"Meine Frauenärztin sagte: 'Herzlichen Glückwunsch: Sie sind in der siebten Woche schwanger!' Ihre Worte waren ein Riesenschock. Ich bekam ganz dolles Bauchkribbeln. So früh wollte ich nicht Mutter werden! Ich war 16, eigentlich war ich zu meiner Frauenärztin gegangen, um die Pille höher dosieren zu lassen - und jetzt diese Diagnose.
Als ich aus der Praxis ging, fühlte ich mich zerrissen: Die eine Hälfte weinte, die andere Hälfte lachte. Wie sollte ich das meinem Freund nur beibringen? Was wird Mama sagen? Die Gedanken fuhren Achterbahn in meinem Kopf. Ich fuhr zu meinem gleichaltrigen Freund Normen, mit dem ich zu diesem Zeitpunkt schon zwei Jahre zusammen war. Ich hatte Angst, er würde mich verlassen. Und was, wenn er forderte, ich solle abtreiben?
Bei Normen verdrückte ich mich mit meinem Handy in ein Zimmer. Ich wollte es meiner Mutter zuerst sagen. Doch gerade in dem Augenblick, als ich sagte, 'Mama, ich bin schwanger', kam Normen ins Zimmer. 'Das ist nicht dein Ernst', murmelte er und schüttelte den Kopf, 'das glaube ich dir nicht'. Ich habe ihm das Ultraschallbild gezeigt, das ich von der Ärztin mitnehmen durfte. Er bekam Angst, rief 'Vielleicht ist das Kind gar nicht von mir'. Und hat sich sofort entschuldigt.
Der Freund macht Schluss
Meine Mama reagierte gefasst. Es sei noch ziemlich früh, sagt sie, es hätte nicht sein müssen. Aber sie konnte mir keine wirkliche Standpauke halten, sie ist ja selbst früh Mutter geworden. Meinen richtigen Vater kenne ich nicht, er hatte meine Mutter schon verlassen, als ich geboren wurde, ich habe ihn nur einmal auf einem Foto gesehen. Und es sah so aus, als würde sich das Schicksal wiederholen.
Als ich im vierten Monat war, machte Normen mit mir wegen einer anderen Schluss, mit der er dann einen Monat zusammenwar. Danach kam er wieder an. 'Ich will dich, ich will unser Kind', hat er gesagt, und ich habe ihm geglaubt. Doch dann hat er mich erneut alleingelassen. Als ich im achten Monat war, machte er wieder Schluss, wieder wegen einer anderen.
Das war wie tausend Messerstiche ins Herz. Ich fühlte mich ganz klein, diese Zeit war schlimm für mich. In der Schule habe ich mir dumme Sprüche anhören müssen. 'Die Schlampe', haben die anderen gesagt, je dicker mein Bauch wurde. Einmal musste ich mich im Bus nach der Schule übergeben. Zwischen Normen und seiner neuen Freundin war dann auch irgendwann Schluss, er kam auch wieder an, aber diesmal konnte ich ihm nicht verzeihen.
Ich hatte Angst vor der Geburt. Je näher die Geburt kam, desto mehr musste ich darüber nachdenken, wo und wann es passieren würde. Kurz vor der Geburt, an einem Mittwoch um fünf Uhr früh, wurde ich wach, da war eine Pfütze in meinem Bett, meine Fruchtblase war geplatzt. 'Oh scheiße', habe ich gedacht. Meine Mutter setzte mich ins Auto, und wir fuhren zum Krankenhaus in Bochum. Im Auto bekam ich Wehen, ein unendlich tiefes, zähes Ziehen.
Heulend auf der Toilette
Neun Stunden später waren die Schmerzen so schlimm - ich habe nur noch nach der Rückenmarksbetäubung geschrien. Danach war mein Unterleib taub, beim Geburtsakt direkt habe ich keine Schmerzen gehabt, nur dieses unglaubliche Druckgefühl beim Pressen gespürt. Die Wehen kamen alle sieben, sechs, fünf Minuten, jede Minute. Ich schnaufte, guckte, atmete und fühlte, wie nach und nach ein kleiner Körper aus mir glitt. Nach 14 Stunden holte der Arzt meinen Jungen, und auf einmal war da ein kleines, weinendes Wesen im Raum, es war - Wahnsinn! Auf einmal hielt ich meinen Joel im Arm.
Er war ganz weich, ganz warm, ich fühlte mich so stolz. Es war, als würde sich in mir was lösen, als hätte ich viel länger auf ihn gewartet als nur neun Monate. Ich sah ihn an, in mir breitete sich ein Gefühl aus wie flüssiger Honig. Er sah aus wie Normen. Als ich nach dem Krankenhaus zu Hause ankam, erwarteten mich Freunde und Familie, alle wollten den Kleinen sehen. Eigentlich wurde mir da schon alles zu viel. Etwas später habe ich Joel zum ersten Mal im Badezimmer gewickelt, hab seine Beinchen hochgehoben, um eine Windel unter seinen Po zu schieben. Da hat er sich selbst angepinkelt.
Plötzlich war es bei mir vorbei. Ich habe mich auf den Toilettendeckel gesetzt und geheult. Ich dachte, ich schaffe das alles nicht.
Mir war klar, dass ich nicht bei meiner Mama bleiben wollte. Eine eigene Wohnung aber war zu teuer, und in ein Mutter-Kind-Heim mit mehreren Frauen wollte ich nicht. Das Jugendamt Bochum empfahl mir den "Verein für Individuelle Jugendhilfe", der junge Mütter wie mich in eigenen kleinen Wohnungen betreut, die das Jugendamt bezahlt. Normalerweise kommen die Mitarbeiterinnen die ersten drei Lebensmonate des Babys täglich, danach reduzieren sie die Besuche.
"Ich will es besser machen"
Ich aber brauchte noch länger Hilfe. Ich habe ständig Panik geschoben: Was macht er gerade? Was will er gerade? Warum verzieht er jetzt sein Gesichtchen? Warum schreit er jetzt? Warum ist er jetzt so ruhig? - Gedanken wie diese schossen mir durch den Kopf bei jeder Regung oder Nicht-Regung von Joel. Ganz schlimm war die erste Nacht allein mit Joel in der Wohnung. Ich hatte wahnsinnige Angst vor der Dunkelheit. In dieser Nacht lag ich mit ihm auf der Couch und ließ die ganze Zeit Licht und den Fernseher angeschaltet.
Ein paar Nächte später bekam ich einen tierischen Schreck, rief mitten in der Nacht meine Betreuerin an. 'Joel atmet nicht mehr', weinte ich in den Hörer, ich hatte einfach so eine furchtbare Angst vor plötzlichem Kindstod. Doch es war falscher Alarm. Ich hatte ganz viele Gespräche mit meiner Betreuerin. Und mittlerweile bin ich auch schon viel ruhiger.
Joel ist jetzt 14 Monate alt, ich schlafe in meinem Bett, er in seinem Bettchen, und ich habe nicht mehr so viel Angst. Ich weiß, dass ich anfangs überreagiert habe. Aber es war einfach alles zu viel auf einmal: das erste Kind, die erste eigene Wohnung. Und dann war der Vater ja auch nicht da.
Als Joel acht Monate alt war, habe ich Normen verziehen, seitdem sind wir wieder zusammen. Ich würde niemals sagen, es war ein Fehler, Joel zu bekommen. Das war es absolut nicht! Ob ich anderen in meinem Alter empfehlen würde, so früh Mutter zu werden - nein, empfehlen würde ich das nicht. Empfehlungen sind in diesem Zusammenhang auch unangebracht. Man muss klar haben, dass da nicht nur ein neues Leben in Gestalt eines Babys ist, sondern dass man selbst auch ein neues Leben hat, das komplett anders ist als das alte.
Ich kann mich jetzt nicht mal eben einfach so mit einer Freundin treffen, und am Wochenende weggehen geht gar nicht mehr. Aber ich verzichte gern. Dazu habe ich Joel viel zu lieb. Ich habe schon während der Schwangerschaft ganz viel über Mutter-Sein und Kinder und Erziehung gelesen, und ich lese immer noch sehr viel. Ich will versuchen, alles, was ich an Schlechtem erlebt habe in meiner Familie, besser zu machen in meiner eigenen Familie - ich will das versuchen."
Aufgezeichnet von Almut Steinecke
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Ich komme aus einem sozialschwachen Umfeld. Meine Freundin hat mit 20 ohne Ausbildung ein Kind bekommen. Danach hat ihr das Amt jahrelang alles finanziert. Sie hat eine Wohnung, die in hHamburg auf normalem Wege niemand bekommen [...] mehr...
Ja . Hut ab vor der tapferen Mutter. Kinder sind die Sehnsucht des Lebens nach sich selbst. Wir sind - weltweit betrachtet ein stinkreiches Land. Was uns fehlt sind Kinder. Wer soll die vielen Alten denn mal in 20 Jahren [...] mehr...
Manchmal ist es nicht leicht, sich den Sarkasmus zu verkneifen - das war aber auch eine zu schöne Vorlage ;) ---Zitat--- Eine Suppe auszulöffeln ist immer eine Konsequenz. Eine Abtreibung ist eine, eine ausgetragene [...] mehr...
Wenigstens Sie selber bleiben immer sachlich und fair. Gratuliere. Eine Suppe auszulöffeln ist immer eine Konsequenz. Eine Abtreibung ist eine, eine ausgetragene Schwangerschaft mit anschliessender Mutterschaft ist auch [...] mehr...
Nun, über den habe ich mich gar nicht ausgelassen. Weder positiv noch negativ. Daß man immer auch auf alle anderen Beteiligten zeigen muß, finde ich nicht sinnvoll. Damit es fair ist? Aber wenn es Sie beruhigt: Den jungen Mann [...] mehr...
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