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20.05.2009
 

Giftschrank-Jury

Wie Deutschlands Sittenwächter ticken

2. Teil: Die gute alte "Bravo", ein Metzelfilm und ein Comic - "Die Bundesprüfstelle hat den Ruf eines Henkers!", sprach der Altpunk

Karl Nagel schwant nichts Gutes, als er nach dem Manga-Comic in den Sitzungsaal gerufen wird. Aber anbiedern will er sich nicht. Der Alt-Punk und Ex-Wahlkampfmanager der "Anarchistischen Pogo-Partei" kommt in weißen Turnschuhen, mit buntem Stirntuch und Captain-Spock-Hemd. Einen Anwalt hat er gar nicht erst mitgebracht, "die sind nicht so mein Ding". Dafür ruft er den Gutachtern eine klare Meinung entgegen: "Die Bundesprüfstelle hat in der Comic-Szene den Ruf eines Henkers!" Stille - tiefes Durchatmen, leichtes Murmeln, dann geht es weiter.

Sittenwächterin Meier: "Wir haben nicht die Wahrheit gepachtet"
SPIEGEL ONLINE

Sittenwächterin Meier: "Wir haben nicht die Wahrheit gepachtet"

Nagel ist Verleger von "Die! oder Wir", eines "Magazins fürs Prekariat". Die Comic-Zeitschrift sieht aus wie ein Boulevardblatt, arbeitet mit satirischen Elementen, will die Berichterstattung über Gewalt aufs Korn nehmen. Zerschossene Körper werden gezeigt, doch die schlimmsten Details verdecken Kästen mit Hinweisen wie: "Gewaltgeil sind die anderen - auf keinen Fall wir!" Hakenkreuze sind halb übermalt und so betitelt: "Zensur. Aufgrund gesetzlicher Bestimmungen wollen wir auf keinen Fall zeigen, dass Nazis auch gerne Nazi-Symbole verwenden."

"Wir wollen den Leser verwirren", sagt Nagel. Der Vertrieb seiner Zeitschrift wurde vom Pressegroßhandel sowieso weitgehend verhindert, den Großteil der Hefte hat Nagel angeblich vernichtet und plant kein zweites Heft. "Eigentlich bin ich nur gekommen, um zu testen, ob man mich wirklich hängen wird."

Schamhaarfreie "Bravo" lässt keinen Prüfer erröten

So viel Gelassenheit haben die Vertreter der "Bravo" nicht im Gepäck. "Soll ich mich vor dem ersten Mal selbst befriedigen?" fragt Leonie, 15, das Dr.-Sommer-Team in der "Bravo" Nr. 6/2009. Daneben räkelt sich ein junges Mädchen lasziv in einem Bettlaken, auf der nächsten Seite sind nackte Jugendliche zu sehen. Keine ungewöhnliche Ausgabe, deshalb geht es um Grundsätzliches: Posiert das Mädchen für ihr Alter in einer "unnatürlich geschlechtsbetonten Körperhaltung", so der juristische Terminus? Versteht der Leser, dass die Models älter sind als die minderjährigen Fragesteller?

Manchmal trägt die Sitzung Züge einer peinlichen Befragung. Doch die Gutachter sind zu routiniert, um noch rot zu werden: "Warum haben Sie Models ohne Schambehaarung fotografiert?", fragt ein Prüfer mit grün-gestreiftem Hemd. "Mehr als 50 Prozent der Jugendlichen rasieren sich", klärt Marthe Knieb aus dem Dr.-Sommer-Team ihn auf. "Wir bilden Realität ab." Am Ende ist ihr die Erleichterung anzumerken, als das Gremium die "Bravo" nicht indiziert. Die Entscheidung zeigt auch den Wandel der Moralvorstellungen. 1972 war noch eine "Bravo"-Ausgabe über Selbstbefriedigung verboten worden - denn Onanie könne zu "paranoiden Reaktionen" und "Rückenmarkschwindsucht" führen.

Am Nachmittag kommt Kino-Flair auf. Im Sitzungssaal werden die Jalousien runtergelassen, Käsehappen und Brötchen gereicht; ein Flachbildschirm wird eingeschaltet, die DVD "Mutant Chronicles" eingelegt. Schon kriechen blutrünstige Mutanten über die Erde, die Menschheit ist kurz vor dem Untergang. Während religiöse Kämpfer Mutanten mit Schwertern aufschlitzen, schiebt mancher Prüfer sich verschämt eine Frikadelle in den Mund - eine Mittagspause hatte es nicht gegeben. Nach 107 Minuten hat die Menschheit gesiegt. "Endlich", stöhnt eine Gutachterin.

"Keine Angst, das ist nicht die Inquisition"

Auch dieser Horrorstreifen wird verboten, zumindest in der "uncut"-Version - trotz einer flammenden Verteidigungsrede des Anwalts Holger von Hartlieb, Dauergast in Bonn. Seit 30 Jahren vertritt er die Interessen von Film- und Videovertrieben. Die Horrorszenen in dem Film findet er "zu irreal", als dass sie Jugendliche "verrohen" könnten: "Für Hardcore-Fans ist das kalter Kaffee." Hartlieb bemängelt die "Überregulierung", in der Vergangenheit habe "sehr viele problematische Entscheidungen" der Prüfstelle gegeben.

Die Prüfer kennen diese Kritik. "Wir haben nicht die Wahrheit gepachtet", räumt Petra Meier ein. "Es gibt keine hundertprozentig objektiven Kriterien, da muss man mit Sachverstand und Bauchgefühl arbeiten", pflichtet eine Kollegin bei. Ein Drahtseilakt. Denn die Prüfer müssen sich für die Urteile in die Lage der Jugendlichen versetzen, Medienentwicklungen berücksichtigen und dann noch zwischen zwei Gütern mit Verfassungsrang abwägen: Jugendschutz versus Kunstfreiheit.

Doch die Prüfstelle bekommt unverhofften Beistand - ausgerechnet von Alt-Punk Karl Nagel. Seine Zeitschrift war am Nachmittag nicht verboten worden. Nun will er seinen Freunden in der Comic-Szene sagen: "Keine Angst. Das ist nicht die Inquisition, die können auch zuhören."

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