SPIEGEL ONLINE: Ihr habt geheiratet, und niemand kam. Das ist doch traurig.
Ann-Marie Wahrig: Von der Hochzeit wusste keiner. Deswegen war die Zeit davor auch so schlimm, weil wir Angst hatten, dass uns jemand erwischt. Wir haben die ganzen Urkunden heimlich besorgt…
SPIEGEL ONLINE: …und dein Verlobungsring ist niemandem aufgefallen?
Ann-Marie: Nur meiner kleinen Schwester. Sie hat gefragt: "Oh, was ist denn das für ein Ring? Seid ihr verlobt?" Sie meinte das nur scherzhaft, aber wir mussten beide so grinsen, dass sie hellhörig wurde. Irgendwann hat sie noch mal gefragt, und in dem Moment kam im Radio eine Werbung für Trauringe, dann mussten wir so lachen. Wir haben es ihr gesagt, bevor sie ihren Verdacht weitererzählt.
SPIEGEL ONLINE: Warum habt ihr es verheimlicht?
Ann-Marie: Wir hatten irgendwie Angst, dass unsere Eltern uns davon abraten wollen. Wir wollten uns nicht erklären müssen. Wir waren uns sicher und brauchten keine guten Ratschläge.
SPIEGEL ONLINE: Aber Trauzeugen hattet ihr schon?
Ann-Marie: Ja, das war ein bisschen kompliziert. Wir haben ihnen gesagt, wir gehen auf eine VIP-Party. Sie sollten sich einen Anzug anziehen und morgens zum Rathaus kommen, weil von dort angeblich Shuttle-Busse fahren. Mein Trauzeuge hat sogar extra die Schule geschwänzt.
Wenzel Wahrig: Ich habe meinem Trauzeugen erzählt, dass Ann-Maries Vater ein bisschen mehr Geld hat, deswegen auch mal auf VIP-Partys eingeladen ist und ein paar Leute mitbringen darf. Ann-Marie wiederum hat ihrem Trauzeugen erzählt, dass mein Vater ein bisschen mehr Geld hat.
Ann-Marie: Wir hatten die ganze Zeit Angst, dass der eine Trauzeuge den anderen auf die VIP-Party anspricht. Wir hatten ja beiden etwas anderes erzählt.
SPIEGEL ONLINE: Am Rathaus fuhren aber keine Shuttle-Busse, sondern ihr seid ins Standesamt...
Ann-Marie: Ja, kurz vor dem Reingehen haben wir ihnen gesagt: "Übrigens, jetzt wird geheiratet." Und wir haben sie gefragt, ob sie Trauzeugen sein wollen.
Wenzel: Felix hat gesagt: "Ihr seid doch total verrückt." Mein Cousin Lennart hat nur gefragt, wo die versteckte Kamera ist.
Ann-Marie: Und Lennart hat dann nach zwei Jahren Pause wieder angefangen zu rauchen.
SPIEGEL ONLINE: Und wie habt ihr es euren Eltern beigebracht?
Wenzel: Ich habe bei meinem Vater angerufen, der ist aus allen Wolken gefallen. Er war sich aber nicht sicher, ob das wirklich stimmt mit der Hochzeit. Er hat dann meine Schwester damit beauftragt, alles Mögliche herauszufinden.
SPIEGEL ONLINE: Wie hat deine Mutter reagiert?
Wenzel: Die habe ich auch angerufen. Sie fragte nur: "Habt ihr vom falschen Baum geraucht?" Sie hat erst gedacht, das sei ein Scherz, dann hat sie es realisiert und bekam Angst. Sie sagte mir, sie habe sich erstmal zu ihren Patienten ins Bett gelegt. Sie ist Krankenschwester.
SPIEGEL ONLINE: Und bei dir, Ann-Marie?
Ann-Marie: Meine Eltern waren total baff. Am nächsten Tag hat meine Mutter noch mal angerufen und gesagt: "Ich habe es jetzt erst richtig aufgenommen, ich fange jetzt noch mal nachträglich an zu weinen." Abends haben wir dann ganz viele Leute eingeladen und gefeiert. Das Problem war nur, dass einige dachten, wir verarschen die nur. Die sind dann nicht gekommen.
SPIEGEL ONLINE: Wie viele Leute haben gesagt: "Ihr spinnt doch"?
Ann-Marie: Eigentlich alle, aber das war eher positiv gemeint. Ein paar in der Familie wussten nicht genau, ob sie meine Eltern bemitleiden oder beglückwünschen sollten.
Wenzel: Hin und wieder kam natürlich die Frage, ob es einen Grund hat. Ob Ann-Marie schwanger ist oder so...
SPIEGEL ONLINE: …und bist du's?
Ann-Marie: Nein.
SPIEGEL ONLINE: Wie fing das alles mit euch beiden an?
Ann-Marie: Unser erstes Date? Darf ich das erzählen?
Wenzel: Na gut.
Ann-Marie: Ich war gerade 14 geworden, Wenzel 15. Wir haben damals erst nur telefoniert und uns noch nicht viel mehr getraut. Aber irgendwann haben wir uns in einem Park getroffen. Wenzel kam da allen Ernstes mit seinem Hund und zwei Kumpels an.
Wenzel: Ja, ich war so ein Schisser.
SPIEGEL ONLINE: Funktioniert hat's ja trotzdem.
Ann-Marie: Damals waren wir nur zwei Monate zusammen. Wir waren aber die ganze Zeit in einer Klasse und haben schon noch was füreinander empfunden, waren aber irgendwie zu stolz, das dem anderen zu sagen.
Wenzel: Ich bin dann von Hamburg nach Dresden gezogen, habe aber 2007 ein Praktikum in Hamburg gemacht. Dann ging es wieder los. Wir haben neun Monate eine Fernbeziehung geführt, dann bin ich wieder zurück gezogen.
SPIEGEL ONLINE: Und wann habt ihr beschlossen zu heiraten?
Wenzel: Wir haben irgendwann über Kinder gesprochen, uns Namen ausgedacht und dann ständig über Hochzeit geredet.
Ann-Marie: Wir wissen das selbst nicht mehr so genau. Wir haben eher so ein bisschen rumgeträumt. Das fing bestimmt so an, dass ich gesagt habe, wenn wir mal heiraten, will ich eine Riesentorte. Dann kam der offizielle Antrag.
SPIEGEL ONLINE: Wie war das?
Ann-Marie: Kitschiger kann man sich das eigentlich nicht vorstellen. Wir waren zusammen in Sardinien im Urlaub. Ich glaube, es war Mitternacht, überall waren Sterne, das Meer rauschte, dann ging Wenzel in die Knie, und ich wusste, was kommt.
SPIEGEL ONLINE: Musstest du weinen?
Ann-Marie: Ja.
SPIEGEL ONLINE: Und du, Wenzel, hattest den Antrag genau geplant?
Wenzel: Ja, ich hatte den Ring schon recht lange in der Tasche, aber ich dachte natürlich, im Urlaub am Strand ist es viel schöner. Ich habe mir sonstwas ausgemalt, zum Beispiel Leute zu organisieren, die was singen. Aber als Schüler hat man da ja nur begrenzte Mittel.
SPIEGEL ONLINE: Nach der standesamtlichen Hochzeit kam die kirchliche, jetzt fehlen nur noch die Flitterwochen.
Ann-Marie: Die müssen wir irgendwann nachholen. Nach der Hochzeit haben wir erstmal Abi gemacht.
SPIEGEL ONLINE: War es nicht reichlich früh fürs Ja-Wort? Immerhin ist gerade bei jungen Ehepaaren die Wahrscheinlichkeit noch höher, dass die Ehe geschieden wird.
Ann-Marie: Wir fanden eigentlich nie, dass es zu früh ist für uns. Es war schon längst überfällig. Ich wollte Wenzel schon heiraten, als ich 14 war.
Wenzel: Ein Kumpel hat mich mal gefragt: "Warum habt ihr nicht noch ein paar Jahre gewartet? Dann würde man euch wenigstens ernst nehmen." Eigentlich haben wir uns schon ziemlich ernst genommen gefühlt. Klar, hätte man noch ein paar Jahre warten können, aber wenn man später sowieso heiratet, dann kann man es auch jetzt schon machen. Man sollte nicht überlegen, ob man heiratet, sondern man sollte es wissen. Sonst hat es auch mit 30 keinen Sinn.
Ann-Marie: Mich hat auch mal eine Freundin gefragt: "Wie konntest du das alleine entscheiden?" Ich denke, wenn man das nicht alleine weiß, dann sollte man es lassen.
Das Interview führte Frauke Lüpke-Narberhaus
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