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Zeugen Jehovas Beten, bis die Welt untergeht

2. Teil: Was Aussteiger sagen

"Für Christus endlich kam die Zeit, als König zu regieren. Bald lecken seine Feinde Staub, und er wird triumphieren." Lukas schmettert das Eröffnungslied zum "Theokratischen Bibelstudium" mit seiner Bass-Stimme durch den "Königreichssaal".

80 Menschen sind gekommen, wie jeden Dienstagabend. Der Saal ähnelt einem Seminarraum aus den siebziger Jahren, mit schweren Vorhänge an den Wänden und Neonlicht über der holzvertäfelten Bühne. Nur ein Bibelvers an der Wand verrät den Gottesraum.

Auf Lukas’ Schoß liegt seine ledergebundene Studienbibel. Zwei "Schwestern" sitzen vor der Versammlung an einem Tisch und halten ein grünes und ein orangefarbiges Mikro. Eine Frau spielt eine Zeugin, die andere eine kranke Nachbarin. In einem einstudierten Rollenspiel zeigen sie der Gemeinde, wie man andere Menschen in Gespräche über Gott verwickelt.

Ähnlich wie beim Gottesdienst am Sonntag sind alle Abläufe formalisiert, niemand widerspricht, zuerst liest einer Bibelpassagen vor, danach fasst die Gemeinde diese zusammen. Der Versammlungsleiter lobt jeden Auftritt. Immer wieder stellt ein Moderator rhetorische Fragen: "Wer eignet sich, die Welt zu regieren?"

Überall auf der Welt sehen Zusammenkünfte der Zeugen gleich aus. Darüber wacht die Wachtturm-Gesellschaft, der Verein hinter dem Glauben. Alles ist festgeschrieben, sogar wann in Zusammenkünften geklatscht werden darf.

Auf Ausstieg folgt Ächtung

Die häufigen Treffen, die Bibelstudien, die Rituale sollen die Mitglieder daran hindern, auf falsche Gedanken zu kommen, sagt Melanie Hartmann, 28. Sie ist vor drei Jahren bei den Zeugen ausgestiegen. Heute leitet sie das Netzwerk Sektenausstieg e.V. und sagt: "Wegen der Zeugen habe ich die Leichtigkeit meiner Jugend verpasst."

Heute wirft sie der Wachtturm-Gesellschaft vor, sie verbiete ein selbstbestimmtes Leben. "Egal ob Berufswahl, Kleidung, Bildung - man kann nichts selbst entscheiden", sagt Melanie Hartmann. "Mir wurde tief eingepflanzt, dass die Welt untergehen wird. Aber ich wollte überleben, nicht sterben." Trotz Zweifeln blieb sie 15 Jahre lang Zeugin. Heute wird sie als "Abtrünnige" von anderen Zeugen gemieden.

Lukas hat keine Freunde außerhalb der Zeugen-Gemeinde. An den vergangenen beiden Klassenfahrten hat er nicht teilgenommen, im Musikunterricht singt er nie mit, wenn im Advent "Oh Du Fröhliche" angestimmt wird. Weihnachten ist für ihn ein heidnischer Brauch - genauso wie Ostern und Geburtstagspartys. Darum feiern Zeugen diese Feste nicht.

Am Ende der zwölften Klasse wird Lukas das Gymnasium abbrechen, studieren will er nicht. "Predigen ist mir wichtiger als Karriere", sagt er. Am liebsten würde er nach dem Zivildienst halbtags missionieren und die restliche Zeit als Gärtner arbeiten. "Das stelle ich mir später im Paradies schön vor, die zerstörte Erde wieder aufzubauen und Gärten zu pflanzen." Es wirkt nicht merkwürdig, wenn Lukas so etwas sagt, vielmehr strahlt er dabei Gelassenheit aus.

Sportunterricht, neunte und zehnte Stunde im "Gymnasium Allee" in Hamburg-Altona. Lukas hält die Sicherheitsleine, an der ein Mitschüler in sechs Metern Höhe an der Kletterwand unter der Turnhallendecke hängt. "Ey, Yussuf, Alter", lärmt ein türkischer Mitschüler; zwei Mädchen in dünnen Leggings und brustbetonten Tops kichern. Lukas hält die Leine straff, er bleibt davon unbeeindruckt - ein bisschen wie ein Erwachsener unter Kindern. "Lukas kenne ich nicht gut", sagt ein Mitschüler, "aber er ist verdammt nett, freundlich und hilfsbereit."

Hat er schon einmal nach der Schule etwas mit seinen Klassenkameraden unternommen? "Selten", sagt Lukas, "ich war immer schon verabredet, wenn die mal gemeinsam ins Kino gehen wollten." So wie heute. Nach dem Unterricht stehen alle auf dem Schulhof, rauchen, reden. Nur Lukas verlässt das Gelände schnellen Schrittes.

Gleich trifft er sich mit seinem Freund. Mit Jehova. Die Studienbibel liegt zu Hause schon aufgeschlagen auf seinem Schreibtisch.

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