Von Markus Flohr
Dass ihre WG auch beim Soundcheck im Roten Salon ein wenig auf Dillon aufpasst, hat etwas Symbolisches. Der Platz da vorn, am kleinen Keyboard mit dem Computer daneben, das ist irgendwie noch nicht ihr Zuhause. Also kommt das echte Zuhause mit in den Konzertsaal.
Jetzt, vor der Show, nur die Freunde sind da und der Typ am Mischpult, der die Regler hoch und runter schiebt, kann sie so singen wie im Wohnzimmer der Eltern, am Flügel. Als würde keiner zuhören.
Manchmal klingt Dillon viele Jahre älter - für einen Moment wie Courtney Love, Witwe de Nirvana-Sängers Kurt Cobain. Dann eine Sekunde nach Tori Amos. Aber am Ende singt da Dominique, 19, die gerade ihr Abi gemacht hat. Der Hamburger Szene-Star DJ Koze hat über sie geschrieben: "Sie singt angenehm unperfekt und wahrhaftig. Sie hat Charakter. Ich finde sie gut. Sie hat eine schöne Zukunft vor sich." Gerade mischt er einen Remix für sie ab, im März kommt Dillons erste echte Platte, eine EP mit vier Songs auf dem Label "Combination Records".
Dillon, ihre WG und ihr Kumpel Oliver sind in der Kneipe gegenüber, ein paar Sandwiches essen, bevor sie auf die Bühne muss. Oliver ist auch ihr Manager. Sie plaudern über die WG-Einrichtung - soll noch ein Tisch in die Küche, was ist mit dem Flur? Geht die Heizung eigentlich wirklich? Raik, Chef ihrer Plattenfirma, schaut vorbei. Als er sich nähert, haucht Oliver ihr zu: "Jetzt stehen wir aber gleich mal auf und sagen richtig hallo."
Raik stellt einen Karton auf den Tisch, drin sind Aufkleber von Dillon. Hundert Mal ihr Gesicht, die Haare, hundert Mal sie selbst. Sie packt aus und schaut leicht entgeistert. Bist du ein Rockstar, wenn jemand lauter Aufkleber von dir druckt?
Vielleicht wirst du zum Rockstar, wenn du genau steuern kannst, wann du fröhlich bist und ausgelassen, wann du die Show deines Lebens auf die Bühne zauberst, obwohl das Sandwich zum Abendessen nicht schmeckte und du gerade das erste Mal im Leben Aufkleber von dir selbst in der Hand hattest.
Ihre Magie verschwindet im Gemurmel des Publikums
Gegen neun geht Dillon auf die Bühne, der rote Salon ist gut gefüllt. Studenten, Alternative, Punkrocker, Kulturschnösel. Da hinten steht der Sänger von Tocotronic, da vorn dieser Schriftsteller und gleich daneben der Scout einer großen Plattenfirma.
Dillon singt ihre Songs. Aber die Magie, die sie beim Soundcheck hatten, verschwindet im Gemurmel des Publikums. Sie schaut kaum auf, fixiert die Tasten des Keyboards. Sie spielt sieben, acht Stücke, am Ende geht sie an den Bühnenerand, runter zu den Leuten und schreit sie an, durchs Megaphon.
Am nächsten Morgen sitzt Dillon im Zug nach Hamburg, zum nächsten Auftritt. Sie hat einen hellen Pulli an, die Haare sind offen. Sie blinzelt aus dem Fenster, da draußen liegt Brandenburg. "Ich hatte halt keine Lust zu reden", sagt sie. "Manchmal habe ich eben keine Lust. Da möchte ich nicht viel überlegen."
Sie erzählt von ihrer Schulzeit, davon, dass sie vor anderthalb Jahren eigentlich auf nichts mehr Lust hatte - bis sie mit der Musik anfing. Wie sehr sie sich manchmal darüber wundert, dass so viele Leute ihre Musik hören mögen. Dass es jetzt die Platte mit ihren Liedern gibt und sie auf Tour geht.
In Hamburg steigt sie aus dem Zug, knöpft ihren schwarzen Mantel zu, hängt sich das große graue Megaphon über und geht zur Rolltreppe. Auf geht's! Am Abend wartet das nächste Publikum. Und wenn Dillon Lust hat, werden ihre Zuhörer eine Stimme hören, die sie nicht wieder vergessen werden.
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