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29.07.2010
 

Mein erstes Mal

Martin, 20, geht im Unterhemd zum Abiball

Mein erstes Mal: Martin, 20, geht in Unterhemd zum Abiball
Fotos

Wenn 100.000 Menschen es auf Facebook verlangen, wettete Martin, dann komme ich zum Abiball in schlabbriger Jogginghose und Unterhemd. 125.000 wollten es. Also feierte der Radolfzeller Schüler total underdressed zwischen Anzugträgern und Ballprinzessinnen - und war der Star des Abends.

"Im April bin ich mit meiner Schwester und ihrem Verlobten einkaufen gegangen. Ein Anzug musste her, schließlich standen mein Abiturball und ihre Hochzeit an. Doch ich fand kein passendes Modell. Die Anzüge waren zu groß, zu klein oder standen ab.

Abends habe ich dann mit meinem Freund Oliver auf Facebook gechattet. Als er vom misslungenen Anzugkauf hörte, meinte er: 'Dann geh doch einfach in Jogginghose und Unterhemd.' Vor allem freitags sind meine Mitschüler und ich oft in Jogginghosen in die Schule. Das ist bequemer, wenn man bis frühmorgens in der Disko war. Aber zum Abiball? Das ist schließlich eine offizielle Veranstaltung, der Direktor kommt, die Lehrer. Die Mädchen gehen in Abendkleidern, die Jungs mit Krawatte.

Anfangs war Olivers Kommentar spaßig gemeint, aber dann hat sich die Idee mit der Wette entwickelt. Wir haben aus Jux die Gruppe '1.000.000 Mitglieder und Martin kommt in Jogginghose und Unterhemd zum Abiball' auf Facebook gegründet. Meine Bedingung waren erst eine Million Gruppenmitglieder. In den ersten Tagen sind allerdings nur ungefähr 200 Leute beigetreten. Da hat Oliver ein bisschen Muffensausen bekommen, und wir haben die Grenze auf 100.000 gesenkt. Ich dachte mir, das schafft er sowieso nicht, es waren ja nur noch acht Wochen bis zum Abiturball.

Sogar meine Klassenlehrerin trat der Gruppe bei

Ein paar Tage später sind mir dann die ersten Bedenken gekommen. Immer wenn ich meine Nachrichten kontrolliert habe, gab es neue Beitritte zur Gruppe. Die Marke kletterte auf 5000, dann auf 10.000. Es gab Tage, an denen sind 15.000 Leute beigetreten. Mit einem solchen Hype habe ich nicht gerechnet, das hat mich selbst überrascht.

Irgendwann war der Punkt gekommen, an dem ich es meinen Eltern erzählen musste. Mein Vater war anfangs gar nicht begeistert, der ist noch von der alten Garde. Allmählich fand es dann die ganze Familie lustig. Meine Geschwister haben fleißig Einladungen an ihre Facebookfreunde verschickt. Die Zahl der Gruppenmitglieder stieg und stieg. Täglich habe ich auf Facebook den aktuellen Stand nachgesehen. Manchmal traten in einer Minute 90 Leute bei. Das war krass.

Die Mitglieder kamen erst aus der Region, dann aus Baden-Württemberg, irgendwann aus ganz Deutschland. Freunde von mir haben den Informationstext zur Gruppe auf Französisch und Englisch übersetzt, damit auch Leute aus anderen Nationen beitreten können. Die Gruppe hatte Fans aus Amerika, aus Frankreich, sogar aus Asien waren Mitglieder. Meine Klassenlehrerin und ein paar andere Lehrer sind auch beigetreten.

Ich schätze, dass ich nur 350 von den mittlerweile 125.000 Leuten persönlich kenne. Mit drei Leuten, die ich zuvor nicht kannte, schreibe ich jetzt nach der Wette noch regelmäßig.

Wettschulden sind Ehrenschulden

Am 20. April, drei Tage vor den Abiturprüfungen, hatte die Gruppe dann 100.000 Mitglieder. Scheiße, dachte ich, jetzt musst du das durchziehen. Ich bin zu meiner Mutter gegangen und habe es ihr erzählt. Du spinnst doch, war ihr Kommentar. Der Gedanke an einen Rückzieher kam mir schon. Aber dann hätten mich mehr als 100.000 Leute gehasst. Die Gruppenmitglieder wollten schließlich Beweise sehen, Fotos und Videos. Auf Hass-Mails hatte ich keine Lust. Also blieb mir keine andere Wahl - Wettschulden sind Ehrenschulden, habe ich mir von da an eingeredet.

Statt erneut nach einem Anzug zu suchen, habe ich mir eine neue schwarze Jogginghose und ein weißes Unterhemd gekauft, für 40 Euro. Meine alte Jogginghose sah ein bisschen verranzt aus, vom letzten Streichen hatte sie ein paar Farbkleckse abbekommen. Ein letztes bisschen Eleganz wollte ich mir dann doch bewahren: Man hat schließlich nur einmal im Leben Abiball.

Als das Wettergebnis feststand, bin ich zu unserem Direktor gegangen und habe ihn informiert. Zum Glück ist er sehr tolerant und hatte nichts dagegen. 'Ist mal was Neues', fand er. Ich musste mich also mit meinem Schicksal abfinden.

Vor dem Abiball hatte ich großen Bammel und war am 25. Juni richtig aufgeregt, bestimmt mehr als meine Mitschüler. 'Mit flüssigen Mitteln ist das leichter zu ertragen', habe ich auf Facebook gepostet. Meine Mutter und ich haben ich einen Beruhigungsschnaps getrunken, dann ging es los ins Milchwerk, ein Kulturzentrum in Radolfzell - in Jogginghose und Unterhemd.

Hilfe, stürmen jetzt Flashmobber unseren Abiball?

Ein paar Tage zuvor hatte sich auf Facebook eine Art Flashmob-Gruppe gegründet, also Leute, die den Abiball stürmen wollten. Davor hatte ich Angst. Als ich am Veranstaltungsort keine Schaulustigen oder Fans sah, war ich erleichtert.

Beim Sektempfang haben mich alle angesehen und gegrinst. Jeder wollte ein Foto machen. Das war ein komisches Gefühl. Auf die Bühne sind Jungen und Mädchen paarweise zusammen gegangen. Meine Partnerin meinte: 'Jetzt muss ich mit dem Assi gehen.' Aber das ist ihr Humor, schlimm fand sie es nicht. Der Schulleiter und der Stufenbeste haben die Wette sogar in ihre Reden eingebaut.

Auf der Bühne habe ich mein Zeugnis bekommen, alle haben geklatscht, gejubelt. Ohne arrogant klingen zu wollen: Ich war der Star des Abends. Wenn jemand Rosen auf die Bühne geworfen hätte, wäre mir das aber peinlich gewesen.

Den offiziellen Teil der Veranstaltung über habe ich die Jogginghose und das Unterhemd anbehalten. Nur als es abends in die Disko ging, habe ich mich umgezogen: Ich habe befürchtet, dass mich die Türsteher sonst nicht reingelassen hätten.

Gar nicht schlecht, so ein bisschen Ruhm

Die Wette hat mich bekannt gemacht. Das habe ich vor allem auf der Abschlussfahrt nach Lloret de Mar im Mai gemerkt. Ich lag am Pool, es kamen wildfremde Menschen auf mich zu und haben mich angesprochen: 'Bist du nicht der…' Ein bisschen Ruhm fühlt sich gar nicht schlecht an.

Warum die Wette so erfolgreich war, weiß ich nicht genau. Ich kann mir nicht vorstellen, warum man einer solchen Gruppe beitritt - aus Langeweile oder um sich darüber lustig zu machen? Ohne Facebook wäre es bestimmt nicht möglich gewesen. Soziale Netzwerke verbinden und machen es möglich, viele Menschen in kurzer Zeit zu erreichen.

Gewonnen haben Oliver und ich die Wette beide, denke ich: Er, weil er die 100.000-Grenze geknackt hat. Und ich, weil ich die Sache dann auch durchgezogen habe. Jetzt, wo die Wette vorbei ist, lassen wir die Facebook-Seite offen stehen. Die Jogginghose ziehe ich öfters an. Mein Bruder meinte, ich soll das gute Stück auf eBay versteigern. Ich will es aber lieber behalten, ist schließlich eine lustige Erinnerung.

Übrigens: Einen passenden Anzug habe ich doch noch gekauft. In Jogginghosen zur Hochzeit meiner Schwester - das wäre mir dann doch zu weit gegangen."

Aufgezeichnet von Christina Kufer

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