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20.01.2010
 

Streetworker in der deutschen Provinz

"Zeig mir deine georgischen Ohren!"

Von Hendrik Steinkuhl

Früher arbeitete er in der Moskauer Oper, heute ist Arthur Lutz Streetworker im niedersächsischen Belm - im Volksmund auch "Belmograd" genannt, wegen der vielen Russlanddeutschen. In der kleinen Gemeinde bewahrt Lutz Jugendliche vor der Langeweile, damit sie keinen Blödsinn machen. Ein Rundgang.


Ziemlich kalt ist es in Belm, und außerdem ist sich der kleine Junge seiner Sache ziemlich sicher:

"Ich bin Deutscher!"
"Nein, du bist Georgier. Nimm Mütze ab, zeig mal deine Ohren."
Der Junge sträubt sich. Dann schiebt er doch seine Mütze hoch, Arthur Lutz sagt: "Aaah, Georgier."
Er lacht, der Junge, der schnell wieder seine Mütze aufgesetzt hat, lacht auch. Woran erkennt man eigentlich georgische Ohren?
"Weiß nicht, war doch nur Spaß", sagt Arthur Lutz.

Jeden Sonntagabend, wenn alles geschlossen ist, wenn die Kinder Langeweile haben und die älteren Jugendlichen langsam ausgenüchtert sind, zieht Arthur Lutz durch die Straßen von Belm. Vor 20 Jahren nahm die Gemeinde in der Nähe von Osnabrück 2500 Russlanddeutsche auf. Jeder fünfte Einwohner war plötzlich Aussiedler, viele davon männlich und jung. Im Volksmund heißt Belm seitdem "Belmograd". Wer sagt, er fahre mit dem Auto nach Belm, hört nicht selten den Rat: "Knöpfe runter, Fenster hoch, bloß nicht anhalten!"

Alles überzogen, natürlich. Trotzdem hat Belm seitdem ein großes Problem mit jungen Migranten, die prügeln, klauen, dealen. Mit vielen Integrationsprojekten kämpft die niedersächsische Gemeinde ziemlich erfolgreich gegen die Verwahrlosung.

Die harten Drogen sind weg, die Gewaltbereitschaft nicht

Einer ihrer erfolgreichsten Vorkämpfer ist Arthur Lutz. Am Sonntagabend tauscht er Eintönigkeit und Frust gegen Mannschaftssport und öffnet für zwei Stunden die Belmer Turnhalle zum interkulturellen Volleyballmatch.

"Bin eigentlich Musiker. Habe in Oper und Theater gearbeitet, in Sowjetunion die Kommunisten haben dir gesagt, was du machen musst."

Hat man Arthur Lutz gerade erst kennengelernt, hält man die Theatergeschichte für einen Witz. Mit seinen gut zwei Zentnern, der Baseballmütze und dem Sweatshirt der Boxmarke "Everlast" scheint er eher in eine Ringecke zu gehören. Seit 1988 lebt Lutz in Deutschland, arbeitet mit Migrantenkindern statt mit Schauspielern - "ist auch Pädagogik, ist alles dasselbe." Sein Arbeitgeber ist das Deutsche Rote Kreuz im Nachbarort Vehrte, den Patrouillengang in Belm macht er ehrenamtlich.

Heute begleiten ihn Slawa Knaus und Eddi Schreider, die für ihre Arbeit ein wenig Geld bekommen. Beim Rundgang durch Belm ist es so friedlich, dass man sich fragt, ob es sich hier nicht schon erfolgreich ausintegriert hat. Frankfurter Straße, früher ein Drogenumschlagplatz, jetzt: gepflegter Rasen, saubere Wege, menschenleer. Vor zehn Jahren ist Arthur Lutz hier noch über einen Mann gestolpert, der sich den goldenen Schuss gesetzt hatte. Jetzt würden die Jugendlichen hier noch kiffen, sagt er, aber harte Drogen wie Heroin, das gebe es nicht mehr.

Jugendarbeit ist unberechenbar

Was es aber noch gibt, ist hohe Gewaltbereitschaft unter den jungen Migranten. Deshalb, sagt Arthur Lutz, sei Jugendarbeit vor allem eines: unberechenbar. "Wenn morgen zwei aus dem Knast entlassen werden, dann kann hier sofort wieder was passieren." Der ganze Frieden, den Arthur Lutz und seine Kollegen über Monate aufgebaut haben - ein fragiles Gebilde, das ein paar böse Jungs rasch wieder zum Einsturz bringen können.

Lutz kennt den Ernstfall. Vor seinem Schreibtisch hat mal ein Araber einem anderen sein Messer in den Bauch gerammt. Vorher hätten sie zwar sehr laut und schnell miteinander gesprochen, "aber das machen die doch immer", habe er gedacht. Und dann plötzlich das Messer, der eine fällt zu Boden, "und anderer redet einfach genau so weiter wie vorher!"

Mitten im Grünen kommen wir zu einem Hartgummi-Sportplatz, auf dem zwei Mannschaften Fußball spielen. "Kosovaren, Albaner, Russen, Türken… ein Deutscher…", zählt Arthur Lutz auf. Wenn es hier Probleme gebe, dann eigentlich nur mit Migranten aus anderen Orten, die manchmal auf der Wiese neben dem Platz säßen und saufen würden. Die russischen Jungs kämen von überall her, sogar aus dem knapp 100 Kilometer entfernten Hameln.

"Aus Hameln?"
"Ja klar. Wir haben russische Mädchen hier."

Arthur Lutz grinst. Er lässt den Witz ein paar Sekunden wirken und sagt dann, die Disco "Virage" locke die jungen Russen aus ganz Nordwestdeutschland nach Osnabrück. Und am Tag nach der Party, bevor es nach Hause geht, schauten die eben gern noch in Belm vorbei. Wegen der Mädchen.

Die Fußball-Verlierer werden mit "Arschschießen" bestraft

Das Fußballspiel ist vorbei. Die Verlierer stehen gebückt und mit dem Gesäß Richtung Spielfeld im Tor, um sich beim "Arschschießen" die Strafe abzuholen. Zwei kleine Jungs machen Breakdance, Arthur Lutz spricht noch mit einem Jugendlichen, der Hilfe bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz braucht.

Ähnlich ruhig ist es heute auch am Ententeich. Am idyllischem Ufer treffen die drei Streetworker oft Minderjährige, die sich hemmungslos betrinken. Arthur Lutz verbietet es ihnen dann. Ganz einfach. Und die Jugendlichen hören auf ihn?

"Natürlich. Ich kenne von allen die Eltern, wenn ich es denen sage, die Jungs kriegen noch mehr Ärger. Belm ist ein Dorf, wir sind hier nicht in Berlin."

Der Alkohol sei mit Abstand das größte Problem, sagt Streetworker Slawa, der mit 18 aus Sibirien nach Deutschland gekommen ist. Seit ein paar Jahren würden gerade die jungen Mädchen oft saufen bis zum Umfallen und auch mehr als die Männer rauchen. "Ich habe langsam das Gefühl, dass sich das alles umdreht."

Slawas Kollege Eddi ist wenig gesprächig. Erst in der Turnhalle erzählt er von Kasachstan, seiner Heimat, die er mit nach Deutschland genommen hat. Eddi isst nur kasachisch, ganz selten kommt etwas anderes auf den Tisch, und wenn Eddi Musik hört, dann HipHop aus der Heimat: "Der ist nicht so aggressiv wie der amerikanische, der geht wirklich an die Seele."

Die Generation von Eddi und Slawa, beide um die 30, ist wohl die letzte unter den Russlanddeutschen, die in ihrer Identität unentschieden ist. Wer hier geboren oder ganz jung nach Deutschland gekommen ist, den interessiere die frühere Heimat der Eltern nicht mehr, sagt Arthur Lutz. "Russisch-Unterricht? Haben die keinen Bock drauf. Und wenn Deutschland Länderspiel hat, sind die für Deutschland, aus."

"Russen können nicht verlieren"

Auf dem Volleyballfeld geht es friedlich zu. Laut wird es nur, wenn Streetworker Slawa einen seiner klatschenden Schmetterbälle schlägt. Nach knapp zwei Stunden Spiel kommt Lutz wieder in die Halle. So lange hat er sich in der Sprecherkabine mit den Jugendlichen unterhalten, die nur zum Reden und nicht zum Spielen gekommen sind.

"Russen können nicht verlieren", sagt er, als er sich auf die Bank setzt. Um kurz vor acht liegt die Mannschaft von Streetworker Eddi hinten, er und einige Mitspieler brüllen laut herum. "Ich werde mal übersetzen", sagt Arthur Lutz. "Er hat gerade Suka gerufen, das meint das weibliche Tier und heißt so viel wie Fuck you."

Es bleibt bei Geschrei. Nach dem Spiel bauen alle zusammen das Netz ab und räumen die Halle auf. Eddi ist auch auf dem Heimweg noch sauer und regt sich über seine Mitspieler auf. Lutz sagt immer wieder, wie ruhig es heute Abend sei. So vieles habe sich in den vergangenen zehn Jahren geändert: weniger Drogen, weniger Schlägereien, und wenn Prügel, dann alles "lokal".

Einmal habe er Belmer Hobbyfußballer trainiert, die bei einem Turnier gegen eine Mannschaft aus dem nahen Eversburg antraten. Es kam zur Prügelei: hier Russen und Türken aus Belm, dort Russen und Türken aus Eversburg.

"Ich habe den türkischen Jungs gesagt: Ey, das sind doch eure Landsleute! Und weißt du, was haben die gesagt? Ach, Eversburger Türken. Das sind doch alles Arschlöcher!"

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