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20.02.2009
 

Generation im Rausch

"Morgens habe ich gleich einen Joint geraucht"

Von Marc Polednik

Den ersten Joint mit 12, Ecstasy mit 15: Die Drogenkarriere von Marvin startete früh - wie bei vielen Süchtigen. In der Psychatrie unterwirft sich der 17-Jährige jetzt strengen Regeln, pinkelt unter Aufsicht und lernt, wie gefährlich Freizeit ist.

Das Aufstehen fällt ihm noch immer schwer. Ohne Drogen fühlt sich Marvin, 17, antriebslos - er hat keinen Bock auf gar nichts. Doch spätestens um sieben Uhr muss er sich jeden Morgen bei seinen Betreuern melden. In seine Bettdecke eingewickelt trottet er den kalten Flur entlang.

"Morgen", sagt er. "Ja, Morgen, aber knapp, Marvin", ist die Antwort. Marvin ist gerade noch pünktlich. Er war es gewohnt, bis zum Mittag im Bett zu liegen. Jetzt muss er sich einem strengen Zeitplan unterwerfen, dem Rhythmus der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Viersen, ganz im Westen von Nordrhein-Westfalen. "Die meisten Jugendlichen hatten keinen geregelten Tagesablauf mehr, das müssen sie erst einmal wieder erlernen", sagt Gaby Wüsten, die pädagogische Leiterin.

Die Klinik ist auf junge Suchtkranke zwischen 14 und 18 spezialisiert. Denn Suchtkarrieren beginnen früh: Mit 12 Jahren trinken die Deutschen im Schnitt zum ersten Mal Alkohol. Die Hälfte aller Minderjährigen mit Alkoholvergiftung ist jünger als 16. Genauso jung ist die Hälfte aller Cannabis-Konsumenten, auch sie machen ihre ersten Rauscherfahrungen vor dem 16. Lebensjahr machen, fast jeder Zehnte wird abhängig.

Zehn Tage entgiften, sechs Monate Therapie

Wer auf die Stationen "Kinder Eins" und "Kinder Einundfünfzig" in Viersen kommt, hat einiges hinter sich - und bekommt die Chance, neu anzufangen. Hier werden sie betreut, für sechs Monate, so lange dauert eine erfolgreiche Therapie.

Marvin ist seit vier Wochen auf der Station "Kinder Eins". Zuvor musste er sich zehn Tage in einem Entzugshaus entgiften lassen. Völlig drogenfrei - das Gefühl kannte Marvin gar nicht mehr. Seinen ersten Joint rauchte er mit zwölf, mit fünfzehn kam Ecstasy dazu. "Ich stand morgens auf und habe gleich einen Joint geraucht", erzählt er, "und wenn kein Gras da war, dann habe ich überlegt, wie ich es mir beschaffen kann." Marvin brauchte für seine Drogen immer mehr Geld, am Bahnhof klaute er Fahrräder - zwanzig Euro bekam er für eins, sagt er. Später stahl er auch Laptops, CD-Player, Computer.

Als sich Marvin geduscht und die kurzen Haare gestylt hat, findet er eine orangefarbene Karte vor seiner Zimmertür. Er hebt sie auf und geht zurück zu seinen Betreuern ins Anmeldezimmer. Marvin muss zur Urin-Kontrolle - die Karte ist die Aufforderung dazu. Nach dem Zufallsprinzip wählen die Betreuer bis zu zwei mal in der Woche Jugendliche aus, die "unter Sicht" Urin abgeben müssen - ein Betreuer lässt den Jungen auch auf der Toilette nicht aus den Augen.

Zu Marvins Alltag in der Drogenklinik gehören therapeutische Gespräche. "Wie ist dein Wetter?", fragt ihn die Therapeutin zu Beginn der Sitzung. "Mein Wetter ist eher grau", sagt er. Die Jugendlichen sollen lernen über ihre Gefühle zu reden.

"Ich habe alle fünf Minuten eine Nase gezogen"

Tabata, 16, hat ihre Therapie fast geschafft: In drei Wochen könnte sie entlassen werden - falls sie keinen Rückfall hat. Sie steht vor ihrem Spiegel in ihrem Zimmer und schminkt sich, malt schwarzer Lidstrich. Ihre Drogenkarriere begann, als sie elf war - erst trank sie Alkohol, dann nahm sie Speed. "Ich habe fast alle fünf Minuten eine Nase gezogen", sagt sie, "meine Freunde waren älter als ich, und es war normal, Drogen zu konsumieren." Sie macht eine Pause und sagt: "Es ging mir immer schlechter, aber ich brauchte das Zeug einfach."

Tabata ist auf dem Weg zur Schule, die zur Klinik gehört. Als sie noch Drogen nahm, schwänzte sie meistens den Unterricht. Ihr Klassenlehrer Günter Rixen sagt: "In der Regel hat der Drogenmissbrauch dazu geführt, dass das Leistungs- und Sozialverhalten nicht mehr dem entspricht, was man sonst in dem Alter erwartet. Daran müssen wir wieder anknüpfen und die jungen Menschen aufbauen."

Nichts ist so gefährlich wie Freizeit

Nach der Therapie möchte Tabata in ihrer alten Schule den Realschulabschluss nachholen und später einmal als Sozialpädagogin arbeiten. "Ich habe die ganzen Probleme, die Jugendliche durchmachen, wenigstens selbst erlebt", sagt sie, "viele Therapeuten wissen doch gar nicht, was wirklich los ist. Und ich habe schon viele Therapeuten gesehen."

Marvin möchte später Maler und Lackierer werden; auch er hat bisher keinen Schulabschluss. Zu seinem Nachmittagsprogramm gehört heute Schwimmen in einer nahegelegenen Schwimmhalle - zwei Stunden Ausgang. Es ist die gefährlichste Zeit, sagen sie Betreuer und Pädagogen - in der Freizeit könnten sich die Jugendlichen leicht Drogen oder Alkohol beschaffen.

Auch Marvin wurde bereits einmal rückfällig: Zusammen mit anderen aus der Suchtstation rauchte er die Kräuterdroge Spice. Der Druck der Sucht war zu groß. "Ich bekam dann rote Augen und habe gehofft, dass es nicht heraus kommt", sagt er. Doch es kam raus. Weil er gerade erst mit der Therapie begonnen hatte und noch am Anfang stand, musste er die Klinik nicht sofort verlassen. Solche Rückfälle gehören dazu, doch viele darf er sich nicht mehr erlauben.

SPIEGEL TV THEMA: Freitag, 20.02.2009, 22.50 - 00.45 Uhr, VOX

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