"Als ich acht war, 1997, habe ich das Internet für mich entdeckt: Das Modem piepste noch komisch, dann war ich online. Ich fragte mich wirklich, wie aus den wenigen Zeichen, Buchstaben und Zahlen auf einer Tastatur ganze Internet-Seiten entstehen konnten. Also kopierte ich mir Seiten in einen Texteditor auf meinem Rechner. Was man dann sieht, der Quelltext, das sah völlig anders aus als die ursprüngliche Seite. Vor und hinter dem Text standen Anweisungen auf Englisch, die ich nicht verstand.
Ich sah mir eine Seite nach der anderen an und entdeckte langsam das System hinter den Zeichen. Es war mir in dem Moment nicht bewusst, aber ich hatte mir gerade die Internet-Auszeichnungssprache HTML beigebracht.
Ich verbrachte Stunden, Tage, Wochen vor dem Rechner. In meinem Dorf hatte ich kaum Freunde - meine Eltern meinten bald, ich sei ein Internet-süchtiger Nerd. Ich habe weiter im Netz geforscht, Bücher gelesen, die Programmiersprachen Java und Delphi für mich entschlüsselt. Ich lernte andere Programmierer kennen, mit denen ich mich über Probleme mit Programmen austauschen konnte, arbeitete nachts oder wenn meine Eltern nicht zu Hause waren – an den Rechner durfte ich am Tag manchmal nur eine Stunde lang.
Der erste Auftrag flog mir zu
Die Sachen, die ich programmierte, wurden immer komplexer. Meine Freunde aus dem Netz und ich arbeiteten erst an einfachen, dann an komplexeren, bald an kleinen netzwerkfähigen Spielen für das Internet. Das Programmieren war jetzt wirklich kein Spielchen mehr: Ich saß manchmal bis in die Nacht da und löste mathematische Formeln auf dem Papier. Wege zu einem fertigen Programm gab es Hunderte – ich wollte den einfachsten finden, der später am wenigsten Speicher und Rechnerleistung verbraucht.
Dass ich programmiere, wussten auch meine Freunde im Segelflugverein und fragten, ob ich ein neues Programm für das Buchungssystem der Flugstunden schreiben könnte - das alte war kompliziert und teuer. Neun Monate später hatte ich 'Book-a-Bird' fertig. Das Programm funktionierte gut, eines Tages meinte ein Kumpel im Verein: 'Warum verkaufst Du es nicht?'
Die Idee gefiel mir. Ich wollte mich selbständig machen - aber in Deutschland musst du 18 sein, um dein eigenes Unternehmen zu gründen. Ich war erst 17.
Ich programmierte fleißig weiter, machte ein Praktikum bei einem Software-Entwickler. Bald hatte ich meinen ersten großen Programmierauftrag. Als ich endlich 18 war, ging ich zur Stadtverwaltung, zum Finanzamt - am Ende hatte ich mein Unternehmen gegründet.
Meine Lehrer lästerten über meine Firma
Ab jetzt hatte ich vormittags Schule, nachmittags und am Wochenende standen Buchführung, Steuerrecht und Kundenakquise auf meinem Stundenplan. Ich besuchte Seminare für Firmengründer - und mit meinen Noten in der Schule ging es bergab. In Mathe und Informatik war ich gut, aber in Deutsch keine Leuchte.
Meine Lehrer lästerten über meine Firma. Ich hatte das Gefühl, dass sie mir Steine in den Weg legen wollten. Vielleicht, weil ich in meinem Leben mehr erreichen wollte als einen Beamtenstatus. Als ich einem Lehrer das sagte, wurde er sauer. Ich stand vor der Wahl: Schule oder Firma.
Gegen Ende der 11. Klasse, zwei Monate vor Beginn der Sommerferien, hatte ich die Schnauze voll. Der Oberstufenberater wollte mir noch ins Gewissen reden. Als er merkte, dass er mich nicht aufhalten konnte, hat er mir viel Glück gewünscht.
Ich habe die Schule geschmissen. Nur wenige Schüler haben sich von mir verabschiedet. Robert, mein heutiger Mitarbeiter, gehörte dazu. Andere witzelten, sie wollten mich später unter den Obdachlosen in der Gosse besuchen. Das war vor ziemlich genau einem Jahr.
Meine Mutter wunderte sich an dem Tag, dass ich so früh nach Hause kam. Ich sagte: "Mama, ich habe die Schule geschmissen." Für sie brach eine Welt zusammen, sie musste sich hinsetzen. Dann sagte ich noch etwas: "Mama, ich werde ausziehen."
Ich hatte mich endgültig entschieden, selbständig zu sein und ganz auf eigenen Beinen zu stehen. Meine Mutter und mein Vater wollten mich umstimmen. Aber ich hatte mich entschieden. Ich setzte mich an den Computer und programmierte. Eine Woche später zog ich aus.
Erst lief's gut - dann brach ein großer Auftrag weg
Die ersten Wochen lief alles so, wie es sollte. Dann kam ich ins Trudeln: Ich konzentrierte mich voll und ganz auf einen einzigen Auftrag. Bald wollte der Auftraggeber kein Geld mehr in das Projekt stecken - und ich war auf einmal "arbeitslos". Zwei Monate musste ich mich über Wasser halten, bis das Geschäft wieder lief.
Seit ich ausgezogen bin, läuft es auch mit meinen Eltern gut. Ein Student, der meinen Vater kennt, erzählte mir, mein Vater sei sehr stolz auf mich. Ich glaube, er kann nachvollziehen, dass es nichts für mich wäre, mein Gehirn morgens vor einem Büro oder vor dem Klassenzimmer abzustellen, um mir stupide Dinge zu merken oder Dienst nach Vorschrift zu verrichten.
Als Robert einmal in der Schule rausgerutscht ist, was wir in der Firma so im Monat umsetzen, wurden meine ehemaligen Klassenkameraden neidisch. Ich bekam auf einmal Anrufe von Leuten, die mich vorher 'in der Gosse besuchen' wollten.
Auf die kann ich echt verzichten."
Aufgezeichnet von Felix Scheidl
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