Von Alexander Linden
Als er wieder in Deutschland war, ging sein Leben weiter. Die Kumpels auf der Liebfrauenschule reagierten natürlich. Julian nahm es gelassen: "Och, ich war nie schüchtern. Wenn einer was gesagt hat, gab's nen Spruch zurück. Ich bin weiterhin mit Jogginghose in die Schule gekommen."
Und er ging weiter zum Markt, na klar. Ein ständiges Hin und Her zwischen seinen zwei Leben begann. Zwischen Pampelmusen und Prada, zwischen Gemüsemarkt und Mode. Die Termine in London, Paris und Tokio wurden immer häufiger.
Julian sah sein Gesicht jetzt auf Plakaten, in Zeitschriften; regelmäßig schritt er Laufstege hinab, Fans posteten auf YouTube Filme über ihn. Und, was war das für ein Gefühl, nur auf sein Äußeres reduziert zu werden? "Am Anfang fand ich das geil", sagt Julian. "Heute bin ich zwiegespalten."
Irgendwann nahte das Abi. "Ich wollte auf keinen Fall mein normales Leben verlieren", sagt Julian. Er strengte sich an - und schaffte das Abitur. Nicht überragend, aber ohne Ehrenrunde. Mit 19 zog er von zu Hause aus und nahm sich eine eigene Wohnung.
Es wurde immer turbulenter. Julian flog in die USA, dann zog er für acht Monate nach New York. Das, sagt er heute, war seine wildeste Zeit. Er tauchte ab in die Welt derer, die sich für schön halten und reich sind. Partys und Frauen, er lief für Gucci, Louis Vuitton, Yves Saint Laurent. Er machte Fotos für Dolce&Gabana, Cavalli und Armani. Abends paukte er Englisch.
"Paris kennt das ja - aber für mich war das der Horror"
Was ist mit den Magersüchtigen, dem Druck? Viele seiner jungen Kollegen und vor allem Kolleginnen müssen hart für ihre Figur kämpfen und ständig verzichten. Man rechne in Zentimetern, nicht in Kilogramm, sagt Julian: "Es ist schon erschreckend, wenn die Designer sagen: 'Da müssen aber noch acht Zentimeter runter'." Um seine eigene Figur macht er sich keine Sorgen: "Ich hab 'nen sehr guten Stoffwechsel und spiele Rugby."
Julian bekam den Spagat zwischen seinem normalen Leben und dem Glitzer-Kosmos der Models gut hin. Richtig unangenehm wurde die Sache nur einmal, im vergangenen Dezember: Paris Hilton kam nach Berlin. Die beiden kennen sich. Man ging feiern – in einen Szeneclub in Mitte.
In fetten Lettern war am nächsten Tag zu lesen, dass er, das Model, und sie, die Erbin der Hilton-Hotels, eine Affäre hätten. "Das Telefon stand hier nicht mehr still", sagt sein Agent Pascal Kluttig. "Da hat der Julian einen Fehler gemacht." Journalisten riefen bei ihm an, bei seinem Fitnessstudio, bei seiner Mutter.
Julian versteht das immer noch nicht so ganz: "Mein Gott, wir wollten nur etwas trinken", sagt er. "Paris kennt das ja, aber für mich und meine Freundin war es der absolute Horror." Er versuchte, die Angelegenheit zurechtzurücken - doch manche Blätter blieben bei ihren Behauptungen. Julian kam langsam ins Zweifeln über sein Business: "Im Grunde ist das ja ein Viehmarkt: Wenn die Kuh gefällt, wird sie gekauft, wenn nicht, ist man draußen."
Er bietet Waren an - und ist selbst die Ware
Julian arbeitet in jeder Hinsicht auf einem Markt. Hier wie dort. Wenn der Apfel gefällt, dann kauft die alte Dame ihn. Sonst geht sie weiter. Er muss Waren anbieten, manchmal ist er selbst die Ware.
Im Herbst will er sich nun an der TU Berlin einschreiben, um Volkswirtschaft zu studieren, seit drei Wochen macht er ein Praktikum. Samstags geht's auf den Gemüsemarkt. Der gibt ihm einen Ausgleich, eine Pause, wenn die Mode- und Medienmaschinerie ihn zu überrollen droht. "Der Markt ist mein wahres Leben, die Realität. Der Modekram ist eine Kunstwelt voller Make-up, das könnte ich nicht ständig."
Am Gemüsestand hat Julian früher so richtig den Marktschreier gegeben, das mag er heute nicht mehr so. Manche Kunden erkennen ihn. "Die stocken dann und gucken so komisch", sagt er. Manchmal raunt jemand: "Dich kenn ich doch, du warst im Fernsehen." Er fährt sich durch die Haare, Aufmerksamkeit und Trubel sind ihm eigentlich unangenehm. Auf jeden Fall hier, auf dem Markt.
Das kurze, herzliche Gespräch über einen Sack Kartoffeln oder eine Handvoll Äpfel, das Frotzeln mit seinem Chef, der ihn fürsorglich "Julchen" nennt - das gefällt Julian. Er ist dicht am Leben, es gibt Erde und Dreck, es riecht. Julian sagt: "Mir gibt das was zurück." Ein extremer Kontrast zu den sterilen Showrooms des Mode-Kosmos.
Über Laufstege schreitet Julian Feitsma auch noch. "So lange ich Spaß daran habe, mache ich beides weiter – Markt und Mode." Am Montag ist es wieder so weit: Er fliegt nach Barcelona.
Heute Gurke, morgen Gucci.
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