Von Christian Fuchs
Um die Tageszeit kommen andere Rapper gerade von der After-Show-Party heim. Morgens um sieben steht Doppel-U im Dorf Hoym in Sachsen-Anhalt. Doppel-U heißt eigentlich Christian Weirich und ist nicht nur Rapper, sondern auch Schiller-Fan. Heute gibt er mit seinem Begleit-MC Chill'O und dem Tontechniker Coach pünktlich zu Schulbeginn ein Konzert in der Seelandschule Nachterstedt. Danach sollen die Schüler in Workshops selbst aus alten Zeilen coole Raps machen - ganz nach dem Credo von Doppel-U: "Gedichte sind HipHop!"
Auf die Rückseite seiner Autogrammkarte hat Weirich sein Lebensmotto geschrieben: "Der Weg ist das Ziel". Das ist die Moral aus dem Schiller-Gedicht "Der Pilgrim". Seit fast zwei Jahren tourt der 23-Jährige durch Europa und rappt Gedichte von Schiller, Goethe oder Eduard Mörike. "Schiller ist ein Killer", sagt er über des Dichters Wortgewalt und erklärt seine Faszination so: "Er war ein Kämpfer für die Freiheit." Weirich hat schon 150 Konzerte gegeben, tourte durch Schweden, Polen, die Schweiz, Luxemburg und ins deutsche Fernsehen zu Johannes B. Kerner.
"Eins zwo, eins zwo", dröhnt es aus den Boxen in Nachterstedt. Doppel-U und Chill'O stehen auf den dunkelbraunen Holzplanken der Bühne und sprechen sich warm. Eine Discokugel baumelt traurig von der Decke, gegenüber der Bühne prangt ein meterbreites realsozialistisches Gemälde mit Hammer, Zirkel und Fabrikarbeitern. 260 Schüler der Klassen 5 bis 10 strömen in den Saal. Sie setzen sich artig auf die Stühle am Rand - und werden sogleich vom Rapper aufgescheucht: "Wir sind doch hier nicht in der Schuldisco, das ist nicht euer Ernst, oder?" Doppel-U fordert seine Zuhörer auf, vor der Bühne Stimmung zu machen.
Kollegenschelte: "Pussy-Rapper" und "Soapstar-Sänger"
Als dann die Beats aus dem Rechner anspringen, beginnt die Show mit der Sprechgesangsversion von "Der Pilgrim" - der Weg ist das Ziel. "Noch in meines Lebens Lenze / War ich, und ich wandert' aus / Und der Jugend frohe Tänze / Ließ' ich in des Vaters Haus."
Es ist ein Stilbruch, was Weirich da macht - seine Texte gefallen nicht jedem in der Szene. In Thüringen, wo er seit acht Jahren unterwegs ist und sogar mit HipHop-Helden wie RZA vom Wu-Tang-Clan oder den bekannten deutschen Rappern Spax und Dendemann auf der Bühne stand, verstanden nur wenige sein Interesse am klassischen Kulturgut. "Pussy-Rapper" oder "Soapstar-Sänger" nannten sie ihn, weil er auf Sex und Gewalt in seinen Texten verzichtet. Doppel-U versteht das nicht: "Schiller war ein Rapper." Ein gutes Gedicht bleibe ein gutes Gedicht, auch nach Hunderten Jahren.
Mit Gedichten kennt er sich aus. Mehrmals hat Doppel-U Freestyle-Battles und Poetry Slams gewonnen. Bei diesen Wortwettkämpfen kommt es darauf an, sein Gegenüber auf der Bühne witzig und in Reimform zu beleidigen. Wer am spontansten kreativ reimen kann, gewinnt. Eine Erfahrung, die Doppel-U heute in Nachterstedt brauchen kann.
Er hockt auf der Bühne, schüttelt den Kopf und brüllt in die Menge: "Mal kucken, ob der nächste Track klappt, ansonsten haben wir echt abgekackt." Seit einigen Minuten spinnt die Anlage, seine Stimme ist im Saal nicht zu hören. Kabelsalat. Ohne Verstärkung intoniert Weirich spontan das passende Schillergedicht "Schicksalsschläge". Die Konzertbesucher klatschen mit. Die Älteren nicken lässig mit dem Kopf, obwohl ihre Bomberjacken und Pullover mit "Thor Steinar"-Logo andere Vorlieben vermuten lassen.
Irgendwann ist das Konzert vorbei. Doch die Arbeit ist längst nicht getan. Autogrammjäger drängen sich vor der Bühne. Auf Basecaps, Rucksäcke und sogar lederne Fußballschuhe drückt Doppel-U sein Tag. Fünf Minuten Pause. Dann beginnen die Workshops.
Seine Idee, deutsche Klassiker auf Chartniveau zu bringen und Deutschstunden in HipHop-Jams zu verwandeln, hat Doppel-U auch Ehre eingebracht. Seit diesem Jahr ist er offizieller Rapper der Initiative "Junge Dichter und Denker", deren Mentor Thomas D. von den "Fantastischen Vier" ist. Auch aus anderen Ecken gibt es Lob. Goethe-Institute laden ihn ein, um deutsche Sprache im Ausland modern zu vermitteln. Und der Intendant der Philharmonie Jena, Bruno Scharnberg, ist ebenfalls begeistert von Doppel-Us "Zauberlehrling"-Adaptation.
Schiller-Rap als Lehrbuch
"Brrrrrrrrrr." Die Teilnehmer des Workshops im Saal lassen ihre Lippen flattern. Dabei entsteht ein Geräusch wie beim Start eines Hubschraubers. Aufwärmübungen. Gleich sollen die Schüler selbst ein Gedicht rappen. Zuerst den Zauberlehrling.
"Der Typ wird während des Songs immer hektischer, der macht voll einen auf Busta Rhymes", kündigt Doppel-U die klassische Geschichte vom Azubi an, der die Zaubersprüche falsch anwendet und darum die Geister, die er rief, nicht wieder los wird. Die Nachwuchsrapper stehen in U-Form und sprechen den Text mit, wieder und wieder. Nächstes Lied. "Das hat Goethe für eine Frau geschrieben, die keinen One-Night-Stand mit ihm wollte", so führt Doppel-U ins Thema ein. "Um sie doch noch rumzukriegen, dichtete er 'Gefunden'".
Den Schülern gefällt Weirichs Art. Chris Schagow, Sänger der Schulband aus der 10. Klasse: "Im Deutschunterricht müssen wir immer nur interpretieren. rappen ist natürlich geiler." Auch Schlagzeuger Mathis Seliger lobt die "gute Stimmung, obwohl es nicht meine Musik ist". Auf seinem schwarzen T-Shirt steht "Nirvana" , auf seinem Rucksack "Limp Bizkit".
Seinen Live-Erfolg will Doppel-U jetzt auch mit einem Lehrbuch in die Schulen tragen. Mit "Goethe und Schiller - Ein interaktives Rap-Hörbuch" hat er das Lehrmaterial zu seinen Workshops bei einem großen Schulbuchverlag veröffentlicht.
Natürlich mit einer Rap-CD als Buchbeilage.
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