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08.06.2010
 

Mein erstes Mal

Charleen, 17, tanzt beim Christopher Street Day

Teenager-Outing: Charleen, 17, feiert auf dem CSD
Fotos
Michael Godehardt

Am Sonntag zeigte Charleen bei der Düsseldorfer CSD-Parade bunte Flagge. Dass sie lesbisch ist, will die Schülerin nicht verstecken. Im SchulSPIEGEL erzählt sie, wie sie sich in ihre erste Freundin verliebte, was Mitschüler sagen und warum der Christopher Street Day wie eine prickelnde Premiere war.

"Am vergangenen Sonntag bin ich beim Christopher Street Day (CSD) in Düsseldorf mitgelaufen, inmitten der CSD-Parade als offizielles Mitglied einer schwul-lesbischen Düsseldorfer Jugendgruppe - für mich das erste Mal, dass ich mich so vielen Menschen auf einmal geoutet habe. Der Weg dahin war lang.

In der dritten Klasse habe ich um ersten Mal gemerkt, dass ich mich zu Mädchen hingezogen fühle. Da war ich neun und mit der Klasse auf einem Ausflug im Park am Schloss Benrath in Düsseldorf. Ich habe mit Carina aus meiner Klasse Gänseblümchen gepflückt, sie war auch neun, hatte blonde Haare, und ihre Augen waren grün, knallgrün. Ich hatte sie schon im Unterricht manchmal angeschaut, so wie man einen Star auf einen Poster anschaut. Das war so eine Schwärmerei.

Irgendwann saßen wir im Gras, haben uns Blumenketten um den Hals gehängt. Ich hab Carina in den Arm genommen und hatte dabei Kribbeln im Bauch, ich fand sie echt süß. Da rief ein Junge aus unserer Klasse: 'Die Charly steht auf die Carina!' Wir fuhren auseinander. Carina wusste nicht, was sie damit anfangen sollte. Und ich wollte es gar nicht wissen. Ich habe gespürt, da ist was: ein Gefühl. Ich wollte das aber nicht. Das Gefühl sollte weg. Deshalb habe ich es ignoriert. Carina und ich haben nicht mehr miteinander geredet, da ging das Gefühl wieder weg.

Mit 13, 14 hatte ich ein paar Beziehungen mit Jungs, aber es hat nie wirklich geklappt. Ich war mit ihnen zusammen, weil alle Mädchen mit Jungs zusammen waren, dabei war ich immer genervt von ihnen. Nicht weil ich sie grundsätzlich doof finde. Aber Jungs denken anders, sehr einfach, von heute bis morgen. Manchmal kann man kein normales Wort mit ihnen wechseln. Ich finde sie so schwanzgesteuert. Vielleicht nicht alle, aber die, die ich kannte, waren so. Das hat mich abgestoßen.

Da war wieder dieses Kribbeln im Bauch

Mit 15 bin ich sitzen geblieben, kam in eine neue Klasse. Ein paar Mädchen waren gleich nett. Darunter war auch Anni, zwei Jahre jünger als ich. Einmal fuhren wir mit der Klasse auf einen Streitschlichterlehrgang in eine Jugendherberge nach Bielefeld. Ich war mit Anni und Theresa, einer Mitschülerin, auf einem Dreier-Zimmer. Abends konnte ich nicht einschlafen, habe in die Dunkelheit gefragt, ob noch jemand wach ist. Anni konnte auch nicht schlafen. Wir unterhielten uns flüsternd, aber das ging nicht gut, sie war zu weit weg.

Da kam sie zu mir ins Bett gekrabbelt. Wir haben leise gequatscht. Plötzlich war es wieder da: dieses Kribbeln im Bauch. Anni lag nur neben mir, es ist nichts weiter passiert, aber ich dachte, 'Oh nein, das ist wie im Schlosspark!' Ich habe das Kribbeln weggedrängt, mit aller Kraft.

Drei Monate später habe ich an einem Freitagabend mit Anni gechattet. Als ich schlafen gehen wollte, kam plötzlich gegen 23 Uhr eine SMS von ihr: 'Ich muss dir was sagen: Ich habe mich in dich verliebt!' Ich starrte auf mein Handy, fing an zu weinen. 'Tut mir leid, aber das ist nicht mein Ding', simste ich Anni direkt zurück. Aber danach ging's mir erst so richtig schlecht. Ich habe das ganze Wochenende geweint. Meine Mama hat sich voll Sorgen gemacht, mir aber keine Fragen gestellt.

Am Montag in der Schule ist Anni meinem Blick ausgewichen. In der sechsten Stunde habe ich sie nach den Mathehausaufgaben gefragt, da hat sie normal geantwortet. Aber es war so unterschwellig krampfig zwischen uns. Am Donnerstag sollte sie bei mir übernachten, das war schon lange verabredet, weil die Klasse am nächsten Tag einen Ausflug machen wollte. So richtig wohl fühlten wir uns beide nicht. Tagsüber haben wir noch zusammen was mit Freunden unternommen, aber immer eher mit anderen gelacht als miteinander.

Eine Mitschülerin erwischte uns beim Knutschen

Abends ging es mir richtig schlecht. Wir haben nebeneinander auf dem Bett gesessen, sie hat mich gefragt, warum ich so traurig gucke. Ich fing an zu weinen. Ich habe gesagt, dass ich Angst habe. Da kam Anni mit ihrem Gesicht ganz nahe und hat mich geküsst. Ich hatte immer noch Angst, die ging jetzt nicht einfach weg, aber sie wurde kleiner. Und auf einmal ging's mir super. Alles war plötzlich so schön und anders - als hätte ich einen Schatz gefunden, der so schön funkelt, dass ich meine Angst vergesse. Und der so anders ist, als alles, was ich bisher auf meinem Weg gefunden hab, dass ich überzeugt war, der gehört nur mir alleine!

Wir sind mindestens noch einen Monat nicht offen damit umgegangen. Dann haben wir es zwei Freundinnen gesagt, die hatten damit kein Problem. 'Mich stört das nicht, Hauptsache, du bist glücklich', meinte die eine zu mir. Meiner Mutter brauchte ich es gar nicht zu sagen; sie wusste schon lange Bescheid, wollte aber, dass ich von selbst komme. Als ich dann zu ihr kam, hat sie sich für mich gefreut.

Drei Monate später hatten wir Schuldisco, und ich wollte mit Anni Stühle aus dem Nebenraum organisieren, als unsere Mitschülerin Theresa uns dort beim Knutschen erwischte. Da wusste es die ganze Klasse. Es gab ein, zwei Mädchen, die versuchten, die anderen gegen uns aufzuhetzen. Aber das hat nicht funktioniert.

Wenn Anni und ich durch die Stadt gehen, hören wir immer mal einen dummen Spruch. 'Iiiih, Lesben', hat mal ein Mädchen gesagt und gefragt, ob das nicht eklig ist mit einem anderen Mädchen, und ein Typ hat mich gefragt, ob ich krank wäre oder so. Ich versuche dann nichts drauf zu sagen, sonst wird's nur schlimmer.

Der CSD war wie eine Wunderkerze

Außerdem erlebe ich so viel Schönes. Mädchen denken so ähnlich, das ist sooo erleichternd. Und es ist so entspannend, weniger Konkurrenz zu haben. Da es gefühlt wenige lesbische Mädchen gibt, die ihre Neigung total unbeschwert leben, bin ich nicht mehr so eifersüchtig wie bei einem Jungen, der tausend Hetero-Mädchen um sich hat. Und ich fühle mich so aufgefangen, auch weil ich sicher sein kann, dass die Leute, die nach meinem Outing noch zu mir stehen, immer zu mir stehen.

Das alles hat mich so glücklich gemacht, dass ich anderen davon berichten wollte: In meiner Schule bin ich in einer Radio-AG und schlug als Thema für die nächste Sendung 'Schöne Erfahrungen lesbischer Mädchen' vor. Auf der Suche nach einer Interviewpartnerin bin ich auf Jana Hansjürgen gestoßen, die gerade 'Puls' gründete, eine eigenständige Jugendgruppe extra für schwule und lesbische Jugendliche, so etwas gab es bisher noch nicht für Düsseldorf.

Das fand ich so toll, dass ich beschlossen hab, auch bei 'Puls' mitzumachen, zu Gesprächskreisen zu gehen und so. Oder mit allen bunte Flagge beim CSD zu zeigen, so wie am letzten Wochenende. Der CSD war wie eine Wunderkerze, er sprühte nur so vor guter Laune. Ich sehe es gar nicht mehr ein, mich zu verstecken! Und in der Parade mitzulaufen, das war wie in einer einzigen riesigen feiernden Familie, in der es super viel Spaß gibt, aber auch ganz viel Halt, der von allen Seiten kommt, wohin man sich auch dreht.

Nur eine Sache fand ich echt frustrierend: Die Jungs liefen teilweise besser auf High Heels als ich!"

Aufgezeichnet von Almut Steinecke

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