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25.03.2010
 

Junge Muslime

Echte Helden gegen falsche Ehre

Von Mathias Hamann

Yusuf, Ahmad, Ufuk (von links): "Würdet ihr eure Tochter auf eine Klassenfahrt lassen?"Zur Großansicht
Mathias Hamann

Yusuf, Ahmad, Ufuk (von links): "Würdet ihr eure Tochter auf eine Klassenfahrt lassen?"

Mädchen fahren nicht mit auf Klassenfahrt, und der Sohn darf keine Nicht-Muslimin lieben? "Ist halt so", denken viele muslimische Jugendliche. Ein Berliner Verein schickt integrierte Muslime in Schulen - ihre Mission: Aufklärung. Doch oft sind auch in jungen Köpfen alte Traditionen übermächtig.

"Ein Mann muss doch eine Jungfrau heiraten", sagt ein Mädchen, eine Mitschülerin stimmt zu: "Die Jungfräulichkeit ist ein Geschenk für ihn." Eine halbe Stunde reden sie jetzt schon so, 20 Neuntklässler der Zuckmayer-Realschule in Berlin Neukölln. Nur einer hat keine islamischen Wurzeln, von den zehn Mädchen tragen sechs Kopftuch. Niemand möchte hier seinen Namen lesen, die Schule bittet darum.

Mittendrin sitzt Ahmad Mansour. Der Psychologe spricht mit den Schülern darüber, ob es okay ist, dass ein Junge mit einem Mädchen einfach ins Kino geht. "Nein", sagen viele. Händchen halten, sich treffen oder gar Küsschen zwischen Verliebten? "Das ist gegen unsere Kultur", ruft ein Mädchen. Sex vor der Ehe? "Das haben Russen oder Deutsche, aber nicht wir Moslems", erklären ein paar Jungs. Denn das würde die Ehre verletzen. "Was ist Ehre?" fragt Ahmad Mansour die Schüler, einige schweigen, andere antworten voller Leidenschaft: Ehre sei die Familie, die eigene Jungfräulichkeit oder die der Schwester.

Ahmad Mansour ist beim Verein Heroes. Das Projekt stammt aus Schweden, dort unterstützt die Königin das Programm. Die Idee: Integrierte Migranten gehen in Schulen und reden mit jungen Migranten über Gleichberechtigung. Ahmad Mansour stammt aus Palästina, lebt seit vier Jahren in Deutschland, hat hier Psychologie studiert. Neben ihm sitzen zwei junge Männer, Yusuf Algan und Ufuk Akar. Yusuf ist 19 Jahre alt und studiert Informatik, Ufuk, 18, macht gerade sein Abitur und hatte schon eine Freundin. Die jungen Muslime dienen als Brücke und Identifikationsfiguren für die Neuntklässler.

"Der Junge muss hören, was sein Vater sagt"

Beide treten nun in einem Rollenspiel auf, als Vater und Sohn. Der Sohn gesteht, dass er ein Mädchen liebt, die keine Muslimin ist. Nach drei Minuten Dialog verbietet Papa weitere Treffen: "Du weißt, das bringt Schande über die Familie." So würden die Eltern von Yusuf und Ufuk nie reagieren, den umsitzenden Schülern hingegen kommt die Szenerie bekannt vor.

Nun fragt Ahmad Mansour die Klasse, was sie tun würden. "Noch mal mit dem Vater reden", antworten viele. Einige finden, der Junge sollte sein Mädchen weiter treffen. Und was wäre, wenn der Sohn sich dem Verbot widersetzt? "Der Junge muss hören, was sein Vater sagt, sonst verletzt er die Ehre des Vaters", mahnt einer. Aber warum? Ein paar nicken nachdenklich, andere reden, aber keiner hat eine Antwort. Außer: Ist halt so.

Ahmad Mansour stellt Fragen, die naiv klingen: Wollen denn Eltern nicht, dass ihre Kinder glücklich sind? Was sollte Eltern wichtiger sein, das Glück ihrer Kinder oder ihre eigenen Regeln? Immer antwortet ihm Schweigen. Die Glocke läutet, kurze Pause. Ahmad Mansour geht mit seinen beiden Begleitern vors Schultor, rauchen.

"Ein richtiger Held gewinnt den Kampf gegen falsche Ehre", erklärt Ahmad Mansour die Idee von Heroes - denn unter falscher Ehre litten alle, Töchter, Söhne und die Eltern, weil in Familien Misstrauen herrsche statt Vertrauen. Aus Angst vor Schande überwachten Brüder ihre Schwestern, Familien ließen ihre Töchter nicht mit einem Jungen ins Kino, Söhne dürften keine Nichtmuslimin lieben.

Von zehn Mädchen waren nur zwei bei der Klassenfahrt dabei

Den Schülern erzählt er immer, dass auch der Prophet Mohammed eine christliche Geliebte hatte. "Das hat nichts mit Religion zu tun", sagt Ahmad Mansour, "sondern mit Kultur." Mit einer Kultur, die Zwangsheirat und Ehrenmord bejahe. Diese Kultur wollen sie ändern. Er und seine beiden Heroes, Yusuf und Ufuk, gehen wieder in die Klasse.

Also fragt der Psychologe die Schüler: Welche Mädchen waren bei der Klassenfahrt dabei? Von zehn melden sich zwei. Was war mit den anderen? Die Eltern wollten das nicht. Warum? Zu gefährlich. Da mischt sich Yusuf ein: "Was kann euch denn passieren, das allerschlimmste wäre, dass ihr vergewaltigt werdet." Doch wer sollte das auf der Klassenfahrt tun, die Mitschüler? Die Mädels schütteln grinsend den Kopf. Dann fragt der junge Hero: "Okay, das ist es also nicht, was dann?" - "Schlechte Freunde", antwortet eine Schülerin. Der 19-Jährige lächelt: "Wer könnte das sein, eure Mitschüler?" Und wieder ist die Antwort "Nein".

Der Student bohrt weiter - wenn es keine Probleme gebe, warum dürfen die Jungs zur Klassenfahrt mitfahren, die Mädchen aber nicht? Es schwebt im Raum, dieses leise "Ist halt so." Was auch im Raum schwebt: der Wunsch der Mädchen, bei einer Klassenfahrt dabei zu sein.

Am Ende der Stunde fragt Ahmad Mansour einen Schüler, was der anders machen würde, wenn er als Vater eine Tochter hätte. Die Antwort: "Mehr Vertrauen." Ahmad Mansour setzt nach: "Und würdest du sie auf eine Klassenfahrt lassen?" Der Schüler sieht aus, als wollte er verneinen: "Kommt aufs Vertrauen an." Sein Vertrauen wäre weg, wenn... "Weiß nicht, wenn sie mal statt um acht um elf nach Hause kommt." Andere Mitschüler schütteln den Kopf, sie wären weniger streng.

Manche Schüler würden ihre Schwester umbringen, sagt Ahmad

Dann fragt Ahmad ein Mädchen, was sie täte, wenn ihre Tochter gesteht, dass sie einen Freund hat. Die Schülerin setzt an, zögert. "Ich würde sie nicht gleich schlagen. Ich würd' sie fragen, wie es zu dem Fehler kommen konnte." Ahmad Mansour wendet sich an den 15-Jährigen links neben ihm: Würde er seine Tochter auf eine Klassenfahrt lassen? "Nein." Ein Mädchen ruft: "Er ist wenigstens ehrlich." Andere stimmen ihr zu.

Liebe als Fehler, Klassenfahrtverbot für Mädchen - wie ihre Eltern würden also auch einige Jugendliche später handeln, obwohl sie jetzt darunter leiden. Resignieren die drei Heroes? Ahmad Mansour winkt ab: "Ach, das war heute harmlos." Er hatte auch schon Schüler, die ihre Schwester umbringen würden, wenn die mit einem Jungen schliefe. Nein, er weiß, dass Veränderungen lange brauchen. "Und wenn die Kids nur anfangen, darüber kritisch zu reden, dann reicht das erstmal."

Die Neuntklässler der Zuckmayer-Schule haben ihn schon eingeladen: "Komm bald wieder." Zudem wollen auch Hannover, Köln und andere Städte so einen Workshop in ihren Schulen. Und bei Heroes werden gerade neue Jugendliche zu Assistenten ausgebildet. Leute wie Yusuf oder Ufuk, die ihre Tochter selbstverständlich auf eine Klassenfahrt lassen würden.

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