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01.09.2010
 

Totalverweigerung

Aus Überzeugung in die Zelle

Von Fabienne Kinzelmann

Überzeugungstäter: Philipp nahm das Leben in einer kleinen Zelle in KaufZur Großansicht
Fabienne Kinzelmann

Überzeugungstäter: Philipp nahm das Leben in einer kleinen Zelle in Kauf

Als die Bundeswehr den Rekruten Philipp, 19, einzog, erschien er erst brav in der Kaserne - und verweigerte dann konsequent jeden Befehl. Wieder und wieder landete er im Arrest, insgesamt saß er 40 Tage in der Zelle. Seine Mutter sorgte sich vor allem um seine vegane Ernährung.

"Es heißt: Bitte mitkommen. Und nicht nur: Mitkommen", sagte Philipp ruhig, aber bestimmt. Der Soldat, der ihn zur Kompaniechefin bringen sollte, war sprachlos. Er gehorchte nur seinen Befehlen - was wollte dieser 19-Jährige mit seiner Aufmüpfigkeit?

Es war der 1. Juli 2010, der erste Tag von Philipps Wehrdienst. Wenige Tage zuvor hatte er sein Abiturzeugnis bekommen - gute Noten hatte er vor allem in den Naturwissenschaften. Den Abend vor dem Einzug hat er mit Freunden gefeiert. Ihnen hatte er schon von seinem Plan erzählt, als er seinen Musterungsbescheid bekam: Er werde den Wehrdienst total verweigern, also auch keinen Zivildienst leisten.

Geglaubt haben ihm das viele lange nicht. Das änderte sich, als Philipp vor rund einem Monat eingesperrt wurde.

Philipp stellte Fragen in den Raum, antworten wollte die Kompaniechefin nicht

Philipp ist kein "Fahnenflüchtiger", er musste nicht von Feldjägern daheim abgeholt werden, weil er mutwillig der Kaserne fern blieb. Er fuhr freiwillig nach Hohentengen zum Luftwaffenausbildungsregiment. Er, der sich einen überzeugten Anarchisten nennt, war sich der Konsequenzen bewusst, als er bei seiner Ankunft verkündete, den Dienst verweigern zu wollen. Schon monatelang hatte er sich intensiv mit dem Thema Wehrpflicht und den Gesetzesgrundlagen auseinandergesetzt.

Als er an seinem ersten Tag vor der Kompaniechefin stand, probierte die es am Anfang mit gutem Zureden. Philipp erklärte ihr, dass er die Wehrpflicht ungerechtfertigt finde und Krieg völlig ablehne. Genaugenommen glaube er einfach nicht, dass Probleme sich durch Gewalt lösen lassen, sondern dies nur zu mehr Gewalt führe.

"Müssen wir die Länder angreifen, die Terroristen beherbergen oder kommt dann nur mehr Terrorismus auf uns zu? Ist es unsere Pflicht militärisch einzugreifen, wenn ein System uns nicht demokratisch genug ist?" Philipp stellte die Fragen in den Raum, antworten wollte die Kompaniechefin nicht, sagt er. Stattdessen erteilte sie ihm den Befehl, sich bei der Verwaltung zu melden und ordnungsgemäß einzukleiden. Philipp verweigerte und bekam sieben Tage Arrest.

Er landete in einer Zelle, die kaum acht Quadratmeter klein ist, mit einem Din-A4-Blatt hat Philipp nachgemessen. Wenn er sich auf seine Pritsche stellte, konnte er durch ein vergittertes Fenster auf den Hof des Geländes blicken. Der Lichtschalter befand sich außerhalb der Zelle. In der Regel wurde es um 21 Uhr dunkel.

Die Mutter hat das Diskutieren aufgegeben

"Zum Glück habe ich es auch im Dunkeln geschafft, das Klo zu treffen", sagt er. Es befand sich direkt neben seinem Bett. Philipp redet über seine Zeit im Arrest, als würde er von einem Wochenendausflug erzählen. Er lacht dabei, er amüsiert sich über die Haltung von Wehrpflicht-Befürwortern. Dabei war die Zeit in der Zelle alles andere als Freizeitspaß: Geweckt wurde er um 5.45 Uhr, dann durfte er sich waschen und in der Truppenküche frühstücken, danach musste er bis zum Mittagessen wieder in seine Zelle.

Das Essen bereitete seiner Mutter die größte Sorge. Philipp ist Veganer, sie war beunruhigt, weil in der Kaserne für ihn nicht extra gekocht wurde. Aber das Essen reichte ihm. Sie hat inzwischen aufgehört, mit ihm über die Totalverweigerung zu diskutieren, ein Stück weit kann sie seine Einstellung sogar verstehen und ist stolz auf ihren konsequenten Sohn.

Mittags hatte Philipp eine Stunde Freigang, in dieser Zeit durfte er sich unter Aufsicht auf dem Gelände bewegen und sein Handy benutzen. Dann kam er erst wieder zum Abendessen an die frische Luft. Die Zeit zwischen den Mahlzeiten kroch langsam. Knapp 20 Bücher las er allein im Juli. Anfangs viel "schwere Kost", philosophische Bücher etwa, später auch Unterhaltungsliteratur wie Dan Browns "Sakrileg".

Dem Arrest folgte der Arrest

Per Paket kamen die Bücher zu ihm. Besuch durfte er nur am Wochenende empfangen: eine Stunde, maximal zwei Personen und auch nur unter Aufsicht. Seine Eltern und seine beiden besten Freunde besuchten ihn jeweils zweimal.

Nach den ersten sieben Tagen wurde Philipp entlassen, auf Haftschäden untersucht und "als Soldat vernommen". Erneut wurde er aufgefordert, sich die Uniform anzuziehen, Philip verweigerte, ein Kommandeur verdonnerte ihn zu weiteren 14 Tagen Disziplinararrest.

Philip ging in die Zelle zurück, schrieb Briefe und lernte Portugiesisch. Er selbst sagt, dass er noch nie so viel geraucht habe: Zehn Zigaretten pro Tag.

Ein Wachmann, der für den Einlass zur Kompanie zuständig ist, unterhielt sich oft mit Philipp. Er sagt, man merke sofort, wie intelligent Philipp von Grund auf sei. Er habe Respekt davor, mit welcher Konsequenz der Verweigerer seinen Arrest absaß. Aber die Gründe, die könne er nicht verstehen.

"Der Junge muss doch wissen, dass er sich damit seine Zukunft verbaut"

"Er hätte sich doch so leicht ausmustern lassen oder Ersatzdienst leisten können. Der Junge muss doch wissen, dass er sich damit seine Zukunft verbaut und Vorstrafen bekommt", sagt er kopfschüttelnd. Philipp ist das egal, er habe nach bestem Gewissen gehandelt, sagt er. Und die Vorstrafe werde schon bald aus dem Bundeszentralregister gelöscht, mit etwas Glück schon vor dem Ende seines Studiums. Er will sich im Herbst in Jena für Informatik und Philosophie einschreiben.

Nach den ersten zwei Disziplinarstrafen wurden ihm wegen Befehlsverweigerung erneut 21 Tage Arrest erteilt. Am 10. August kam Philipp frei, sein Kompaniechef hatte einen Antrag auf vorzeitige Entlassung gestellt: die Begründung lautete, er "gefährde die Ordnung der Truppe".

Philipp gilt durch die Entlassung immer noch als Soldat. In der Kaserne hat er allerdings Hausverbot.

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22.09.2010 von hhhhhhhhhhhh:   

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22.09.2010 von rabenkrähe: Absurd

.... Sicher, nur führt sich eine Demokratie genau damit ad absurdum, indem sie klare demokratische Prinzipien einfach umdichtet, wie es der eigenen Karriere dient! rabenkrähe mehr...

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