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11.03.2010
 

Jugendkultur Emo

Entdeck das Mädchen in dir

Von Carola Padtberg

Emo-Jugendszene: Im Rausch der Gefühle
Fotos

Sie tragen lange Haare, schminken sich, zeigen Gefühle. Die düster-kitschigen Emos sind die erste Jugendszene, in der sich Jungs an Mädchen anpassen. Sie stellen das Rollenmodell auf den Kopf, ernten dafür Spott und Unverständnis - und manchmal Schläge.

Jungs wie Pascal Birkle erfüllen alles, was vom modernen Mann so gefordert wird. "Gefühle sind mir sehr wichtig", sagt der 17-Jährige, "das drücke ich auch in meinen Gedichten aus. Oder wenn ich singe." Er achtet auf seine Kleidung und trägt am liebsten Schwarz. Sein langer Pony fällt über ein Auge, das andere blickt empfindsam in die Welt. Manchmal sagen seine Mitschüler an seinem Gymnasium in der Nähe von Freiburg "Du bist krank" oder "Geh zum Friseur". Dann bedauert Pascal sie für ihre Engstirnigkeit. "Die sind einfach verklemmt. Ich rede aber lieber, als dass ich gleich draufhaue."

Pascal suchte Gleichgesinnte und fand sie bei einem "Emotreff" am Freiburger Hauptbahnhof. Wie in vielen anderen Städten versammeln sich dort regelmäßig Teenager, die schräg aussehen und vor allem ein Anliegen haben: ihre Gefühle auszuleben.

Sie kleiden sich oft in Schwarz, schminken sich blass und die Augen dunkel, sind aber keine Gothics.

Sie hören Hardcore und binden sich Nietengürtel um, sind aber keine Punks.

Sie tragen Vans, sind aber keine Skater.

Sie mögen Comicfiguren, wollen aber nicht mit Anhängern des Visual Kei verwechselt werden.

Es gibt sie schon seit ein paar Jahren, doch weil sie ihren Stil aus anderen Jugendbewegungen zusammenpuzzelten, wird Emo, im Unterschied zu HipHop oder Punk, als eigenständige Jugendkultur von anderen Szenen oft nicht anerkannt. Dabei haben die Emos auf einer anderen Ebene die Popgeschichte revolutioniert: "Emo ist die erste Jugendkultur, in der sich die Jungs an die Mädchen anpassen. Die Emos stellen das Rollenmodell auf den Kopf", sagt der Kulturwissenschaftler Jonas Engelmann, 31, der gerade das Buch "Emo. Porträt einer Szene" herausgebracht hat.

"Ich muss täglich Haare glätten"

Dass sich Teenie-Mädchen gern mit Klamotten und Schminke beschäftigen, ist nicht neu - jetzt aber stehen auch Jungs zu ihrer Eitelkeit. Sie schminken sich die Augen mit dunklem Kajal, lackieren die Fingernägel und geben sich in Internetforen Tipps, wie man durch zu viel Haarspray strapazierte Haare retten kann. Sie reden über Gefühle und trauen sich, auch mal zu weinen. Sie tragen Röhrenjeans, viel Schmuck und Sternchen-Tattoos, besonders beliebt sind "Snakebites", Piercings in beiden Winkeln der Unterlippe.

Die Emo-Szene

Die Wurzeln der Jugendkultur Emo, die Musik und das Outfit - ein kleiner Überblick:

Ursprünge

Outfit

Musik

Betonung der Emotionalität

Matthias Neuser, 21, aus Siegen wurde Emo, weil er den "Stil und die Frisuren schon immer schön fand, und allmählich haben sich die Piercings angesammelt". Heute muss er sich "fast täglich die Haare glätten", damit sie in der gewünschten Form ins Gesicht fallen.

Matthias arbeitet als Elektriker, abends holt er in der Abendschule das Abitur nach. "Dazwischen habe ich 45 bis 60 Minuten Zeit, mich fertig zu machen. Das reicht gerade so, damit ich nicht so abgefuckt aussehe." Buchautor Engelmann erklärt: "Emos verweigern sich den gesellschaftlichen und ästhetischen Normen. Dabei ziehen sie allerdings viel Hass auf sich."

Unzählige Emo-Witze und Beschimpfungen

Für ihr Bekenntnis zum Gefühl und ihren androgynen Stil ernten Pascal und Matthias oft Spott und Verachtung. Bei YouTube und auf nur zu diesem Zweck eingerichteten Web-Seiten werden Emos beinahe so häufig verhöhnt wie einst Ostfriesen, Blondinen oder Manta-Fahrer. Sie bekommen virtuelle Morddrohungen, werden als schwach und schwul beschimpft, als verweichlichte Mittelschichtkinder ausgelacht.

Es gibt kaum einen Ort, an dem Schwulen- und Lesbenfeindlichkeit so offen ausgelebt wird, wie die Schule. Als "Schwuchtel", "schwul" oder "Tunte" beschimpft zu werden, das geht auf den Pausenhöfen ganz schnell. Besonders die 14- bis 20-jährigen Jungs gelten in den Augen von Anhängern anderer, von demonstrativ breitbeiniger Männlichkeit dominierter Jugendszenen als "schwule" Heulsusen, die keine Freunde haben und sich regelmäßig die Arme aufritzen.

"Durch die Emo-Bewegung werden klassische Geschlechterrollen aufgelöst", sagt auch der Berliner Jugendforscher Marc Calmbach. "Alle reden vom neuen Mann, doch jetzt, wo Jungs eine neue, weiche Männlichkeit nach außen tragen, werden sie sofort sozial sanktioniert." Auch Tokio-Hotel-Sänger Bill Kaulitz, der mit seinem androgynen, schmächtigen Äußeren der Emo-Kultur ähnelt, polarisiert auf ähnliche Weise.

Wenn Matthias Neuser durch die Stadt geht, hört er oft "Iiih, ein Emo"; einmal wurde er verprügelt. In Mexiko taten sich gar im April 2008 etwa tausend Punks zusammen, um Emos aus der Stadt zu jagen. Der Berliner Rapper Gin Tonik tönte zur gleichen Zeit in seinem "Emo-Diss-Song": "Du wünschst dir den Tod, den wünsch ich dir auch."

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Die neuesten Beiträge:
21.03.2010 von VitusBlank: omg -" sponspastiker"

und die lowlifes pupsen wieder bis zum /close.... mehr...

20.03.2010 von gewuerzolive: Voll schön!

Also, jetzt klatschen wir alle mal ganz feste für den Fiesta, dass er sich sich hier so offen über seine Probleme mit den Mädchen ausspricht. Ist ja auch nicht einfach, gell? Lieber Fiesta, das war totaaal mutig von dir! Lass [...] mehr...

20.03.2010 von Haio Forler: .

Ich dachte auch, die wären inzwischen schon alle beim Ballett. mehr...

20.03.2010 von Rainer Helmbrecht: Titel verweigert!

Nachdem was ich zu diesem Thema Inzest hier im SpOn schon gelesen habe kann ich hinter solchen kryptischen Aussagen nicht unbedingt Sarkasmus vermuten. Ihre Aussagen passten einfach zu Gut ins Schema. Wenn Sie allerdings [...] mehr...

20.03.2010 von 99erFiesta: Eingekeilte Frauen....

Ja und weil alle Männer so schön fraulich werden und werden sollen darf ich immer wieder Frauen erleben die mir gegenüber rumeiern wie eine Boje im Orkan. Ich geb hier einfach mal offen zu, dass Weicheigehabe intressiert mich [...] mehr...

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