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27.07.2010
 

Azubis im Hotel

Tägliche Schikanen und fliegende Pfannen

Von Jasper Tjaden

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DPA

Draußen funkelt die Vier-Sterne-Fassade, drinnen regiert ein überaus harter Ton. Julia und Daniel sind Auszubildende in noblen Hotels. Beim Abendessen in Berlin erzählen sie, wie sie ihren einstigen Traumberuf im Alltag erleben - mit brüllenden Chefs, 16-Stunden-Schichten und Lächelzwang.

Azubi Julia: "Ich wusste, das wird kein Kindergeburtstag, aber…"

Am ersten Tag ihrer Ausbildung ranzt der Hotel-Chef Julia* an, sie solle auf dem Gruppenfoto den Bauch einziehen. Es wird schon besser werden, denkt sie. Fehlanzeige. Sie solle Geld sparen und sich ihre Augenbrauen zupfen lassen, im hoteleigenen Beautysalon. Bleich sei sie auch. Ein bisschen Make-up "würde ihr gut tun". Und natürlich dem Geschäft.

Julia, 19, lächelt schön und konstant. Das hat sie gelernt. Dieses Lächeln ist ihre Arbeitskleidung. Dahinter versteckt sie vieles, wenn sie von 24-Stunden-Schichten mit drei Raucherpausen erzählt - oder von letzter Woche: Es ist 23 Uhr, die letzten Gäste in der Hotelbar bleiben standhaft. Nach zwölf Stunden Arbeit ohne Pause darf sie sich nicht hinsetzen, seit vier Tagen geht das schon so. Die Frühschicht am nächsten Morgen beginnt um 8 Uhr. Mit einem Lächeln.

Wenn das zierliche Mädchen von der Arbeit erzählt, verhärten sich die weichen Gesichtszüge, unruhig knetet Julia ihre Finger. "Ich wusste, das wird kein Kindergeburtstag, aber das habe ich nicht erwartet." Mehrfach drohte ihr der Chef mit dem Rausschmiss. Kommandos hallen durch das Hotel wie durch Kasernen: "Sie haben nicht zu widersprechen, Sie haben nur ja zu sagen. Ihre Meinung interessiert hier nicht." Je höher der Druck, desto schlechter wurden ihre Noten in der Berufsschule. "Mittlerweile komme ich mir vor, als lerne ich nur für meinen Chef und nicht mehr für mich", sagt Julia trotzig.

Es war einmal ihr Traumberuf

Rückblick: Seit einem Kurzpraktikum als Schülerin will sie Hotelfachfrau werden und ergattert gleich nach dem Realschulabschluss einen Ausbildungsplatz in einem Vier-Sterne-Hotel. Die Homepage wirbt für die "hochqualitative Ausbildung" in einem "hoch motivierten Team". Schnell muss sie lernen, dass die Zahl der Sterne kein Gradmesser für die Qualität der Ausbildung ist.

Immer häufiger wird Julia krank, ihre Ärztin attestiert ihr ein Magengeschwür. Dem Chef ist das egal. Als sie wiederholt nicht zur Arbeit erscheint, schreibt er eine Abmahnung und streut unter den Kollegen das Gerücht, sie simuliere. Ihr Vater ruft im Hotel an und sagt, dass seine Tochter krank im Bett liege und ein Attest habe. Der Hotelmanager schimpft, er solle sich "da raushalten".

Dank staatlicher Ausbildungsbeihilfe und Kindergeld kommt Julia über die Runden. Sprit und Versicherung fürs Auto sind teuer, aber anders kann sie ihre 50 km entfernte Berufsschule nicht erreichen. Allein bei den Zigaretten könnte sie sparen, "aber bei dem Stress…". Das Trinkgeld, das Julia im Hotel verdient, muss sie abgeben. Im Krisenjahr 2009 entfallen Nachtschicht- und Feiertagszuschlag sowie Kleidungsgeld. Die Azubis lächeln.

Arme Azubis: Tricks gegen leere Taschen

Kein Auskommen mit dem Einkommen?

Auszubildende werden je nach Lehrberuf völlig unterschiedlich bezahlt - und oft können sie mit dem Geld nicht über die Runden kommen. In manchen Fällen springt der Staat ein.

Kindergeld

Ausbildungsbeihilfe

Wohngeld

Nebenjob

Vor ein paar Wochen erhält Julia eine zweite Abmahnung von ihrem Chef. Grund: Sie weigert sich, ihr privates Geld als Wechselgeld im Hotelrestaurant zu verwenden - "ich hatte einfach nicht so viel am Monatsende". Zusammen mit Freunden ruft sie anonym bei der zuständigen Stelle der Industrie- und Handelskammer (IHK) an. Und wartet vergeblich auf eine Reaktion. Dabei sollen sogenannte Ausbildungsberater "die Azubis auf ihrem Weg begleiten", wie es ein IHK-Mitarbeiter formuliert.

Und immer schön lächeln

Schlimmer noch als die täglichen Schikanen findet Julia die schlechte Vorbereitung auf ihre Abschlussprüfung. Die Rezeption, die im Mittelpunkt der Prüfung stehen wird, sah sie bisher nur im Vorbeigehen. Begründung des Chefs: "Solange du hier noch Fehler machst, kommst du nicht in andere Bereiche."

Julia gibt zu, dass ihr nicht alles gelingt. Vor zwei Monaten schnitt sie einen Kuchen ohne Schablone zu. Als Strafe musste sie den Kuchen zum vollen Preis selbst kaufen.

Julia will weiter lächeln, für einen Wechsel sei es zu spät. Wenn sie von der Arbeit erzählt, sagt ihr Vater, sie solle durchhalten. Sie sieht das genauso. "Ich will mir beweisen, dass ich das durchstehen kann." Der Kunde darf nichts bemerken. Die meisten Beiträge in einem Online-Reiseforum loben das Hotel. Nur weiter unten erwähnt eine Besucherin den "schlechten Umgang mit dem eigenen Personal".

Ob die schwarz-gelben Steuererleichterungen für die Hotelbranche etwas an der Ausbeutung der Azubis ändern werden? "Auf keinen Fall", meint Julia. Ihr Chef sei "schon besser drauf, wenn mehr Gäste da sind", aber momentan richte sich die Aufmerksamkeit erstmal auf eine neue Saunalandschaft.

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insgesamt 130 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
30.07.2010 von dotd: ...

Dann würde ich Sie gerne direkt fragen. Wie behandeln Sie Ihre Angestellten? Halten Sie Arbeitszeitgesetze ein? Wahren Sie grundlegende Persönlichkeitsrechte? Treten Sie einfach blind nach unten oder verstehen Sie es als [...] mehr...

30.07.2010 von eisfuchs: Schon immer so gewesen...das heißt es muss besser werden!

Das ist doch einfach nur Unsinn. Man wird nur zum guten Arbeiter wenn man vorher erniedrigt und ausgebeutet wurde? Was ist daran denn bitte "gute Schule"? Das ist ein Zeugnis dafür, wie man es NICHT macht. Was soll [...] mehr...

29.07.2010 von farbenseher: Ein schönes Beispiel..

..dafür, wie sehr das neoliberale Menschenbild an der Wirklichkeit scheitert. Von wegen, Jugendliche sind verkommen, faul und auf ALG2 programmiert. Sie ertragen genau wie vor Jahrzehnten unmschenschlichste Arbeitsbedingungen und [...] mehr...

28.07.2010 von tommycat: Utopia

Tja, im ersten Augenblick hatte ich auch an dieses zukünftige Utopia gedacht, vor etlichen Jahrzehnten gab's eine solche Azubi-Baisse schon einmal. Nur, dann ist mir die vorprogrammierte Reaktion der AG eingefallen: "Wir [...] mehr...

28.07.2010 von xantu: Idioten im Gastgewerbe

Lehrabschlussprüfung 1958 im besten Hotel in Niedersachsen Die gleichen Erfahrungen habe ich auch alle gemacht. Das sich inzwischen nichts gebessert hat, kann ich allerdings nicht begreifen. Die Idioten in der Branchen [...] mehr...

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Was Azubis Realität ist

Unbezahlte Überstunden

Azubis müssen oft unentgeltlich Überstunden machen. Das geht aus dem DGB-Ausbildungsreport 2009 hervor, für den rund 7000 Lehrlinge befragt wurden. Gut vier von zehn (42,2 Prozent) sagen, dass sie regelmäßig länger als vertraglich vereinbart arbeiten. Fast jeder Fünfte (18,8 Prozent) erhält dafür nach eigenen Angaben keinen Ausgleich. Für Überstunden steht Azubis aber immer eine Vergütung oder Urlaub zu, wie das Bundesbildungsministerium erläutert.

Fachfremde Tätigkeiten


Alles, was Azubis Recht ist

Was muss der Ausbilder können?

Der Ausbilder muss in der jeweiligen Fachrichtung ausgebildet sein und über entsprechende Berufserfahrung verfügen. Das regeln die Paragrafen 29 und 30 des Berufsbildungsgesetzes (BBiG) , die Paragrafen 21 und folgende der Handwerksordnung (HwO) sowie das Jugendarbeitsschutzgesetz (JArbSchG) in Paragraf 25.

Wer bezahlt Material und Maschinen?

Ist die Arbeit wichtiger als die Berufsschule?

Was ist erlaubt - und was nicht?



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