Von Max Scharnigg
Die Abfahrt ins Schullandheim
Es gehört offenbar so: Das Höchste, was die siebte Klasse zu bieten hat, beginnt ganz unten - an der Busschleife vor der Schule, morgens um halb acht Uhr an einem Montag. Du wirst an diesem besonderen Tag von deinem Vater im Kombi dorthin gebracht, obwohl du die Reisetasche locker selber tragen könntest.
Dein Vater lässt es sich aber nicht nehmen, direkt vor dem Bus zu parken, dir die Tasche bis an die offene Bustür zu tragen und sich dann ganz ungezwungen von dir zu verabschieden - mit einer Emotionalität, die dir eher neu ist. Aber schließlich wart ihr auch noch nie eine Woche lang getrennt, wie er den Umstehenden mehrmals versichert.
Dass er bei dieser Gelegenheit auch das mit der Zahnspange sagt, ist ja noch okay, aber dass deine Klasse (und die Deppen aus der Parallelklasse) jetzt auch wissen, dass deine Mutter dir Durchfalltabletten eingepackt hat, ist, du ahnst es, deiner weiteren sozialen Entwicklung eher hinderlich.
Jeder hat Eltern, sogar Thorsten mit dem Schlagring
Leider kann der Bus dann nicht sofort abfahren, weil immer noch mehr Kombis mit Eltern eintreffen, die als großes Plaudergrüppchen die Bustüren blockieren und den Lehrern auf die Schulter klopfen. Alle zehn Sekunden stürmt ein Elternteil in den Bus und ruft: "Tabea? Die Christine hat Binden, falls du welche brauchst, ich habe gerade mit ihrer Mutter gesprochen!"
Leider auch Sophie, die du die nächsten sieben Tage nur beinahe küssen wirst. Ihre Eltern sind die einzigen, die in Tracht aus einem Jeep steigen, und ihre Mutter ist die Einzige, die schon vor der Abfahrt des Busses heult. Das ist ja schon fast wieder versöhnlich.
Als der Busfahrer endlich Gas gibt und die winkenden Eltern verschwunden sind, hast du einen der wichtigsten Momente des Erwachsenwerdens hinter dich gebracht.
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