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17.03.2008
 

Als Mann beim Cheerleading

"Heavy Girls fliegen nicht"

Von Mathias Hamann

Um ihn herum puscheln und rotieren die Mädchen, er verpasst ihnen Flugstunden, trägt sie auf Händen und linst ihnen unter den Rock. Das muss er: Jurij Seitenzahl, 17, ist einer der wenigen Kerle bei den Cheerleading-Meisterschaften - und zählt zu den besten Deutschlands.

Messe-Halle sechs in Bremen, Jurij Seitenzahl liegt auf einer blau-grauen Matte. In ein paar Stunden wird er Salti machen, Frauen in die Luft schmeißen und darum kämpfen, Deutscher Meister zu werden. Aber erstmal lässt er sich massieren.

Der 17-jährige aus Griesheim kam 2006 zu Wild Cheer, dem Cheerleading-Team der Freien Turngemeinschaft Pfungstadt. Vorher hatte er fünf Jahre lang Kampfsport gemacht: Hapkido, eine Mischung aus Judo und Thaiboxen, danach Martial-Arts-Kicking. "So, wie Keanu Reeves in Matrix fliegt und boxt - das haben wir in echt gemacht." Dabei hat er sich auch schon mal einen Arm gebrochen. Dann erzählte ihm ein Freund: "Lass uns mal zu den Cheerleadern gehen."

Jurij gefällt die Mischung aus Turnen und Tanz. Und er sagt freimütig, dass Cheerleading ihn reizte, weil es da noch einen anderen Grund gab: "Ganz ehrlich? Ich dachte, da gibt es geile Weiber."

Aber Pustekuchen - die konnten mehr als er. Schrauben und doppelte Salti zum Beispiel. Dann kam der Coach zu ihm: "Trainiere hier drei Monate, und du machst Sachen, von denen du heute nur träumen kannst." Sofort hörte er mit dem Kampfsport auf und fuhr zu Wild Cheer. Jede Woche, Montag, Mittwoch, Freitag für zwei Stunden, Sonntag auch mal vier oder fünf. Alle drei Monate braucht er neue Schuhe, auch die aktuellen sind schon kaputt. Sein Leben besteht aus Schlafen, Training, Schule. "Wir sind wie eine Familie."

"Let's go to the Umkleidekabine"

Mit dieser Familie wurde er 2007 Deutscher Meister und gleich noch Europameister. Wild Cheer half auch bei seiner Bewerbung zum Azubi beim Darmstädter Pharma-Riesen. Dort wechselt er alle vier Monate die Abteilung - und jedes Mal kommen die neuen Arbeitskollegen mit den immer gleichen Klischees. Jurij rattert sie runter: Nein, er ist nicht schwul. Nein, er puschelt nicht. Und, ja, er trägt Frauen auf Händen und guckt ihnen unter den Rock. "Das muss ich sogar, sonst kann ich nicht balancieren."

In Den USA gehört Cheerleading seit Jahrzehnten zum Show-Spetakel bei Sportereignissen. "Cheerleading ist Hochleistungssport, übrigens früher nur von Männer für Männer", erklärt Holger Schmitt. Er fotografiert für das Fachmagazin "Spirit" die Deutsche Meisterschaft und erzählt die Historie. "Beim Football gab es keine weiblichen Zuschauer, nur männliche. Und einer von ihnen, der Student Johnny Campbell, stellte sich eines Tages vor die Fans seines Football-Teams." Das war 1898, beim Team der Universität von Minnesota.

Schmitt erzählt weiter: "Das Spiel lief wohl mies, die Stimmung war noch mieser, also schrie er den Fans einen Sprechgesang entgegen und animierte sie zum Anfeuern. Die Mannschaft gewann." Bald hatte Johnny Mitstreiter versammelt und heizte dem Publikum vor und während des Spiels ein. "Nach und nach kamen dann akrobatische Elemente dazu", so Schmitt, "da haben die Männer gemerkt, es sieht besser aus und ist leichter, eine Frau nach oben zu stemmen."

"50 Kilo wiegen die Flyer", sagt Brandon Madson, "vielleicht auch mal 60, aber eher 50. Heavy Girls fliegen nicht." Der Amerikaner trainiert Wild Cheer, spricht dabei eine Mixtur aus Englisch und Deutsch. Er erinnert ein wenig an David Beckham, genauso verbissen, aber noch schlanker im Gesicht. Der 28-jährige war vier Jahre bei der Army: "Spezialeinheit." Was er da gemacht hat? "No Kommentar."

Die Pyramide wackelt, doch dann hagelt es Punkte

Er lächelt selten. Dann ruft er: "Let’s go to the Umkleidekabine." Seine Schützlinge sollen noch was essen vor dem Wettkampf, gleich geht es los. Jurij geht vor die Halle, rauchen. "Ich habe Kopfschmerzen." Obwohl er Sportler ist, hat er mit Rauchen weitergemacht? "Nicht weitergemacht, angefangen", sagt er, ein Freund ergänzt: "Sportler ist, wer raucht und trinkt und trotzdem seine Leistung bringt." Jurij grinst.

Einige weibliche Cheerleader korrigieren noch einmal das Make-up. Schminkt Jurij sich eigentlich auch? "Nee, ich habe mich heute morgen nicht mal rasiert." Dann kommt eine Ordnerin und holt die Truppe ab, es geht in die Halle. Die vibriert schon vom wummernden Kickbass der Techno-Musik. Jurij reibt sich auf dem Weg die Hände mit Talkum ein, "verhindert das Abrutschen."

Dann kündigt sie der Moderator an: Es rumst der Bass, los geht's. Das Publikum jubelt, besonders die ersten Salti- und Schrauben-Kombinationen bringen die Zuschauer zum Rasen. Die Pyramide wackelt etwas und fällt schnell zusammen. Doch der Gruppentanz, der Dance, klappt hervorragend. Die Jury urteilt: "138,3 Punkte." Das Wild-Cheer-Team jubelt, fällt sich die Arme. Juri freut sich: "Dreimal Deutscher Meister, hintereinander, das hat kein anderes Team je geschafft."

Selbst der strenge Blick des Trainers wird ein wenig weicher: "Hattrick, yeah." Doch Brandon Madsen denkt schon an die nächsten Ziele: "Wir wollen bei der WM in den USA unter die Top Ten." Jurij freut sich schon auf den Trip nach Florida: "Ich schau mich da auch mal um." Er möchte in den USA studieren, nach der Ausbildung: "Vielleicht kriege ich ein Stipendium." Die gibt es an US-Universitäten nicht nur für Quarterbacks und Basketballer. Sondern auch für Cheerleading.

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