Von Holger Wille
Eigentlich will Ben nur ein Konzert besuchen. Doch dann trifft er dort seinen Freund Klausi, der sich mittlerweile "Randale" nennt. Klausi sagt, dass man etwas gegen die Ungerechtigkeit in der Gesellschaft tun müsse und dass die Bonzen und Kapitalisten schuld daran seien. Man müsse Widerstand leisten. Am Ende sprühen beide ihren Protest an eine Brücke - und Ben wird in die linksautonome Szene gezogen.
Mit dieser Situation beginnt der neue Bildungscomic "Andi 3". Die Bilder im Manga-Stil erzählen die Geschichte einer Jugendgruppe um den Helden Andi, die mit militanten Linksextremisten in Berührung kommt. "Es sind authentische Situationen, die alltäglich passieren können", sagt die Sprecherin des nordrhein-westfälischen Innenministeriums, Carola Holzberg. Bei der Recherche ging der Verfassungsschutz auf Nummer sicher: Er hörte sich zuvor bei Jugendlichen und Lehrern an den Schulen im Bundesland um.
Der Comic-Held mit seinen riesigen Augen und den übergroßen Händen ist eine bewährte Waffe im Kampf gegen den Extremismus. Denn der Junge hatte schon Stress mit Neo-Nazis und Ärger mit Islamisten. Bei den Lesern kamen die beiden Hefte gut an: Damals stimmten rund 70 Prozent der Schüler darin überein, dass ein Comic im japanischen Stil eine interessante Form sei, um Jugendliche für politische Themen zu sensibilisieren. Nach Angaben des Innenministeriums habe der erste Band mittlerweile eine Auflage von 380.000 Exemplaren erreicht. Vom zweiten Band seien immerhin schon 200.000 gedruckt worden.
Zwischen Konzert und Demo wird Andi zum niedlichen Punk
Wie die anderen Comics auch, wird "Andi 3" in den Schulen verteilt. Die Geschichte kann aber auch im Internet heruntergeladen werden. Die Texte der Comics richten sich an Jugendliche von 12 bis 16 Jahren. Das Ziel: Die Schüler sollen lernen, extremistische Propaganda zu entlarven. Die Hefte werden auch im Politikunterricht eingesetzt. Entsprechende Arbeitsblätter liegen bereit.
In "Andi 3" geht es nun also gegen den Linksextremismus: Die Orte der Erzählung wechseln zwischen Punk-Konzert, Schule und Demonstrationen. Es gibt die schöne Punkerin Nele, die Ben mit krassen Sprüchen in ihren Bann zieht. Und es gibt den Radikalen Klausi, der Ben schließlich drängt, mitzumachen. Die Dialoge klingen authentisch und die Hosen und Jacken, die die Helden tragen, findet man auch auf den Schulhöfen. Im Comic-Stil wirken Andi, Ben und Nele dann allerdings fast ein bisschen niedlich.
Dass es den Autoren aber nicht nur um Unterhaltung geht, zeigen die eingeschobenen, kleinen Texte. Sie erklären Begriffe wie "Autonome" und "Linksextremismus", aber auch "Stalinismus" und "Maoismus". Manchmal scheint es der Zeichner Peter Schaaff aber auch zu übertreiben, etwa wenn er einen betrunkenen Punk darstellt, der die Begriffe Anarchismus, Sozialismus und Alkoholismus nicht auseinander halten kann.
Linke schlagen auf Autos, Rechte auf Menschen ein
Die Geschichten um Andi finden auch bei Lehrern positive Resonanz. "Das ist ein gut gemachter Comic", sagt Ilse Führer-Lehner, Referentin der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft in Nordrhein-Westfalen. Das Medium spreche in seiner Aufmachung und Sprache die Jugendlichen an. "Nach meinem Kenntnisstand arbeiten die Schulen gerne mit den Comics", sagt Führer-Lehner. Auf verschiedenen Lernportalen im Internet finden sich entsprechende Unterrichtsentwürfe.
"Andi 3" erscheint in einer Zeit, in der der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz eine Verdopplung politisch motivierter Gewalttaten von links registriert. Im ersten Halbjahr 2009 wurden insgesamt 83 Fälle gemeldet, den stärksten Anteil hatten dabei Körperverletzungsdelikte (34) und Widerstandshandlungen (27). Bei den Gewalttaten von der rechten Seite nennt der Verfassungsschutz 77 Fälle, 62 davon waren Körperverletzungen. "Mit den Comics können wir diese Probleme nicht lösen", sagt die Sprecherin des Innenministeriums Carola Holzberg, "Aber sie sind ein kleiner Baustein in der politischen Erziehung."
In der Geschichte hat Ben am Ende Glück: Er wird zwar beim Sprayen erwischt und vorbestraft. Doch als die Autonomen auf einer Demonstration plötzlich Autos anzünden und Fensterscheiben einwerfen, beschließt er, auszusteigen. Und sein Freund Andi hilft ihm sogar bei den Sozialstunden, die Ben aufgebrummt bekommen hat. Wäre doch jeder Ausstieg so einfach.
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