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01.10.2008
 

Im Jugendknast

Vier Jahre auf acht Quadratmetern

Angst vor Gewalt, Machtlosigkeit, täglich eine Stunde Hofgang und hundert Gramm Nutella für zwei Wochen: Knastleben bedeutet vor allem, viel zu verpassen. Für das Jugendmagazin "Spiesser" besuchte Cornelius Pollmer drei junge Häftlinge im Gefängnis Adelsheim.

Die Sonne brennt vom knallblauen Himmel, die Luft steht. Es ist früher Abend im baden-württembergischen Adelsheim, kurz vor 17 Uhr und immer noch 34 Grad im kaum vorhandenen Schatten. Am Stadtrand schieben sich ein paar Russlanddeutsche gelangweilt einen Hacky-Sack hin und her, vor dem Streetball-Korb steigt ein körperbetontes Fünf gegen Fünf. Graue Wohnblöcke stehen abseits. Sieht aus wie ein Ferienlager, Marke kroatische Urlaubersiedlung, Siebziger-Jahre-Bausünde.

Ein kräftiger Typ in dunkelblauer Busfahrerhose schlurft zu einem Wärterhäuschen und greift zum Mikro: In drei Minuten Hofgang-Ende, blechert es aus Lautsprechern. Kein Feriendorf also, sondern der Jugendknast Adelsheim mit 430 Plätzen die drittgrößte Jugendstrafanstalt Deutschlands. Die ausschließlich männlichen Insassen sind zwischen 14 und 23 Jahre alt und rücken durchschnittlich für elf Monate ein; die meisten sitzen wegen Diebstahls oder Drogen-Delikten (je 30 Prozent), andere wegen Körperverletzung (18 Prozent) oder Raub (14 Prozent), nur wenige wegen Mordes oder Sexualstraftaten.

Wer in Freiheit auf dumme Gedanken kam, der kommt es in Unfreiheit erst recht. Die JVA Adelsheim ist weitgehend glasfrei. Im Einkaufsladen auf dem Gelände gibt es keine Alu-Tuben, in deren Falz sich leicht Drogen verstecken ließen. Und Klebeband ist auf den Zellen verboten, weil es das Pendeln erleichtert, also den Austausch von Drogen über Seilschaften entlang der Außenwände der Wohnblöcke.

Nur die Gedanken sind frei

Drogen gibt es trotzdem, die gleichen wie draußen, sagt ein Therapeut. Insassen bilden Grüppchen. In Adelsheim gibt es die Russlanddeutschen, die Türken, und beide sagen über die Deutschen, dass diese es schwer hätten, weil sie nicht zusammenhalten würden.

Wer auf sich allein gestellt ist, kann schnell zum Fisch werden. So nennen sie hier die Schwächeren, die psychische oder handfeste Gewalt aushalten müssen. In Ruhe gelassen zu werden, kann dann teuer werden: bis zu zwei Dosen Tabak im Monat.

Das Leben hier ist nicht leicht und soll es auch nicht sein. Ein Bild der Sehnsüchte zeichnet der Gefängnisladen, in dem ein Häftling 30 bis 70 Euro im Monat ausgibt, selbst erarbeitet oder von Angehörigen eingezahlt. Tabak und besonders Körperpflege sind Dauerbrenner, es gibt Tuning-Zeitschriften, HipHop-Mags und TV-Programmies.

Frauen gibt es in Adelsheim nur an zwei Stellen: im Fernseher, der im Monat 15 Euro Miete kostet; und im Einkaufsladen, auf dem Hochglanzpapier von "Coupé", "Playboy" oder "FHM". Die Gedanken sind frei.

Die JVA Adelsheim versucht noch ein gutes Stück Freiheit obendrauf zu packen mit einem modernen Verständnis von Jugendstrafvollzug, mit vielen Freizeit- und Bildungsangeboten. Doch jede Freiheit stößt an Grenzen, spätestens an der großen, grauen Mauer, 1300 Meter lang und fünfeinhalb Meter hoch.

Oder nach dieser einen Stunde, wenn um 17 Uhr der Typ in Busfahrerhose zum Wärterhäuschen schlurft und nach dem Mikro greift, wenn die Russland-Deutschen, die Türken und Deutschen zurückgehen in die Wohnblöcke zum Abendessen, wenn um 21.30 Uhr Zelleneinschluss ist, um 6.15 Uhr Aufstehen, 6.30 Uhr Frühstück, Abrücken um 7 Uhr und später dann, nach Schule oder Arbeit, Hofgang von 16 bis 17 Uhr.

Leben hinter Gittern - drei junge Gefangene erzählen...

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