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27.08.2010
 

Austauschziel Deutschland

Von christlichen Regeln und Hippies am See

Von Christina Kufer

Austauschziel Deutschland: Tristesse in christlicher Biederkeit
Fotos
Neue Visionen Filmverleih

Gastschüler kommen nach Deutschland, um Erfahrungen in einer ihnen fremden Kultur zu sammeln. Doch ein neuer Film zeigt, auf welche Probleme sie oft treffen: Langeweile, Sprachbarriere, Kulturschock. Es ist ein Film über enttäuschte Erwartungen - und über den Alltag in deutschen Familien.

Austauschschülerin Conty sitzt alleine am gedeckten Tisch und wartet. Wartet, dass ihre Gastfamilie zum Kaffeetrinken kommt. Doch die starren auf Monitore und Bildschirme. Vater und Sohn spielen mit dem Joystick ein Computerspiel, die Gastschwester hat sich ihre Nintendo DS geholt. Elektronische Geräusche durchbrechen die Stille, keiner sagt ein Wort. Conty sieht von einem zum anderen, keiner schaut zu ihr auf.

Die Dokumentarfilmerin Eva Wolf hat die Szene für ihren Film "12 Monate Deutschland" eingefangen, der im September ins Kino kommt. Ein Jahr lang hat sie vier Austauschschüler mit ihrer Kamera begleitet. Conty aus Chile ist eine davon. Entstanden ist ein Kinofilm über Austauschschüler in Deutschland und ihre Probleme: Langeweile, Sprachbarriere, Kulturschock. Und nebenbei gewährt Wolfs Film Einblick in den Alltag deutscher Familien.

Auch Kwasi aus Ghana wurde in seinem Austauschjahr vor zwei Jahren von Wolfs Kamera begleitet. Seine Mutter hatte ihn für ein Jahr nach Deutschland geschickt, damit er die Sprache lernt. Zuhause in Ghana lebt Kwasi in einer Millionenstadt. In Deutschland hat es ihn in das 3000-Einwohnerdörfchen Rastenberg verschlagen. Seine Gastfamilie dort lebt sehr christlich und mit vielen Regeln - zu viele für Kwasi.

Viele wollen nach Berlin - und landen in einem Nest

Zwei Stunden täglich darf er fernsehen, eine Stunde Playstation spielen. Ansonsten wird Holz gehackt, damit abends alle warm duschen können. "Ich habe meine Freiheit vermisst", erzählt Kwasi SPIEGEL ONLINE heute, zwei Jahre danach. Der Schüler langweilte sich in der dörflichen Idylle, wusste nicht, was er unternehmen sollte.

Dieses Problem haben Gastschüler in Deutschland häufig, sagt Heike Szebrat aus Erfahrung. Seit 13 Jahren betreut sie Austauschschüler, die nach Deutschland kommen. Die Lehrerin leitet das Komitee Stendal der Austauschorganisation AFS. Nach Informationen der Organisation machen jedes Jahr 2000 Jugendliche im Alter zwischen 15 und 18 Jahren ein Austauschjahr in Deutschland. "Viele Schüler erwarten, dass sie nach Hamburg, Berlin oder München kommen, und landen dann in einem Nest mit 1800 Einwohnern", sagt Szebrat. Eine große Umstellung, zumal die Schule in Deutschland häufig schon am frühen Nachmittag endet.

Kwasis Langeweile schlug zunehmend in eine Mischung aus Frust, Provokation und Angst um. Die Kamera war immer dabei. Wolf hat eine Szene im Wohnzimmer gefilmt: Die Familie sitzt um den Fernseher herum und sieht sich eine Videoaufnahme von einem Chorauftritt der Kinder an. Es ist christliche Musik, soft und leise. Dann der Schnitt in Kwasis Zimmer, wo er vorm Schreibtisch sitzt. Aus dem CD-Player dröhnt lauter englischer Rap.

Ohne Worte arbeitet Wolf den Unterschied zwischen Kwasi und seiner Gastfamilie heraus. Mit seinem tief ins Gesicht gezogenen Kapuzenpulli wirkt er wie ein Fremdkörper in der biederen, christlichen Familie.

"Manchmal verlieren Familien die Kraft"

Nach einigen Monaten kam es zur Eskalation zwischen Kwasi und seiner Familie. Heute, zwei Jahre nach dem Austauschjahr, erzählt Kwasi die Geschichte so: Weil Bruder Immanuel die Videospielbeschränkung von einer Stunde überschritten hat, geraten die beiden aneinander. Kwasi provoziert ihn, sagt ihm, er soll aufhören. Immanuel wird sauer, der Streit gipfelt in einer Schlägerei. Kwasi entscheidet sich, die Familie zu wechseln und geht. "Ein bittersüßes Gefühl", sagt er. Er war glücklich, die Familie zu verlassen und auch traurig, dass es so auseinanderging.

Die anderen drei Gastschüler aus dem Film blieben auch nicht in der ersten Familie. Nairika, Conty, Eduardo und Kwasi fühlten sich alle anfangs nicht wohl. Die Probleme waren unterschiedlich. Manchmal hat einer der vier das vermisst, was den anderen genervt hat. Conty wollte mehr Gespräche mit ihrer Familie, Eduardo hingegen war mit den intellektuellen Diskussionen seiner Gasteltern sprachlich überfordert. Gasteltern hätten ebenso ihren Anteil daran, dass der Aufenthalt früher als geplant zu Ende geht, sagt Heike Szebrat. "Manchmal merken Familien, dass ein Gastschüler im Laufe eines Jahres anstrengend sein kann und verlieren die Kraft."

Doch ein Familienwechsel müsse nicht unbedingt negativ sein, meint Eva Wolf. Den vier Austauschschülern im Film gelingt es, sich in der zweiten Familie schneller zurechtzufinden. "Und sie schrauben ihre Erwartungen zurück", erzählt die Dokumentarfilmerin.

"Er ist mein Sohn"

Kwasi aus Ghana wechselte von der zehnköpfigen christlichen Familie in einen dreiköpfigen Hippie-Haushalt. Gastvater Jörg trägt Dreadlocks, man fährt zum Zelten an den See. Den bunten Kapuzenpulli hat Kwasi jetzt nicht mehr so oft ins Gesicht gezogen. In der zweiten Familie lernt er, offener zu werden und auch andere Meinungen zu akzeptieren.

Zwei Jahre nach dem Austausch und nachdem er den fertigen Film gesehen hat, denkt Kwasi anders über seine erste Gastfamilie, besonders über Gastmutter Wiebke, deren Rigidität ihn so sehr gestört hat: "Ich respektiere sie."

Gerade ist Kwasi für sechs Wochen zurück in Deutschland, um seine zweite Gastfamilie zu besuchen. Die Gelegenheit hat er genutzt, um sich bei den ersten Gasteltern zu entschuldigen. "A good name is better than riches", sagt der Junge aus Ghana heute. Ein guter Ruf ist mehr wert als Reichtümer. Sein Ruf bei Gastmutter Wiebke und den anderen ist wiederhergestellt. "Ich kann ihm jetzt frei begegnen", sagt sie im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Die Beziehung zwischen Kwasi und der ersten Familie ist immer noch nicht innig, aber zumindest geklärt. Seine Heimat in Deutschland hat er in der zweiten Familie gefunden, die ihn letztes Jahr sogar in Ghana besucht hat. "Er ist mein Sohn", sagt die zweite Gastmutter Heidi.

Der Film "12 Monate Deutschland" von Regisseurin Eva Wolf startet am 23. September 2010 in den deutschen Kinos.

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