Auf der Tanzfläche schwingen Miniröcke im Takt der Musik, einer knapper als der andere. Haare fliegen durch die Luft, Hände schwingen Leuchtstäbe zum Indie-Sound, und kein Fuß steht mehr still.
Es ist Freitagabend, 18 Uhr, über Hamburg lacht noch die Sonne – aber hier, im "Kir" im Stadtteil Altona, geht schon die Post ab. Andere junge Leute essen zu Abend, kommen von der Arbeit nach Hause oder denken langsam darüber nach, wie sie sich für die Piste schminken, welches Gel sie sich in die Haare schmieren, welche Hose es heute Abend sein soll.
Im Kir ist heute die "I Scream - Underage Disco". Das heißt: Kein Alkohol, keine Zigaretten und vor allem keine Erwachsenen - nur 18-Jährige dürfen gerade noch hinein, mit 19 ist schon Schluss. Statt Bier und Schnaps schlürfen die Jugendlichen Cola, Tomatensaft, weiße oder rote Brause. Die freundlichen Damen hinter dem Tresen und der Clubbesitzer sind die einzigen Erwachsenen, die hier rein dürfen. Auch die Raucherecke ist dicht, denn Qualmen ist strengstens verboten.
Idee in London entdeckt
Die Liveband "Beat! Beat! Beat!" tritt auf, drum herum wirbelt das DJ-Team "I used to dance with my daddy". 150 Jugendliche sind gekommen, das Kir ist richtig voll. Die Hamburger Gymnasiasten Lynn, Lasse, Jannik und Maxi - alle zwischen 14 und 16 Jahre alt - hatten die Idee. Sie suchten am Wochenende immer vergeblich nach einer Party für Leute ihres Alters in Hamburg.
"Als eine Freundin mir erzählt hat, dass sie in London in einem Club nur für Jugendliche war, wollte ich gleich auch so etwas auf die Beine stellen", sagt Maxi. Sie erzählte Lynn von ihrer Idee, Jannik und Lasse kamen hinzu - jetzt konnte ihr Traum Wirklichkeit werden. "Dass aus der Idee wirklich ein so großes Projekt entstehen würde, davon hat keiner von uns anfangs auch nur geträumt", sagt Jannik.
Und los ging es mit dem Organisationsstress: Eine Partylocation sollte her - das ist nicht ganz billig. Für den ersten Underage-Club haben die Jugendlichen mit Hilfe ihrer Eltern das Geld für die Partys erst einmal vorgestreckt. Der Eintritt von fünf Euro ist das einzige, was wirklich reinkommt - sie wollen den Getränkepreis möglichst niedrig halten, eine Cola kostet 1,50 Euro. Die Liveband für diesen Abend haben sie bei Myspace gefunden. Um die Bar müssen sie sich nicht kümmern, auch den Raum bereitet der Clubbesitzer für sie vor.
Ganz ohne Risiko war die Sache am Anfang nicht: "Der größte Stein ist mir vom Herzen gefallen, als wir nach dem zweiten Underage Club nicht mehr im Minus waren", sagt Lynn. Jetzt läuft die Sache rund.
Licht, Bar, Anlage, Bühne - stimmt alles?
Vor einer "I-Scream Party" sind die vier immer noch sehr aufgeregt, "dabei sind wir ein eingespieltes Team", sagt Maxi. Damit immer genug Gäste kommen, machen sie ordentlich Werbung, verteilen Flyer, geben Interviews.
Am Party-Tag selbst haben sie im Kir das Sagen: Sie schauen, das mit Licht, Musikanlage und Bühnealles stimmt. Und überlegen sich das Programm für den Abend, denn sie legen selbst auf: "I used to dance with my daddy", das sind die vier selbst. Wenn alles fertig, begrüßen sie die ersten Gäste - Lynn, Lasse, Jannik und Maxi sind schließlich Gastgeber und es kommen viele ihrer Freunde.
Schief gegangen ist bisher noch nie etwas. Und auch heute klappt alles: Die 150 jungen Gäste haben sich offenbar geradezu nach einer Feier gesehnt, bei der sie sich nicht heimlich am Türsteher vorbei schleichen müssen - oder sich mal locker drei Jahre älter schminken oder den Personalausweis des großen Bruders ausleihen. "Als unter 18-Jährige wird man sonst auf keiner Party hereingelassen", sagt Kristina, 16. Und Jenny, 14, meint: "Dies ist die einzige Möglichkeit, um beim Feiern neue Leute kennen zu lernen."
Lukas, 16, freut sich über die vergleichsweise gute Luft beim Underage Club: "Ich komme hierher, um Party zu machen, nicht um zu rauchen. Das kann man auch woanders." Er rückt sein Cap zurecht und verschwindet wieder auf die Tanzfläche. "Hier gibt es keine Kleiderordnung, das ist cool!", sagt ein Mädchen mit lauter schwarzen Sterne auf der Wange.
"Die Party zählt, alles andere ist egal"
Auf der Tanzfläche hopst alles wild durcheinander: Hier hält ein Mädchen die langen braunen Haare mit einem gelben Stirnband in Zaum, dort steht eine in einer knallroten Röhrenjeans. Lässig geht vor aufgebrezelt. Jungs tragen schulterlange Haare und dünne Schals, ausgefranste Beatles-Pilzköpfe, Pullunder, Hemden - ein wenig Sechziger-Style halt. Wer gerade nicht tanzt, fläzt auf einem Sofa herum oder steht fröhlich quatschend an der Bar. "Bei uns steht die Party im Mittelpunkt. Alles andere ist egal", sagt Lynn.
Dann geht auf der Bühne das Licht an, die Nebelmaschine stoppt, ein E-Gitarrenakkord zittert durchs Kir. Als der Nebel sich lichtet, stehen da vier lässig gekleidete Jungs. Sie spielen Schlagzeug, Keyboard, Bass und E-Gitarre... und zwar reihum: "Beat! Beat! Beat!" aus Viersen wechseln die Instrumente dauernd durch, bei fast jedem Song. Ihr Elektro-Beat kommt gut an, macht gute Laune. Die vier Musiker sind kaum älter als die Partygäste und für heute Abend so etwas wie die Stars im Kir.
Es macht "Ploing", was war das? "Der Bass von Tim, aber das haben wir gleich wieder", sagt Sänger Joshua. Er fummelt mit seinem Bandkollegen am Verstärker herum und versucht das Problem zu beheben. Passiert auch mal den Profis. Und weiter geht's: "Beat! Beat! Beat" legen ein geöltes Tempo vor, langsame Musik gibt es woanders. Ohne Zugabe lässt sie der "I-Scream"-Club nicht von der Bühne - danach wird weiter getanzt.
"Auch Eltern lieben uns"
Es ist neun Uhr und richtig heiß geworden im Kir. Neben der Bar versinkt ein Pärchen in der Umarmung und knutscht wild. Drei Jungs mit Wuschelfrisur lehnen lässig am Tresen und schauen gut gelaunt den Mädchen hinterher. Am Kickertisch vertiefen sich ein paar Kerle in ihr Gespräch über Fußball. Selbst schuld.
Das Mädchen im roten Spaghettiträgertop wirft jetzt zum vierten Mal einen verstohlenen Blick auf das Sofa gegenüber. Endlich kapiert der schlaksige Junge die Signale und kommt mit seinen zwei Kumpels herüber. Auch wenn manch einer noch ein wenig Nachhilfe braucht: Flirten geht im Kir heute Abend perfekt.
Die Jugendlichen finden ihre "I-Scream"-Partys klasse, "auch Eltern lieben uns!", sagt Lasse stolz. Und selbst ein Jugendschutzbeauftragter, der den Underage Club besucht hat, fand die Sache prima. Die Jugendlichen würden vorbildlich mit dem Alkohol- und Zigarettenverbot umgehen, war sein Fazit. Der "Underage Club" ist eben das Gegenteil von Komasaufen und Kiffen. Hier tanzt man einfach, bis man high ist.
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Ah jo, früher war eh alles viel besser, da haben Sie vermutlich recht. ;-) Gruß KS66 mehr...
'Jugend ist Trunkenheit ohne Wein'. D.h. Kinder und Jugendliche brauchen keinen Alkohol, um zu grosser Form aufzulaufen - jedenfalls in halbwegs vertrautem Umfeld. mehr...
Ich finde die Idee sehr gut, dann wäre ich wahrscheinlich auch mal raus gegangen. Aber was wollte ich in Jugendclubs oder Discos in denen es stinkt allein wegen den ganzen Qualm? Von Alkohol ganz abgesehen. mehr...
Ich finde die Idee eigentlich ganz okay, ich bin 14 Jahre alt, feier zwar meistens eher mit Alkohol aber es geht natürlich auch ohne. So etwas würde ich mir hier in meiner Gegend wünschen. 13 jährige interessieren sich auch [...] mehr...
aber auch wir älteren Kir-Stammkunden freuen uns über das Rauchverbot!! mehr...
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