Abdurrahman, 22, Körperverletzung, zwei Jahre und sechs Monate
Durch das Fenster seiner 8,5 Quadratmeter großen Zelle sieht Abdu eine vertrocknete Wiese. Er sitzt auf seinem Bett, den Rücken zur Wand, und schaut sich um in diesem kleinen Quader Wohnraum, der so viel weniger bietet als draußen sein großes Zimmer mit dem vollen Kleiderschrank.
Eine Weltkarte hängt an der Wand, die Türkei ist rot eingefärbt, "da ist mein Ursprung, da will ich irgendwann hin zurück". Daneben räkeln sich großflächig ein paar Halb-Nackedeis, ein Holzschnittdruck hängt gegenüber.
Abdu hat sich mit kleinen Dingen Privatsphäre geschaffen, so etwas wie ein Zuhause. Zwei Dinge bedeuten ihm besonders viel: Die Urkunde für seinen Realschulabschluss im Knast, Abschlussnote 1,8. Und der Kalender, auf dem alle Tage abgestrichen sind bis auf acht. In gut einer Woche kommt er raus.
Über das, was war, will er eigentlich nicht mehr reden. Weil er jetzt neu anfangen will. Früher ist Abdu fast jeden Abend durch die Clubs gezogen, hat pro Nacht zwischen 500 und 1000 Euro auf den Suffkopf gehauen. Er und sein Kumpel, sie hätten "Party gemacht wie die Könige", "den Großen raushängen lassen, Mädels beeindrucken" - finanziert mit Muttis Kreditkarte. Das viele Geld aber half ihm nicht.
Sein Umfeld von damals beneidet Abdu nicht. "Nicht ich habe durch den Knast etwas verpasst, die haben mich verpasst. Ich bin gewachsen, die nicht", sagt er. Abdu will das Abitur machen, danach studieren, etwas erfinden, das die Welt besser macht.
"Ich habe Angst, dass ich sterbe, bevor ich etwas erreichen konnte. Ich will nicht als Nichts von dieser Welt gehen." Und Abdu hat Angst, wieder abzurutschen, wieder zu trinken. "Ich will nicht mehr trinken. Wenn ich trinke, bin ich ein anderer Mensch."
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