"In meiner Schule ärgern mich immer alle. Sie schlagen mich", erzählt eine Anruferin, die die kostenlose "Nummer gegen Kummer" gewählt hatte. Mario Ziebell hört sich das Problem der Anruferin genau an und erkennt sofort, dass es sich hier wieder mal um Mobbing handelt. Er versucht, für einen Moment ihre Last mitzutragen.
Und dann hört Mario die Frage, die er so oft hört: "Was soll ich denn jetzt machen?"
Die meisten, die das kostenlose Kinder- und Jugendtelefon anrufen, stellen diese Frage. Egal ob jemand gerade von seinem ersten Freund verlassen wurde, beim ersten Mal vollkommen versagt hat oder ihm in seinem Freundeskreis Drogen angeboten wurden. Die Jugendlichen suchen Rat. Und da gleichaltrige Jugendliche meist nahe an den Problemen der Anrufer dran sind, klingelt bei der "Nummer gegen Kummer" im Bereich "Jugendliche beraten Jugendliche" am Samstag rund 350-mal das Telefon.
Die meisten Anrufer sind zwischen 10 und 19 Jahre alt. Zwei Drittel der Anrufer sind Mädchen. Während unter der Woche Erwachsene oder professionelle Berater am Telefon sitzen, haben die Jugendlichen jeden Samstag zwischen 14 und 20 Uhr ein offenes Ohr. Meist sitzen sie in Zweierteams am Telefon: Während der eine am Telefon ist, sitzt der andere nebenan und hört zu. Wenn der Berater einmal nicht weiter weiß, werden einfach kleine Zettelchen hin und her geschoben.
Manche Probleme belasten auch die Berater
Und wieder klingelt das Telefon. "Meine beste Freundin hat mich angelogen", ertönt es am anderen Ende der Leitung. Mario Ziebell wird sich heute noch viele Probleme anhören. "Die Jugendlichen rufen wegen verschiedensten Problemen bei uns an. Ob es den ersten Zungenkuss betrifft, sie sich in einem Trauerfall befinden oder gerade vergewaltigt wurden", sagt Ziebell. "Mein erster Vergewaltigungsfall war schon intensiv. Das Problem nimmt man dann meist selbst mit nach Hause", erzählt der 22-Jährige, der sich ehrenamtlich engagiert. Doch die beratenden Jugendlichen werden auch gut betreut.
"Einmal im Monat findet bei den jungen Beratern eine Supervision statt, bei der sie mit einem ausgebildeten Supervisor nochmals die Probleme besprechen und reflektieren. Sie tauschen sich untereinander aus und können auch ihre Sorgen ansprechen", sagt Mara Leya, die den Bereich "Jugendliche beraten Jugendliche" koordiniert. Die 23-Jährige hat vor acht Jahren selbst als beratende Jugendliche angefangen: "Es ist ein gutes Gefühl, anderen Jugendlichen zu helfen."
Momentan arbeiten rund 300 Jugendliche an 15 Standorten für das Sorgentelefon. Wer beratender Jugendlicher werden will, muss eine 70-stündige Ausbildung absolvieren und anschließend zehn Stunden hospitieren. Die Jugendlichen erfahren in Lehrgängen mehr über Kommunikationstheorie, erlernen Gesprächstechniken und bearbeiten Themen wie Mobbing, sexuellen Missbrauch und häusliche Gewalt. In Rollenspielen üben sie dann die ersten Telefongespräche.
Auch Fragen zu Oralsex werden beantwortet
Das Prinzip lautet: Hilfe zur Selbsthilfe. "Die beratenden Jugendlichen sollen den Anrufern nicht irgendeine Lösung aufdrücken oder allgemeingültige Ratschläge geben, sondern mit ihnen gemeinsam eine Lösung finden. Oder zumindest den Ansatz einer Lösung", sagt Diplom-Pädagogin Anna Zacharias, die für "Jugendliche beraten Jugendliche" bei der "Nummer gegen Kummer" zuständig ist. "Denn meistens haben die Jugendlichen schon selbst einen Lösungsansatz, der nur noch nicht strukturiert ist", sagt sie.
Manchmal aber hören die beratenden Jugendlichen auch einfach nur zu oder geben reine Informationen weiter. Wenn zum Beispiel jemand fragt, was Oralsex ist, wird diese Frage schnell beantwortet. Wenn es aber um schwerwiegende Probleme geht wie häusliche Gewalt oder ungewollte Schwangerschaft, vermittelt das Sorgentelefon auch an Beratungsstellen in der Region weiter.
Doch auch sogenannte Scherzanrufe gehen bei den Jugendlichen ein. "Wir nennen diese Anrufe 'alternative Kontaktversuche'. Denn meistens stecken hinter den Scherzanrufern Jugendliche, die zunächst bei uns anklopfen wollen. Sie wollen erst mal prüfen, wie so was abläuft, und haben mitunter wirkliche Probleme", erzählt Mara Leya. Wer dann zum Telefon greift, ist schon einen entscheidenden Schritt weiter.
Bei einem Anruf bleiben sowohl der Anrufer als auch der Seelsorger anonym. So soll das nötige Vertrauen aufgebaut werden.
Am Ende eines jeden Telefonats, das manchmal nur fünf Minuten dauert, manchmal auch bis zu 30 Minuten, fühlen sich die Anrufer besser. "Manchmal sagen uns das die Jugendlichen am Ende des Telefonats. Andere rufen ein zweites Mal an, um sich für die Hilfe zu bedanken", sagt Mara Leya. Und Mario Ziebell erzählt: "Bei mir haben einmal drei Musikschüler angerufen, die haben sich mit einem musikalischen Ständchen bei mir für die geleistete Hilfe bedankt. Das war überwältigend."
Die Nummer gegen Kummer: 0800 111 0 333
Von Anja Guhlan für die Jugendzeitung "Yaez"
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So etwas ist extrem wichtig für instabile Heranwachsende, ein kleines Gespräch , etwas so kleines unbedeutendet kann soviel bewirken und aufmuntern, da sollten diverse Investmentbanker mal anrufen. mehr...
"Hier werden sie geholfen" - das ist doch wohl arg flapsig bei solch einem Thema. Mehr Respekt! mehr...
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