Wenn Jan* mit seinen Freunden Hockey spielen ging, dann gab es da immer ein Problem: die Männerumkleide in der Sporthalle. Er schämte sich vor den anderen, denn biologisch gesehen ist Jan eine Frau. "Ich bin immer unsicher gewesen", erinnert er sich an die Minuten in der Umkleidekabine, die nicht vergehen wollten. "Ich habe mich zwar als Mann gefühlt, aber ich wusste nicht, ob ich mich auf dieses Gefühl verlassen konnte."
Wohnprojekt "Mit Dir" in Erfurt: Hilfe für transsexuelle Jugendliche
Er wandte sich an das Projekt und zog dann zu Hause aus. Er sei nicht rausgeschmissen worden, sagt er, aber irgendwann fiel die Entscheidung: Raus aus der Wohnung seiner Eltern. Raus aus seiner Heimatstadt. Das war vor einem Jahr.
"Am häufigsten werden Homosexuelle immer noch von in ihren Familien diskriminiert", sagt Renate Rampf vom Lesben- und Schwulenverband. Auch wenn Jan nicht das Gefühl hatte, unerwünscht zu sein, kann ein Projekt wie "Mit Dir" helfen, die Trennung vom Elternhaus sinnvoll zu begleiten - genauso wie eine erneute Annäherung danach, die Phase, in der sich der Jugendliche und seine Familie wieder aneinander gewöhnen.
"Als Jan zu uns kam, war er stark verunsichert"
"Mit Dir" ist eine Initiative des Deutschen Kinderschutzbundes. "Wir wollen Jugendlichen wie Jan einen geschützten Freiraum für ihre eigene sexuelle Orientierung bieten", sagt Leiterin Konstanze Hartung, 52. Sie hat das Projekt vor zweieinhalb Jahren aufgebaut. Es gibt in ganz Deutschland nur in Berlin noch ein vergleichbares Angebot.
"Als Jan zu uns kam, war er stark verunsichert", sagt Konstanze Hartung. Jan lebt hier im betreuten Wohnen, zusammen mit fünf anderen Heimbewohnern. Die Sozialarbeiter wollen ihnen einen selbstbewussten Umgang mit ihrer sexuellen Orientierung vermitteln: Sie hören ihnen zu, wenn sie Probleme haben, und gehen in die Schulen, um ihre Lehrer und Mitschüler für das Thema zu sensibilisieren.
"Die Jugendlichen kommen wirklich freiwillig zu uns", sagt Hartung. Das sei gut, allerdings gebe es auch "eine Zielgruppe, die wir bislang noch nicht erreichen konnten: Jugendliche, die nicht von sich aus Hilfe suchen, sondern ihren Kummer mit Drogen betäuben." In Zukunft müsse "Mit Dir" stärker auch in den größeren Stadt präsent sein, an Bahnhöfen, in bekannten Szenevierteln - und auf sich aufmerksam machen.
"Ich bin ein Mann im falschen Körper"
Jan hat jedenfalls die Hilfe gefunden, die er sich gewünscht hat: "Das Wohnprojekt hat mir geholfen, sicherer und offener mit meiner Transsexualität umzugehen." Besonders die Gespräche mit seinen Mitbewohnern hätten ihm geholfen, seine eigene Situation besser zu verstehen. "Ich habe gemerkt, dass sie die gleichen Probleme haben wie ich", sagt er. Dadurch habe er sich in seinem Gefühl, wirklich ein Mann im falschen Körper zu sein, bestärkt gefühlt.
Und das Hockey? "Ich spiele hier in Erfurt zwar nicht mehr", sagt er, "aber das Problem mit der Umkleide wird sich hoffentlich bald auch von selbst auflösen." Eine Hormonbehandlung sei bereits in Planung, vorerst wolle er sich aber auf die Schule konzentrieren. "Ich muss die Klasse wiederholen", sagt Jan. Genügend Kraft dafür hat er jetzt.
Peter Neumann, ddp
(*Name geändert)
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