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Im Jugendknast Vier Jahre auf acht Quadratmetern

4. Teil: Abdu, 22: In einer Woche kommt er raus, will das Abitur machen und nicht mehr trinken

Abdurrahman, 22, Körperverletzung, zwei Jahre und sechs Monate

Durch das Fenster seiner 8,5 Quadratmeter großen Zelle sieht Abdu eine vertrocknete Wiese. Er sitzt auf seinem Bett, den Rücken zur Wand, und schaut sich um in diesem kleinen Quader Wohnraum, der so viel weniger bietet als draußen sein großes Zimmer mit dem vollen Kleiderschrank.

Eine Weltkarte hängt an der Wand, die Türkei ist rot eingefärbt, "da ist mein Ursprung, da will ich irgendwann hin zurück". Daneben räkeln sich großflächig ein paar Halb-Nackedeis, ein Holzschnittdruck hängt gegenüber.

Abdu hat sich mit kleinen Dingen Privatsphäre geschaffen, so etwas wie ein Zuhause. Zwei Dinge bedeuten ihm besonders viel: Die Urkunde für seinen Realschulabschluss im Knast, Abschlussnote 1,8. Und der Kalender, auf dem alle Tage abgestrichen sind bis auf acht. In gut einer Woche kommt er raus.

Über das, was war, will er eigentlich nicht mehr reden. Weil er jetzt neu anfangen will. Früher ist Abdu fast jeden Abend durch die Clubs gezogen, hat pro Nacht zwischen 500 und 1000 Euro auf den Suffkopf gehauen. Er und sein Kumpel, sie hätten "Party gemacht wie die Könige", "den Großen raushängen lassen, Mädels beeindrucken" - finanziert mit Muttis Kreditkarte. Das viele Geld aber half ihm nicht.

Sein Umfeld von damals beneidet Abdu nicht. "Nicht ich habe durch den Knast etwas verpasst, die haben mich verpasst. Ich bin gewachsen, die nicht", sagt er. Abdu will das Abitur machen, danach studieren, etwas erfinden, das die Welt besser macht.

"Ich habe Angst, dass ich sterbe, bevor ich etwas erreichen konnte. Ich will nicht als Nichts von dieser Welt gehen." Und Abdu hat Angst, wieder abzurutschen, wieder zu trinken. "Ich will nicht mehr trinken. Wenn ich trinke, bin ich ein anderer Mensch."

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insgesamt 193 Beiträge
Fleischwurst 14.08.2008
nicht erst helfen wenn es zu spät ist und der soziale Abstieg bereits passiert ist!
nicht erst helfen wenn es zu spät ist und der soziale Abstieg bereits passiert ist!
Dette 14.08.2008
Die Loesung: Arbeit! A) Es huelfe wenn es Arbeit gaebe. B) Es huelfe wenn man arbeiten wollte.
Die Loesung: Arbeit! A) Es huelfe wenn es Arbeit gaebe. B) Es huelfe wenn man arbeiten wollte.
chrome_koran 14.08.2008
Vielleicht bin ich naiv, vielleicht ist mein Wissen hoffnungslos veraltet; vielleicht. Aber als ich Anfang 1990er mein Glück als Pädagoge bei einer großen sozialen Einrichtung versuchte, da wurde kein Mensch, der ohne Obdach war [...]
Vielleicht bin ich naiv, vielleicht ist mein Wissen hoffnungslos veraltet; vielleicht. Aber als ich Anfang 1990er mein Glück als Pädagoge bei einer großen sozialen Einrichtung versuchte, da wurde kein Mensch, der ohne Obdach war und bei uns Hilfe suchte, draußen gelassen. Irgendwas ging immer. Die Voraussetzung war natürlich, dass die Betroffenen tatsächlich zu uns kamen. Aber die Adressen sozialer Einrichtungen sind ja alles andere als streng geheim. Damals noch leichter zu finden, da lag in jeder Telefonzelle (!) ein Telefonbuch (!!) aus, mit den ganzen Anschriften. Das größte Problem sind diejenigen, die eben keine Hilfe suchen. Das sehe ich aber weniger als ein Problem der "heutigen Zeit", denn solche Menschen gab es immer. Da gibt es immer gleich ganz viele Gründe, warum sich solche Leute in Not an niemanden wenden. In vielen Fällen kam es mir als "Selbstmord auf Raten" vor. Aber generell waren diese Leute unerreichbar und - schließlich - einer der wichtigsten Gründe, warum ich heute einem ganz anderen Beruf nachgehe und kein Pädagoge in einer Sozialeinrichtung geblieben bin.
Phini 14.08.2008
Ein erschütternder Bericht über Menschen, die keine Zukunft haben und - dies ist die Tragik - von Anfang an keine Zukunft hatten. Der junge Obdachlose hat schon als Kind weder Zuwendung noch Zuverlässigkeit erfahren; Er kann [...]
Ein erschütternder Bericht über Menschen, die keine Zukunft haben und - dies ist die Tragik - von Anfang an keine Zukunft hatten. Der junge Obdachlose hat schon als Kind weder Zuwendung noch Zuverlässigkeit erfahren; Er kann deswegen heute nur noch sehr schwer in die Gesellschaft integriert werden -wenn überhaupt. Demzufolge muß man im frühen Kindesalter ansetzen und sich von Anfang an intensiv gerade um die Seelen vernachlässigter Kinder kümmern. Sie brauchen feste Strukturen, Zuwendung und Verlässligkeit. Wenn die Eltern hier versagen, dann muss der Staat entsprechende Strukturen schaffen.Die hierfür anfallenden Ausgaben sind gut angelegt.Eine Investition in die Zukunft.Leider haben diese Kinder keine Lobby.
Rochus 14.08.2008
Es wäre schön, wenn ich nur solche Menschen alimentieren müßte, die UNVEDRSCHULDET in Not geraten sind. Da ist jemand mit seiner Ausbildung unzufrieden und schmeißt erst mal alles hin. Die Welt ist schlecht. Er lebt dann von [...]
Zitat von sysopObdachlosigkeit ist nach wie vor ein wachsendes Problem, vor allem in den großen Städten. Es mangelt häufig nicht an Angeboten für Betroffene, aber welche Hilfen sind wirklich sinnvoll und Erfolg versprechend?
Es wäre schön, wenn ich nur solche Menschen alimentieren müßte, die UNVEDRSCHULDET in Not geraten sind. Da ist jemand mit seiner Ausbildung unzufrieden und schmeißt erst mal alles hin. Die Welt ist schlecht. Er lebt dann von Bettelei - nicht schlecht, zum Bier und zu Drogen reicht es. Er ist jung, kann sicherlich arbeiten - sei es als Erntehelfer, Putzkraft, Prospektverteiler oder was auch immer. Und diesem Lebenskünstler trägt ein ein von mir bezahlter Mensch auch noch Hartz4 hinterher?! Die Streetworkerin sollte sich schämen - wie sie das Geld anderer Leute rausballert, setzt sie sich dem Verdacht der Untreue aus. Statt mit Geld hätte sie ihm drei, vier Arbeitsangebote geben sollen: und sage keiner, Putzen, Zeitungverteilen und Regalaufpacken ist menschverachtend - es ist einfach ARBEIT. Auch wenn ich jetzt vielleicht Beifall von der falschen Seite bekommen, das mußte jetzt mal raus. Rochus Wo leben wir denn?!
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