, ist heute in die Hauptschule gekommen, weil die Polizei allein nicht mehr weiter kommt. Weil sie nicht mehr weiß, wie sie der Gewalt unter Berlins Jugendlichen beikommen soll. 330 Raubdelikte haben die Beamten im Jahr 2006 allein in Kreuzberg verzeichnet - fast jeden Tag eins. Das ist achtmal so viel wie zum Beispiel in Jena, einer Stadt mit vergleichbar vielen Einwohnern wie Kreuzberg. 80 Prozent aller Berliner Intensivtäter kommen aus Einwandererfamilien.

Wenn die Polizei davon erfährt, ist schon alles passiert. An die Ursachen kommen die Beamten nicht heran. Darum wolle man jetzt verstärkt auf Prävention setzen, sagt Gary Menzel, Leiter des Polizei-Abschnitts 53 in Kreuzberg.

"Stopp Tokat" heißt die neue Initiative der Polizei. "Tokat" ist Türkisch und bedeutet Ohrfeige - oder "Abziehen". Es geht der Polizei dabei nicht nur um die Opfer, sondern auch um die Täter: Wer wegen Raub vorbestraft ist, bekomme nicht mal einen Job als Kloputzer, sagt Gary Menzel. Damit es nicht bei schicken Plakaten und gut gemeinten Ermahnungen bleibt, brauchen sie Leute wie Topal. Einen Migranten eben, der den Jugendlichen ein Vorbild sein kann, der ihre Sprache spricht, ihre Situation kennt. Der ihnen ins Gewissen redet. Und Hoffnung gibt.

"Ihr findet Abziehen normal? Was habt ihr eigentlich für Vorstellungen?" Topals Stimme dröhnt durchs Mikrofon, sein Blick springt von Stuhlreihe zu Stuhlreihe, von den lärmenden Jungs in der ersten Reihe zu einem kichernden Mädchen.

"Wie ist es bei euch zu Hause? Hast du Respekt vor deinen Eltern?" Ein Schüler, gegelte Haare, schwere Kette - Ghettolook eben - steht auf. Natürlich habe er Achtung vor seinem Vater, sagt er. Der habe sich schließlich verhalten wie ein Mann. Er war zwölf Jahre im Gefängnis, habe aber immer seiner Familie Geld geschickt.

"Was ist denn überhaupt männlich?", fragt Topal.

Adam, ein blonder Junge, sagt: "Ein Mann benimmt sich höflich und anständig gegenüber seinen Mitmenschen." Gekicher in den Reihen vor ihm.

"Gott wird sagen: Das Beten war umsonst!"

Murat Topal ist nicht allein gekommen. Neben ihm stehen der Kreuzberger Polizist Jens Oktay Wache, der selbst ein türkisches Elternteil hat, und die Berliner Grünen-Politikerin Bilkay Öney. Migranten, die es trotz aller Hürden geschafft haben in der deutschen Gesellschaft. Ihr Auftrag: Die Jugendlichen dort zu packen, wo sie Ausreden für ihr Verhalten suchen. Sie wollen pseudo-religiöse Begründungen für Gewalt zurückweisen, ihnen Mut machen, dass Aufstieg möglich ist - und die Zukunft nicht nur auf der Straße liegt.

Wie viele von ihnen denn Muslime seien, will Polizist Oktay Wache wissen. Kaum ein Arm bleibt unten. Ob sie sich überlegt hätten, was ein guter Muslim eigentlich sei, ob sich ihre Taten auf der Straße wirklich damit vereinbaren ließen? "Wenn ihr fünfmal am Tag betet, aber kein netter, hilfsbereiter Mensch seid, wird Gott sagen: Das Beten war umsonst!", sagt Wache. Es wird stiller im Saal.

Die Grünenpolitikerin Öney steigt ein: Es falle ihr immer schwerer, sich in der Politik für die Einwandererjugendlichen einzusetzen, wenn 80 Prozent aller jungen Intensivtäter in Berlin Migranten seien, sagt sie. "Wenn ihr Mist baut, betrifft das doch nicht nur euch selbst, es fällt zurück auf eure Landsleute!"

"Wie viele Argumente wollt ihr Ausländerfeinden liefern?"

Das wühle auch ihn auf, ruft Murat Topal. "Ihr gebt hier den coolen Straßenkämpfer - aber die Leute sagen irgendwann, immer sind es die Scheiß-Kanaken, die Mist bauen." Das falle doch zurück auf die eigenen Väter und Mütter.

"Ihr müsst euch überlegen, wie viele Argumente ihr ausländerfeindlichen Menschen noch liefern wollt!" Sein Blick bleibt lange hängen bei einem Jungen in der ersten Reihe. Er hat gerade erzählt, wie er vor einem Jahr jemanden an der Bushaltestelle abgezogen hat - Handy und Geld erpresst hat. Er war zwölf Jahre alt. Es ist richtig still geworden in der Aula der Kreuzberger Hauptschule.

Kein Gelächter mehr, kein Posieren, keine Sprüche. Dalibor, 15 Jahre, weißes T-Shirt, steht auf. Manchmal, sagt er, sei es aber auch die Wut auf die Eltern, wegen der man auf der Straße zuhaue. Die Wut darüber, dass man zu Hause geschlagen werde, dass niemand da sei, um sich wirklich zu kümmern. "Weißt du", sagt Bilkay Öney, "dann würde ich aber mal mit den Eltern sprechen!" Es könne nicht sein, dass sie 13 Kinder in die Welt setzen - und sich dann nicht um sie kümmerten.

"Wir kämpfen doch für euch, aber mit welchem Gesicht lasst ihr uns hier stehen?", fragt Öney. "Ich weiß, ihr könnt es schaffen. Ich weiß, ihr seid schlau. Ich will euch nur bitten - für alle Migranten in Deutschland: Baut keinen Mist!"

Die Jungs, die noch vor einer halben Stunde rumgeblödelt haben, sich kaum eine Minute konzentrieren konnten, blicken auf einmal ernst zu den Erwachsenen. Niemand sagt mehr etwas. Es ist etwas passiert, in dieser besonderen Schulstunde in der Aula der Friedrich-Ludwig-Jahn-Oberschule in Berlin-Kreuzberg.

Dalibor, der 15-Jährige mit dem weißen T-Shirt, steht am Ende langsam auf. Er sagt: "Mein Traum ist es zu arbeiten - und mit einer Frau glücklich zu sein." Er will wissen, in welchem Kanal denn der Murat Topal auftrete. Der habe ihm viel Mut gemacht. Guter Typ.

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