Von Mirko Heinemann
Als Heisig Lebensläufe junger Straftäter verglich, stellte sie fest, dass junge Kriminelle meist schon früh nicht mehr zur Schule gehen. Sie war verblüfft. In Berlin können Eltern von Schulschwänzern 2500-Euro-Bußgelder aufgebrummt werden, ersatzweise sechs Wochen Haft. Nur: "Das wurde kaum durchgesetzt", vor allem bei Hartz-IV-Empfängern. Heisig schüttelt den Kopf. "Wenn Sie bei Rot über die Ampel fahren, dann müssen Sie auch zahlen. Sonst könnte ja jeder Hartz-IV-Empfänger fahren, wie er will."
Nun sind Jugendrichter des Amtsgerichts Tiergarten auch fürs Schulgesetz zuständig. Und Heisig verdonnert Hartz-IV-Empfänger zu Bußgeldern wegen Fehlens in der Schule, keine 2500, aber 150 Euro, ersatzweise eine Woche Haft. "Das wird überwiegend bezahlt." Ob die Kinder tatsächlich häufiger zur Schule gehen, weiß sie nicht, "das muss erst noch ausgewertet werden".
Richterin Heisig (in ihrem Büro): "Mit den Glatzen herumgeschlagen"
Kirsten Heisig mischt Neukölln auf. An Hauptschulen, "wo 20 Prozent dauerhaft im Unterricht fehlen", warb sie für härteren Umgang mit Schulverweigerern. Sie forderte Lehrer auf, die Kids nicht aufzugeben, sondern ihr Fehlen anzuzeigen. Begeht ein Schulverweigerer eine Straftat, kann Heisig eine "Schulbesuchsweisung" verhängen. "Wenn der immer noch nicht in die Schule geht, setze ich einen Anhörungstermin an, und dann sitzt der im Jugendarrest, wo der Schulbesuch durchgesetzt wird. Sie glauben gar nicht, was das für einen Effekt hat. Das spricht sich rum."
"Wenn Regeln verletzt werden, muss daraus etwas folgen"
Die Richterin weiß, dass drastische Maßnahmen nicht bei allen Jugendlichen fruchten. "Einen Intensivtäter wird man damit nicht in seiner kriminellen Karriere bremsen können. Es ist kein Allheilmittel, sondern eine Möglichkeit darzustellen, dass aus Fehlverhalten Konsequenzen erwachsen. Eine Gesellschaft funktioniert mit Regeln. Wenn sie verletzt werden, muss daraus etwas folgen. Sonst interessiert es keinen."
Woher rührt dieser für Beamte so untypische Aktionismus? Heisig hat selbst zwei Töchter, die langsam ins strafmündige Alter kommen. Die Familie lebt in Steglitz, weit weg vom Problemkiez. Heisig wuchs in Kempen bei Krefeld auf und studierte Jura in Berlin. Seit 15 Jahren ist sie Jugendrichterin, erst in Friedrichshain, dann in Pankow - "da habe ich mich mit den Glatzen herumgeschlagen".
Als Hardliner möchte sie nicht verstanden werden und betont, dass Schulen mehr Sozialarbeiter brauchen, mehr Lehrer aus Einwandererfamilien, mehr Zuwendung. In den achtziger und neunziger Jahren habe sie der "Multikulti-Fraktion" angehört. Aber man müsse "den Realitäten ins Auge schauen".
Früher sei ein Handy geraubt worden, das Opfer wurde möglicherweise geschlagen. Heute aber würden vor allem deutsche Opfer zusehends erniedrigt und "übel zusammengetreten". "Sie werden als Scheißchrist und Schweinefleischfresser bezeichnet, als Juden und Schwulensau." Eine tiefe Frustration habe sich angestaut. Vor allem Homosexuelle treffe es hart, manche Orte seien für sie gefährlich. "Ausgerechnet in dieser Stadt - das ist doch absurd."
Manchmal mehr strenge Mutter als Richterin
Kirsten Heisig fordert, gesellschaftliche Errungenschaften der vergangenen Jahrzehnte nicht preiszugeben. Sie besucht Moscheen, diskutiert mit Imamen, stellt Fragen wie: Darf man in Deutschland hinnehmen, dass zwölfjährige Mädchen in eine Burka gehüllt werden und nicht am Sport teilnehmen dürfen? Dass unverhüllte Frauen nicht durch bestimmte Straßen gehen können, ohne massiv von Männern angepöbelt zu werden? Wann wird Toleranz zur Unterlassung? "Das sind keine juristischen Fragen, sondern politische", sagt sie. "Aber wir müssen uns damit auseinandersetzen."
Die Richterin erntet viel Lob für ihr Engagement. Viele Sozialarbeiter und kritische Vertreter der Migranten begrüßen ihre deutlichen Worte. Neuköllns Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky ist ganz auf ihrer Seite; für den grünen Rechtsexperten Dirk Behrendt ist sie eine "engagierte Kollegin, die deutliche Worte findet".
Kritik ist erstaunlich selten. Safter Cinar vom Türkischen Bund Berlin-Brandenburg beanstandet, dass Heisig stark die kulturelle Herkunft der Straftäter thematisiere, nicht die Bildungsferne und die soziale Problematik. "Wir hoffen, dass sie in der Rechtsprechung objektiver ist." Und manche Beobachter empfinden ihre Verhandlungsführung als zu persönlich. Gegenüber Angeklagten, auch gegenüber Zeugen wirkt Kirsten Heisig oftmals eher wie eine strenge Mutter, nicht wie eine Richterin.
Manches an ihrem Job gefällt ihr nicht. Sie erzählt, wie eine Kollegin kürzlich einen 15-Jährigen zu sechseinhalb Jahren Jugendstrafe verurteilt habe, fast "die Hälfte seines bisherigen Lebens". Er habe derart massiv Körperverletzung und Überfälle begangen, dass nichts unterhalb der Jugendstrafe mehr in Frage gekommen sei. Da hebt Kirsten Heisig, die entschlossene Richterin, nur hilflos ihre Hände.
(*Name geändert)
Auf anderen Social Networks posten:
... Kirsten Heisig wurde umgebracht. Gut 4 Tage hing die Leiche von Frau Heisig ca. 70m tief in einem lichten Wald. Folgt man Google Maps und den Auskünften der Generalstaatsanwaltschaft [...] mehr...
, denn sonst verlieren alle! Lassen Sie mich das an einem anderen, leichter verständlicheren Beispiel verdeutlichen: Nehmen wir mal an, Sie sind Besitzer eines 10-Familien-Mietshauses, welches nicht mehr unbedingt den [...] mehr...
€ 100,00 Belohnung? € 1.000 STRAFE währen wohl angebrachter! Wir haben in diesem Land SCHULPFLICHT! Ist Vater Staat inzwischen so "entmannt", daß er nicht mal das auf die Kette kriegen kann? mehr...
Wir haben liebe Freunde in Togo/Afrika, Schweden, Frankreich, Brasilien und Mexiko, wir wissen was es auf der Welt so alles gibt, aber es geht hier aber nicht um Kinder in der Welt sondern in unserer Nachbarschaft, und hier sind [...] mehr...
Na, wenn es eh alles ohnehin, um es mal deutlich zu sagen "fürn A***h ist", dann möchte ich doch darum bitten von meinen Steuergeldern keine 100€ zu verschenken. Wenn es ihre sein dürfen, bitte sehr. Hier wurde [...] mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Leben U21 | RSS |
| alles zum Thema Kirsten Heisig | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH