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08.08.2008
 

Neonazi-Parodie

"Was gibt der deutschen Jugend Kraft? Apfelsaft, Apfelsaft!"

Jonas und Willy sehen aus wie stramm rechtsradikal. Aber nur auf den ersten Blick. Die Schüler aus Beeskow in Brandenburg engagieren sich bei der "Front deutscher Äpfel". Ihre Ziele: "Reinhaltung des Deutschen Obstes", "Südfrüchte raus" - so parodieren sie Neonazis.

Über den Marktplatz in Beeskow marschieren mit festem Schritt zwei Jugendliche in schwarzem Anzug, dazu grimmiger Blick, blutroter Schlips, rote Armbinde. In der Hand halten sie eine blutrote Fahne mit einem weißen Kreis drauf, in der Mitte prangt ein schwarzer...

...Apfel.

Willy, 18, und Jonas, 19, gehören zur Front Deutscher Äpfel (FDÄ), kurz Apfelfront genannt. Mit Flugblättern und Megafon wehren sie sich gegen die "Überfremdung des deutschen Obstbestandes". Ihre Parolen lauten: "Südfrüchte raus" und "Weg mit dem faulen Fallobst".

Willy und Jonas sind keine Neonazis, ganz im Gegenteil. Sie übernehmen bewusst die Slogans der Rechtsradikalen, um sie zu entlarven. Die Apfelfront fährt dahin, wo die Rechten aufmarschieren. "Wir wollen den Nazis die Aufmerksamkeit wegnehmen", sagt Willy. Ihre Nachnamen wollen die beiden Schüler lieber nicht verraten. Zwar gibt es in Beeskow nicht viele Neonazis, sagen sie, aber sicher ist sicher.

In den Ferien auf "Gautour" durch Brandenburg

Nächste Woche gehen die Freunde zu zweit auf große "Gautour" durch Brandenburg - am 28. September ist Kommunalwahl. "Wir wollen die NPD raushaben aus unseren Kreistagen und Stadtparlamenten", sagt Willy.

Jetzt, in den Ferien, werden die beiden morgens in Willys Transporter klettern und die Jugendclubs des Landes abklappern. Sie wollen ihre Apfel-Show aufführen und ein Netzwerk für Aktivitäten aufbauen. Das Geld für das Benzin zahlt Willy aus eigener Tasche, er ist quasi der Boss der Apfelfront in Brandenburg.

Sein Anzug ist neu, auf der roten Krawatte glänzt eine goldene Anstecknadel. "Man sieht halt direkt, wer der 'Gauleiter' ist", sagt Jonas. Wenn sich die Neonazis Shirts mit Che-Guevara-Aufdruck anziehen und den Stil der Linken komplett kopieren - dann muss man eben den Spieß umdrehen, also den Apfel gewissermaßen von der anderen Seite anbeißen. Genau das tut die Apfelfront.

Willy sagt: "Wir sind der bestangezogene schwarze Block, wie unser 'Führer' sagt." Der "Führer", das ist Alf Thum aus Leipzig. Der Aktionskünstler gründete 2004 nach dem Erfolg der NPD bei der Landtagswahl in Sachsen die FDÄ - in Anlehnung an den Namen von NPD-Fraktionschef Holger Apfel. Willy sah im Fernsehen einen Beitrag über die Satiregruppe und war begeistert. Da es in Brandenburg noch keinen Ableger gab, gründete er vor etwa einem Jahr den "Alkmenischen Ostgau". "Alkmene ist eine Apfelsorte aus Müncheberg in Brandenburg" - der "Gauleiter" kennt das heimische Obst.

Seiner Schätzung zufolge zählen "in der Mark" mindestens 50 junge Menschen zur Apfelfront, bundesweit sind es etwa 600. Genau weiß Willy das nicht, da es keine feste Mitgliedschaft gibt. Anfangs machte der Schüler bei seinen Freunden und Bekannten Werbung - er fand schnell Mitstreiter. So setzte sich der Großvater eines Kumpels an die Nähmaschine und schneiderte die Armbinden.

"Mit 30 Leuten sieht das viel besser aus"

Der erste und bislang einzige große Auftritt des "Alkmenischen Ostgaus" war ein Ausflug nach Rüdersdorf, um gegen einen Neonazi-Aufmarsch zu protestieren. Im Sprechchor riefen sie: "Was gibt der deutschen Jugend Kraft? Apfelsaft, Apfelsaft." Die Apfelfrontler finden es besser, sich über Rechtsextreme lustig zu machen und über sie zu lachen, als sie zu ignorieren.

Ein wenig Muffensausen haben Jonas und Willy aber schon vor ihrer geplanten "Gautour". Sonst ist die Gruppe der Apfel-Aktivisten meist größer und bei den Gegendemos gut von der Polizei abgeschirmt - "zu zweit ist es schon etwas anderes", sagt Jonas.

Der Marsch über den Marktplatz in Beeskow ist für Jonas und Willy also so etwas wie ein Testlauf. Passanten bleiben stehen und beobachten die Schüler in Uniform. Ein Teenager bremst mit seinem Fahrrad und sagt: "Das finde ich voll gut." Es gebe viel zu wenige, die etwas gegen Rechts unternehmen. Eine Frau mit gestreifter Bluse lacht erleichtert. Erst habe sie die Jungen für Rechtsextreme gehalten, "dann habe ich den Apfel entdeckt und war irritiert".

Nicht alle Beeskower finden die Aktion lustig: Vor einem Imbiss sitzen zwei bullige Männer mit Tätowierung und verfolgen das Treiben, mit grimmigem Blick. Als sie einen Fotografen entdecken, verstecken sie ihr Gesicht. Den Schülern wird etwas mulmig zumute. Das nächste Mal holen sie sich Verstärkung. Wenn sie bald so um die 30 Leute gesammelt haben, wollen sie in Beeskow regelmäßig Aktionen auf dem Marktplatz starten. "Mit 30 Leuten sieht das auch viel besser aus", sagt Willy.

Kathrin Hedtke, ddp

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