"Ich arbeite im Schottenhamel-Festzelt auf dem Münchner Oktoberfest. Meine Schwester hat hier schon öfter serviert und mich empfohlen. Ich selbst trinke kein Bier, doch mir gefallen die Stimmung und die Trachten bei Volksfesten.
Ich studiere in Ulm Medizin, komme aber aus Stuttgart. Bei uns zu Hause gibt es den Cannstatter Wasen, der ist allerdings nicht so groß wie das Münchner Oktoberfest. Erfahrung in der Gastronomie hatte ich bisher keine.
Vor dem ersten Wochenende hatte ich schon ein wenig Bammel. Am Freitag vor der Wiesn übten wir Maßkrüge wuchten, mit Wasser statt Bier drin. Ich schaffe es, sieben bis achte gefüllte Gläser zu tragen oder elf leere. Leer wiegt ein Maßglas rund 1,2 Kilo, voll dann über zwei Kilo. In unserem Zelt fand der Anstich statt, da schlug der Münchner Oberbürgermeister den Zapfhahn ins erste Fass. Wir standen zu dem Zeitpunkt schon in der Bierschlange und haben nach dem Ruf "O'zapft is" das Bier an die Tische gebracht.
An einem normalen Wiesn-Tag stehe ich morgens so um neun auf und komme gegen halb zwei im Zelt an, wenn ich für die Schicht ab 14 Uhr eingeteilt bin. Am Wochenende ist es um diese Zeit natürlich schon proppenvoll, da kommen wir früher. Unter der Woche geht es erst ab 16 Uhr richtig los. Dann trudeln die Gäste der reservierten Tische ein und bestellen erstmal Bier. Ich schleppe drei, vier Stunden ununterbrochen Maßkrüge, meist drei, vier gleichzeitig - nur selten mein Maximum von acht Krügen.
Baggersprüche ignoriere ich
Unser System sieht so aus: Jede Bedienung betreut vier Tische und sollte auch keine anderen bedienen. Wir nehmen die Bestellungen auf, bezahlen sie an der Kasse und bringen dann die Hendl oder Maß an den Tisch. Im Prinzip gehören uns die Sachen auf dem Weg von der Ausgabe bis zum Gast. Wenn uns jemand anrempelt und etwas herunterfällt, ist das unser Problem.
Es klappt immer irgendwie, sich um blockierende Menschenmauern zu schlängeln - kenne ich ja auch vom Handball. Außerdem gibt es zwischen manchen Tischen kleine Gassen,nur für uns Bedienungen. Am Anfang und am Ende stehen Männer von der Security, die Besucher davon abhalten, diese Gassen zu betreten.
Jede Bedienung erhält zehn Prozent vom Umsatz, plus Trinkgeld; am Ende kommen so einige tausend Euro zusammen. Das meiste Trinkgeld geben Geschäftsleute: Die Maß kostet 8,60 Euro, ich kriege dann einen Zehner. Knauserig sind eher jüngere Frauen.
Natürlich werde ich dauernd angeflirtet. Anfangs haben mir die Komplimente schon geschmeichelt, ich sei die netteste Wiesn-Bedienung, sagten mir einige Gäste. Aber mit der Zeit wiederholt sich auch das. Baggersprüche ignoriere ich, ebenso wie Einladungen, denn ich darf gar kein Bier mit den Gästen trinken und mag es auch nicht, außerdem muss ich ja arbeiten.
Nachmittags habe ich manchmal Zeit, mich mit Gästen zu unterhalten. Da war zum Beispiel eine 79 Jahre alte Dame, die besucht seit 1934 immer dasselbe Zelt, den Schottenhamel. Sie hat einiges von früher erzählt: Alles war natürlich viel kleiner, die Leute kamen nicht nur zum Saufen, blieben auch nicht den ganzen Tag, außerdem brachten sich ihr Essen für die Brotzeit selbst mit. Und Wiesn-Hendl gab es damals noch nicht.
Ab 21 Uhr stehen alle singend auf den Tischen
Ich mag das Arbeitsklima. Immer wieder fragt mich jemand, ob alles in Ordnung ist. Die Altersspanne bei den Kollegen reicht bei uns von 19 bis 74, vom Studenten bis zur Hausfrau ist alles dabei. In den Pausen quatschen wir. Die 74-Jährige wirkt am entspanntesten.
Für unsere Kleidung sorgen wir selbst, im Schottenhamel tragen wir kein Dirndl - im Gegensatz zu Bedienungen in anderen Zelten. Schwarzer Rock, schwarzes Oberteil und weiße Schürze, das ist unser Dress.
Die Betrunkenen ignoriere ich eigentlich, und bei Problemen gibt es ja die Security. Aber die meisten Leute sind total fröhlich. Mit der Zeit nerven natürlich einige Lieder, zum Beispiel "Ein Prosit der Gemütlichkeit", da höre ich nicht mehr hin. Bei anderen summe ich immer mit, wie beim Fliegerlied. Da gehen die Leute richtig ab und tanzen auf den Tischen. Eine Textzeile lautet: "Ich bin stark wie ein Tiger." Das passt auch, denn hier krieg' ich definitiv mehr Muskeln.
Ab 21 Uhr wird es ruhiger für mich. Zwar stehen alle auf den Tischen und singen, aber die Leute bestellen dann weniger. Um halb elf spielt die Band das letzte Lied, die Gäste gehen. Dann putze ich die Tische und fahre heim. Ich wohne in München bei einer Freundin, die massiert mich auch, wenn ich richtig fertig bin. Mit ihr trinke ich nachts noch einen Tee, um mich zu entspannen.
Ich würde nächstes Jahr bestimmt nochmal hier arbeiten, denn es macht Spaß. Wenn das nicht klappt, besuche ich auf jeden Fall die Wiesn mal als Gast - dann trage ich auch ein Dirndl."
Aufgezeichnet von Mathias Hamann
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Leben U21 | RSS |
| alles zum Thema Mein erstes Mal | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH