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02.04.2008
 

Meine Eltern ziehen weg

Lina allein zu Haus

Von Eva Schulz

Normalerweise ziehen Kinder von daheim aus und lassen die Eltern zurück. Bei Lina war es umgekehrt. Ihre Freunde meinten: "Toll, eine Wohnung für dich allein - mit 16!" Aber Lina merkte schnell, was alles fehlt. Und plötzlich hatte sie jede Menge zu tun.

Vor zwei Jahren ist Linas Familie ausgezogen. Der Vater war schon länger weg, seit zwölf Jahren, aber 2006 – Lina war gerade 16 Jahre – ging auch ihre Mutter. Nicht, weil Lina so ein schreckliches Kind wäre, sondern weil die Mutter, Ingenieurin für Umweltschutztechnik, in der direkten Umgebung einfach keinen Job fand. So zog sie in einen Ort nahe Bremen und ließ Lina, die zu der Zeit gerade die elfte Klasse besuchte, in der 250 Kilometer entfernten Wohnung in Borken zurück. In Gesellschaft einer Katze.

Bei Lina, 17, sind die Eltern ausgezogen: "Erziehung abgeschlossen"
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Dominik Asbach

Bei Lina, 17, sind die Eltern ausgezogen: "Erziehung abgeschlossen"

"Ich wollte es genau so", erinnert sich Lina heute. "Die Vorstellung umzuziehen, alle meine Freunde zu verlieren und nicht nur mich, sondern auch mein Pferd an eine neue Umgebung zu gewöhnen, war schrecklich." Es war in der Situation die beste Lösung, Lina ist sich da sicher. Und trotzdem kann sie die Begeisterung ihrer Freunde nicht verstehen. "Die sagten alle: 'Mensch, toll, die ganze Wohnung für dich allein – mit 16!', aber ich habe schnell gemerkt, dass das gar nicht so toll ist."

Auf einmal hatte Lina jede Menge zu tun. Neben Schule und Reitstall wartete ein ganzer Haushalt darauf, in Ordnung gehalten zu werden. "Meine erste Erkenntnis war: Klopapierrollen wechseln sich nicht von allein."

Die "Denk dran"-Liste am Kühlschrank

Am Anfang stand der große Masterplan, den sie mit ihrer Mutter Petra, 51, ausgearbeitet hatte. Er beinhaltete unter anderem eine Diensteliste, die am Kühlschrank hing und sehr lang war: Putzen, Wäsche waschen, Blumen gießen. Ganz unnütz war die Liste nicht, denn selbst das Einkaufen hat Lina manchmal vergessen. Dann war nichts mehr im Haus außer einer Packung Müsli.

Aber es waren nicht nur praktische Dinge, die Lina lernen musste. "Das Alleinsein fiel mir zu Beginn sehr schwer. Wenn ich Zuhause war, lief ständig das Radio, weil ich andere Stimmen hören musste. Aber die meiste Zeit habe ich sowieso woanders verbracht: bei Freunden oder bei meinem Pferd." Der Reiterhof und die Leute dort wurden zu Linas Ersatzfamilie. Zuhause warteten schließlich nur die Katze, das Radio – und die Hausarbeit.

Manchmal konnte Lina nicht widerstehen und schwänzte, hin und wieder, die Schule. Schließlich war keiner da, der sie aus dem Bett warf und ihr im Zweifel mit Strafen drohte. Das mit dem Schwänzen hat sich inzwischen gebessert, das mit Linas Kochkünsten jedoch eher nicht: "Ich beherrsche Milchreis, Nudeln mit Tomatensoße und Reis mit Hühnchenfleisch. Das ist gerade soviel, dass es für eine Woche reicht. Dann geht es wieder von vorn los." Lina überlegt. "Meine Ernährung leidet unter der Wohnsituation."

Nur am Wochenende nicht. Dann kommt Mutter Petra nach Hause, in die kleine Stadt im Westmünsterland und kocht für ihre Tochter. Ist das dann Alltag? "Eher Sondertag", sagen beide. "Es kommt in vielen Familien vor, dass ein Elternteil unter der Woche außerhalb arbeitet und wohnt und nur am Wochenende zurückkommt", sagt Petra. "Das ist dann aber oft der Vater, und er findet Freitagabend ein typisches, ordentliches Heim vor. Für ihn ist es reine Erholung. Auf mich wartet aber Zuhause meistens noch Arbeit."

Haushalt? Für eine Schülerin manchmal einfach unmöglich

Zum Beispiel, wenn Lina mal wieder drei Klausuren schreiben und dafür lernen muss, anstatt die Wäsche zu waschen. "In solchen Phasen ist es für eine Schülerin einfach nicht möglich, auch noch einen Haushalt zu führen", sagt Mutter Petra und sorgt sich um die liegengebliebene Wäscheladungen.

Das Zusammenleben der beiden wirkt harmonisch. Aber das war nicht immer so. Anfangs gab es fast jedes Wochenende Streit, weil Lina mal wieder nicht geputzt oder die Blumen vernachlässigt hatte. "Heute werfe ich sofort nach dem Aufstehen einen Blick auf unsere Pflanzen und gieße sie. Mit der Zeit wird einem das auch wichtiger", sagt Lina. Nur mit dem Putzen wurden sich beide nicht einig.

"Jetzt kommt alle zwei Wochen eine Putzfrau, die wir uns eigentlich gar nicht leisten können", sagt Petra. Die Situation der beiden geht ins Geld: Zwei Wohnungen – die in Borken ist übrigens sehr viel größer als die bei Bremen – dazu Benzinkosten und immer weniger Unterhalt. Ihre Kontaktlinsen muss Lina zum Beispiel selbst bezahlen. Dazu gibt sie während der Woche zusätzlich zur Schule noch zwei Mal Reitstunden. "Das nehme ich aber gerne in Kauf. Ich will am Wochenende schließlich auch meine Freizeit haben", sagt Lina.

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