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25.12.2008
 

Straßenkinder an Weihnachten

Bloß nicht mit den Eltern feiern

Einsam, hungrig und obdachlos: Straßenkinder und Jugendliche wie Melanie schlagen sich allein durch. Bei ihren Eltern halten sie es nicht aus. In Jugendclubs bekommen sie an Weihnachten Gebäck, Kaffee - und Aufmerksamkeit.

Mit Weihnachten kann Kai* wenig anfangen. Seit zwei Jahren lebt der 22-Jährige auf der Straße und beschreibt sich als überzeugten Atheisten. Wenn aber um ihn herum die Mannheimer Familien am 24. Dezember den Weihnachtsbaum schmücken und den Braten zubereiten, will auch er nicht allein auf einer Parkbank sitzen.

Melanie, 19: Ständig Streit mit den Eltern
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DDP

Melanie, 19: Ständig Streit mit den Eltern

"Wahrscheinlich gehe ich zu Freezone, da ist es immer ganz nett", sagt er - netter jedenfalls als bei seinen Eltern, die er seit Monaten nicht mehr gesehen hat.

Bei Freezone in Mannheim sitzen an Weihnachten zahlreiche obdachlose Jugendliche und Straßenkinder wie Kai, knabbern Gebäck und trinken Kaffee. Alkohol ist streng verboten. Wahrscheinlich, schätzt Kai, wird es ein Fest, bei dem wie auch an jedem anderen Tag Tischfußball gespielt wird.

"Aber es geht ja nicht darum, Weihnachtslieder zu singen, sondern einen guten Abend in der Gemeinschaft zu verbringen", sagt er. Ganz ohne Weihnachtsdekoration wird es auch bei Freezone nicht gehen. Schon Tage vor Weihnachten liegen dort Tannenzweige auf den Tischen.

Nicht nur essen, sondern reden

Die Angebote richten sich an Kinder ab zwölf und an junge Erwachsene bis 21, die von Obdachlosigkeit bedroht sind oder schon auf der Straße leben. "Wir bieten den Kindern und Jugendlichen tagsüber einen Platz an, wenn sie nicht wissen, wohin", sagt Markus Unterländer, 28. Er ist Erzieher und einer der beiden Vollzeitbeschäftigten bei Freezone.

Es gehe vor allem darum, Vertrauen aufzubauen und Hilfestellung im Alltag zu geben, sagt Unterländer. Wer die Einrichtung besucht, der soll sich wohlfühlen, am besten sogar ein wenig zu Hause. Die Jugendlichen können dort duschen und ihre Klamotten waschen, es gibt ein warmes Essen und vor allem Gespräche.

Die meisten Kinder und Jugendlichen, die zu Freezone kommen, haben sich weitgehend von ihrer Familie oder auch von der Schule abgewandt. "Unsere Klientel besteht etwa zu zwei Dritteln aus Mädchen und jungen Frauen", so Unterländer. Anders als Jungs hätten die Mädchen weniger Probleme, Hilfe anzunehmen.

Claudia, 19, sitzt in ihrer blauen Jogginghose bequem auf der Couch. Auf dem Tisch vor ihr stehen Kerzen, ein Weihnachtstollen liegt auf einem bunten Teller. "Ich werde an Weihnachten zwar auch bei meiner Familie sein, aber ich weiß schon jetzt, dass es bei der Weihnachtsfeier von Freezone schöner wird", sagt Claudia. Daher will sie auch in die Jugendeinrichtung kommen.

Wenn das Geld schon zur Monatsmitte alle ist

Die junge Frau verbringt wegen des schlechten Verhältnisses zu den Eltern viel Zeit bei Freezone. Zu Hause, allein mit dem Vater, sei es kaum auszuhalten, sagt sie. "Es gibt immer wieder Ärger, weil er mich schlecht behandelt." Ihre Mutter sieht sie kaum noch, die große Schwester ist längst ausgezogen. Am liebsten würde Claudia eine Ausbildung machen und schnell ausziehen - "bis dahin bin ich so oft, wie es geht, unterwegs".

Auch bei Melanie, die ihren richtigen Namen ebenso wie Claudia nicht verrät, gibt es zu Hause ständig Ärger. Ihre Eltern arbeiten bei einer Reinigungsfirma, trotzdem ist nie genug Geld im Haus. Oft gebe es Streit, klagt die 19-Jährige. "Manchmal haben wir schon in der Mitte des Monats kein Geld mehr zum Einkaufen."

Vor etwa drei Jahren sei sie kurz davor gewesen, in einem Sumpf aus illegalen Drogen und Alkohol zu versinken, erzählt Melanie. "Die Obdachlosigkeit war programmiert." Dank Freezone fing sie sich wieder. Die Mitarbeiter vermittelten zwischen Melanie und ihren Eltern. Nun lebt sie wieder zu Hause - für Melanie nur eine "Notlösung". Bald will sie das Fachabitur machen, studieren und ausziehen.

"Sozialer Stress wirkt sich auf Familien aus"

"Wir stellen fest, dass sich der soziale Stress zunehmend auf die Familien auswirkt", sagt Unterländer. Seit er 2005 bei Freezone arbeitet, habe sich die Lage verschärft. Dass Familien schon am 20. des Monats kein Essen mehr einkaufen können, weil das Geld aus ist, komme nicht mehr nur bei Hartz-IV-Empfängern vor. "Immer mehr berufstätige Eltern sind knapp bei Kasse."

Um die ärgsten Folgen für die Familien zu lindern, geben die Mitarbeiter von Freezone ihren Schützlingen auch schon mal Essenspakete mit auf den Heimweg, notfalls auch an Heiligabend.

Von Stephan Wolf, ddp

*Namen geändert

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