Von Almut Steinecke
Ein Beispiel? Will etwa eine Frau ihren heimlichen Schwarm auf sich aufmerksam machen, würde Jenny mit ihr ein Ritual zelebrieren: "Man zieht mit einem Stab einen Kreis auf dem Boden, um einen heiligen Raum zu markieren. In dem Kreis ist ein kleiner Altar aufgebaut, in Form etwa eines Schränkchens, über das ich ein buntes Tuch breite." Darauf positioniert sie die vier Elemente - "ein Schälchen Flüssigkeit für das Wasser, ein Schälchen Salz für die Erde, ein Räucherstäbchen für die Luft, eine Kerze für das Feuer". Während sie mit einer Göttin in Kontakt trete, sagt Jenny, dienten die vier Elemente als Schutz, denn sie seien ein besonders kraftvoller Teil der Natur.
Für Herzensdinge würde Jenny die Göttin Aphrodite anrufen: "Bitte sende uns deine Kraft, große Aphrodite, und verstärke die positive Ausstrahlung der heimlich verliebten Frau" - auf dass ihr Schwarm sie endlich wahrnehme. Um die Energien zu forcieren, könne man ein Foto der Frau noch mit Rosenöl einreiben.
Göttlichen Kontakt, etwa mit Aphrodite, spüre man körperlich, sagt Jenny. Dann durchlaufe sie von Kopf bis Fuß ein "warmes, starkes Kribbeln".
Auf viele wirkt Jenny Leidenschaft abgedreht
Mit Magie bekämpfe sie auch ihre Prüfungsangst, sagt Jenny: Vor einer Uni-Klausur nehme sie am Altar Kontakt mit Athene auf, Göttin der Wissenschaft. Ihre Panik schreibe sie auf einen Zettel, den sie später verbrenne: auf dass sich die Angst in Luft auflöse.
Persönliche Rituale zelebriert Jenny ein- bis zweimal im Monat, macht auch "schamanisches Reisen", eine "Meditationstechnik, die von Trommeln geführt wird". Und achtmal jährlich nimmt sie an den Jahreskreisfesten teil. Das wären so die "festen" Termine. Die Hexen sehen sich locker und freiwillig verbunden. Manchmal treffen sie sich auf Lichtungen im Wald, zu Meditation, Spaziergang, Trommeln und Tanzen.
Jenny hat eine besondere Wahrnehmung der Welt und kann sie nicht trennen vom Alltag. "Aber genauso leidenschaftlich, wie ich Hexe bin, bin ich auch Studentin", sagt sie und will ab Herbst erst einmal an der Diplomarbeit schrauben. Ohnehin nimmt sie sich regelmäßig frei von der mystischen Berufung - wenn sie als Aerobic-Trainerin im Sportverein arbeitet oder in der Disco zu "Deine Lakaien" tanzt.
Jennys Freund teilt ihre Überzeugungen nicht. Ebensowenig wie die Mehrzahl ihrer Freunde. Aber Jenny lässt sich nicht beirren. An der Uni gibt es nur eine gleichaltrige Kommilitonin, die Jenny mal zum "Hexenstammtisch" mitgenommen hat und nun auch über die Hexen-Ausbildung nachdenkt. Auf viele andere wirkt Jennys Leidenschaft ziemlich abgedreht. Das weiß sie und kann verstehen, wenn die Leute komisch gucken.
Magie? Nichts als "sich selbst erfüllende Prophezeiungen"
Jenny aber hilft ihr Glaube an magische Kräfte im täglichen Leben. Sie erklärt das so: "Da ich Teil der Natur bin, interagiert mein Unterbewusstsein durch die Rituale mit der Natur, und diese Interaktion sucht sich einen Weg." Wenn doch nichts passiere, seien die Umstände einfach nicht reif für ihr Anliegen. Wie es auch kommt: Jenny sieht das Ergebnis positiv.
Andrew Schäfer, Sektenbeauftragter der Evangelischen Kirche, zuckt dazu eher mit den Schultern: Hexen besäßen eine "intakte Ethik", sagt er, sie seien damit klar abgegrenzt zu Sekten oder Satanismus. Dann fällt ihm doch noch etwas ein: Die Hexen würden eine "religiös-alternative Lebenshilfe" praktizieren, Seelsorge dürfe jedoch nicht als "Hobbypsychologie" missbraucht werden.
Ein Gast in einem Gothic-Forum im Internet kritisierte Jenny mal, weil ihre ganze Magie seiner Meinung nach aus sich selbst erfüllenden Prophezeiungen besteht - das sei nichts Übersinnliches, sondern Psychologie der simpleren Art. Für manche ist Jenny eben keine Hexe, sondern einfach ein sehr optimistischer Mensch.
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