"Drei Fünfen standen dieses Jahr in meinem Abschlusszeugnis, in Geografie, Musik und in Geschichte. Das bedeutete, dass ich das Klassenziel nicht erreicht habe. In die neunte Klasse des Gymnasiums durfte ich so nicht vorrücken. Eigentlich - denn es gab noch eine letzte Chance für mich: die Nachholprüfung in Geschichte. Der Test war am Montag, bevor die Schule wieder losging. Ich bin schon mit einem mulmigen Gefühl im Bauch aufgewacht, aber eigentlich war ich gut vorbereitet.
Um das ganze Wissen aus dem letzten Schuljahr nachzuholen, habe ich in den sechs Wochen Sommerferien gelernt. Was meine Mitschüler das Jahr über gebüffelt haben, musste ich in meiner Freizeit nachholen. Das war blöd, aber es nützte nichts. Ich war selbst schuld an der Situation. Am Gymnasium wollte ich unbedingt bleiben, vor allem weil dort meine Freunde sind. Der Test war wichtig für mich.
Auf die Idee mit der Prüfung kam mein Geschichtslehrer. Zum Halbjahr hat sich schon abgezeichnet, dass ich in Geschichte schlecht bin. In den Arbeiten hatte ich keine guten Noten. Das konnte ich auch durch Unterrichtsbeiträge nicht ausgleichen. In der Schule bin ich oft still und zurückhaltend und sage kaum etwas. Mein Lehrer und ich haben dann gemeinsam einen Plan entwickelt, wie ich besser lernen kann. Den habe ich aber nicht umgesetzt. Warum, weiß ich nicht genau. Die Zeit ist mir weggerannt. Das Schuljahr war rum und die schlechten Noten ließen sich nicht mehr ausradieren. Erst dann ist mir bewusst geworden, dass ich faul war und nicht darauf geachtet habe, mich zu verbessern.
Ich glaube, ich hätte es nicht geschafft, den vielen Stoff in der kurzen Zeit allein nachzuholen. Das haben meine Eltern auch bemerkt und mich zur Nachhilfe angemeldet, Crashkurs Französische Revolution. Zehn Mal 90 Minuten Napoleon, Robespierre und die Jakobiner. Meine Eltern fanden es gerecht, dass ich in den Ferien lernen muss. Sie haben die Nachhilfe als gute Chance gesehen und deshalb auch die 180 Euro dafür gezahlt.
Nun war das alles umsonst: Am Donnerstag, dem ersten Schultag in Hamburg, habe ich erfahren, dass ich die Prüfung versiebt habe. Eine Fünf stand auf dem Prüfungsbogen. Der Lehrer meinte, dass er gesehen hat, dass ich viel gelernt habe, aber dass ich an der Frage vorbeigeschrieben habe. Ich war sehr enttäuscht.
Französische Geschichte war anfangs gar nicht mein Fall. Durch die Nachhilfe hat mir das Thema aber ein bisschen mehr Spaß gemacht. Das lag wohl auch daran, dass meine Nachhilfelehrerin die Zusammenhänge gut erklären konnte. Zu den verschiedenen Themenbereichen hat sie mir Blätter mit Zusammenfassungen gegeben. So kam System in die Lernerei. Um die vielen Jahreszahlen im Überblick zu behalten, haben wir oft Zeitstrahle angelegt. Gar nicht so leicht, sich zu merken, wer wann wen gekrönt hat. Die Nachhilfelehrerin hat mir auch immer mehr erzählt, als ich eigentlich wissen muss.
Leider hat mir das für den Test am Montag auch nicht geholfen. Bei der ersten Aufgabe musste ich drei revolutionäre Ereignisse von 1789 schildern. Da ging es mir einigermaßen gut. Ich bin eher an der zweiten Aufgabe gescheitert. Ich sollte einen Brief aus der Sicht der englischen Königin schreiben, wie es um die Beziehungen zwischen Frankreich und Großbritannien steht. Das fiel mir richtig schwer. Gleich nach der Prüfung war ich traurig, dass es nicht so gut gelaufen ist, wie ich dachte.
Als drei Tage später das Ergebnis kam, hat sich bewahrheitet, was ich am Prüfungstag schon dachte: Es war wohl der schlimmste Tag meines Lebens. Ich muss jetzt an eine Realschule wechseln, neue Freunde finden, mich neu einleben. An welche Schule ich jetzt gehe, weiß ich noch nicht genau. Ich hoffe, dass ich übers Wochenende eine finde.
Ich bereue es jetzt noch viel mehr, dass ich mich im letzten Schuljahr nicht angestrengt habe. Nächstes Jahr werde ich vieles anders machen. Zum Beispiel von vornherein jeden Tag den Stoff aus der Unterrichtsstunde wiederholen. Und einfach mehr für die Schule tun."
*Name geändert
Aufgezeichnet von Christina Kufer
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