Von Martin Machowecz
Draußen vor der rappelvollen Halle. Den Damen kribbelt schon ein wenig. Zum Glück haben alle ausreichend Ohropax - aber nicht die leiseste Ahnung vom lauten Bass.
Rosi: Ich war mal mit meiner Nachbarin im Urlaub, mit Übernachtung im Doppelzimmer. Zwei Wochen lang. Die hat dermaßen laut geschnarcht, dass ich auch Ohropax brauchte.
Annerose: Beim Glückauf-Bergbau hatten wir auch welche. Bis 1990.
Lotti: Wer weiß, ob wir die heute überhaupt brauchen. Ist das denn so laut?
Rosi: Na hör' doch mal! Ich möcht' da nicht ohne sein.
Am Einlass wird Annerose als Erste abgestempelt. Die Techno-Jünger wundern sich übers ältliche Partyvolk, der Einlasser nennt die Omas denn auch "Mädels" - und guckt beim Viel-Spaß-Wünschen, als sei das dann doch nicht ganz ernst gemeint...
Kartenkontrolleur: Das dritte Lied ist eine Ballade. Wenn man das denn so nennen will. Da wünsch' ich alles Gute.
Rosi: Wir sind eine andere Generation. Wir stehen eher auf Hansi Hinterseer. Aber das hier erscheint mir auch höchst spannend. Wir haben das ja noch nie gehört.
Zuschauer Marcus, 18, und sein Kumpel wundern sich gar sehr. Der Konzertsaal ist zum Zerbersten voll, die Omas können sich gar nicht mehr reindrängeln und bleiben erstmal im Gang. Da hört und sieht man auch alles. Die Türen stehen schließlich offen und der Blick zur Bühne bleibt halbwegs frei. Marcus übt sich in Auslotung seiner Toleranzgrenzen.
Marcus: Erwartet hätten wir die hier nicht. Is' schön, dass sie da sind. Die Alten sollen doch auch mal ihren Spaß haben. Das geht schon in Ordnung.
Annerose: Geht das hier bald mal los? Ob die sich alle wohl fühlen, die ganzen Leute?
Rosi: Wann müssen die denn alle gekommen sein, die da vorne stehen? Oder drängeln die sich etwa nachträglich rein? Das wäre ja nichts für mich. Ich würde dort nie vorbeikommen.
Lotti: Neee, die zerquetschen uns ja, wenn wir nicht aufpassen.
Annerose: Da bleiben wir mal lieber auf Abstand.
Dann kommt schon H.P. Baxxter, mit ihm die ganze Crew, um schnurstracks loszuknattern. Natürlich Hyper-Hyper-How-much-is-the-Fish-wortkarg wie immer. Mit der immergleichen bassbedrückenden Aura. Und mit Lasershow. "Fire", immerhin auch schon elf Jahre alt, läuft als erster Song. Das Wummern drückt wuchtig nach draußen. Den Frauen weht die Dauerwelle.
Rosi: Ich kann mir schon vorstellen, dass die jungen Leute sich ziemlich begeistern.
Lotti: Man wird auch ganz schön mitgerissen. Und wenn man nicht aufpasst, ist man schneller mittendrin, als einem lieb sein kann.
Rosi: Umkippen kann da drin zumindest mal keiner.
Annerose: Dass da so eine Druckwelle alleine durch die Musik entstehen kann! Unglaublich. Das wummert ja unaufhörlich.
Lotti beginnt, zum Beat mit den Hüften zu kreisen. Rosi guckt verschmitzt.
Lotti: Da möchte man gleich mitmachen!
Rosi: Das ist der Wahnsinn! Hier draußen hält man's ja noch aus, aber wie machen die das da drinnen im Saal?
Lotti: Schade, dass wir schon so alt sind. Ich würde ja gerne mal mitmachen.
Von den Sicherheitsleuten wird indes das erste Drogenopfer abgeführt. Ein Malteser beäugt die Omas.
Malteser: Die ältesten Scooter-Fans, oder was?
Rosi: Haben die da etwa einen weggeschafft?
Lotti: Oh je, das ist ja schrecklich.
Der Veranstalter hat heute seinen netten Tag und bietet den Damen beim dritten Song an, mal nach vorne in den Foto-Graben zu gehen. Von Angesicht zu Angesicht vor H.P. Baxxter im Kollektiv pfropfen sich die Damen ihre Ohropax in die Gehörgänge und gehen dahin, wo's weh tut. Nach drei Minuten stürmen sie wieder nach draußen.
Einlasser: Ich glaube, die Mädels sind gerade in ihren Grundfesten erschüttert.
Lotti: Das war wunderbar!
Rosi: Ich wollte keine zwei Stunden da drin sein. Aber wie diese Gruppe Tausende begeistert, das ist unglaublich! Jetzt können wir mitreden. Kann es sein, dass die Jugendlichen regelrecht in Ekstase geraten, wenn sich das noch steigert?
Annerose: Ja, in eine richtige Ekstase kommen die dann!
Rosi: Na, so lange sie in dem Fall noch wissen, was sie tun, ist das okay.
Lotti: Mensch, diese Begeisterung ist toll!
Rosi: Eine halbe Stunde hätte ich das noch ausgehalten. Aber nur unter Schmerzen. Länger ganz bestimmt nicht.
Lotti: Ja, wir müssen los, bevor die Jungen in Ekstase kommen.
Annerose: Ich habe schon ein Pfeifen im Ohr.
Lotti: Na ja, wir müssen ja nicht mehr mitmachen.
Annerose: Aber ich würde wohl nicht 40 Euro für so eine Karte ausgeben.
Rosi: Wenn man jung ist und sich begeistern kann? Meinen Enkeln würde ich vielleicht mal eine Karte schenken. Vorausgesetzt, sie haben Freude dran. Wenn ich jung bin und weiß, was das für eine Gruppe ist, dann geh' ich da sicherlich auch mal hin.
Lotti: Aber das ist keine richtige Tanzmusik hier, oder?
Rosi: Neee. Aber wir hatten mal einen Einblick. Nur möcht' ich, wie gesagt, nicht hier sein, wenn's dem Ende zu geht. Diese Ektase!
Sagt's und flüchtet nach Hause. Im Auto wird noch wacker diskutiert. Die Ekstase hat an diesem Abend dann auch keinen mehr überrollt, wenngleich die Damen Enkel Robert mit Nachdruck beknien, ihnen doch bitte umgehend das neueste Scooter-Album zu besorgen. Wenn das der Hinterseer wüsste...
Autor Martin Machowecz, 20, kann mit Scooter reichlich wenig anfangen. Unsere Senioren haben ihm das den ganzen Abend lang nicht geglaubt.
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